Beruf und Privates Unternehmen scheuen flexible Arbeitszeitmodelle

Moderne, flexible Arbeitswelt? Na ja: Was Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten, um Beruf und Privatleben zu vereinbaren, ist hausbacken. Stark verbreitet sind Arbeitszeitkonten, aber raffinierte Ideen wie Jobsharing oder Sabbatical finden kaum Anklang. Und viele Firmen versuchen es erst gar nicht.

Arbeiter an Stechuhr, um 1900: Noch immer scheuen Unternehmen flexible Modelle

Arbeiter an Stechuhr, um 1900: Noch immer scheuen Unternehmen flexible Modelle


Wer Beruf und Privatleben aufeinander abstimmen will, muss flexibel sein. Nur so kann er auf Unerwartetes reagieren, etwa wenn der Partner krank wird oder ein Kind gerade besonders viel Zuwendung braucht.

Um das zu ermöglichen, bieten manche Unternehmen ihren Mitarbeitern einen bunten Strauß von Maßnahmen an. Von der fixen Arbeitszeit, gemessen mit der Stechuhr, ist man in vielen Bereichen des Berufslebens ohnehin schon lange weg, so kann die Arbeitszeit variabel gestaltet werden. Hinzu kommen Sonderurlaube, Arbeitsmöglichkeiten zu Hause ("Home Office") oder Sabbatjahre, die eine längere Auszeit erlauben. Beliebt in der Debatte über eine moderne Arbeitswelt ist auch das Jobsharing, wo eine Planstelle von mehreren Mitarbeitern geteilt wird.

Solche Glamour-Maßnahmen spielen allerdings in der Wirtschaft tatsächlich kaum eine Rolle. Jobsharing wird in sechs Prozent der deutschen Unternehmen genutzt, Sabbatjahre sogar nur in vier Prozent.

Große Unternehmen sind im Vorteil

Das bedeutet nicht, dass flexibles Arbeiten nicht möglich wäre: Arbeitszeitkonten und Gleitzeit erfreuen sich großer Beliebtheit und werden jeweils von gut 60 Prozent der Betriebe praktiziert. Für manchen vielleicht überraschend: Home Office (30 Prozent) und freie Mitarbeit (13 Prozent), also Formen der losen Bindung an den Firmenalltag, sind ebenfalls eher wenig verbreitet. Das geht aus einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts unter rund 1000 Personalleitern hervor, die im Rahmen des vierteljährlichen Ifo-Randstad-Flexindex durchgeführt wurde.

Diese Formen der flexiblen Anbindung erfordern nämlich einen größeren organisatorischen Aufwand. Es liegt auf der Hand, dass man erst mal genug Mitarbeiter haben muss, um zwei von ihnen auf eine Stelle zu setzen. Deshalb verwundert der Vergleich der Größenklassen von Unternehmen nicht: In Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sind fast alle Modelle stärker verbreitet, Arbeitszeitkonten etwa mit 83 Prozent. Hier kommen auch Jobsharing und Altersteilzeit auf je rund 20 Prozent. In Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern ist beispielsweise Gleitzeit deutlich seltener anzutreffen (53 Prozent).

Allerdings gibt es auch eine Gruppe von Firmen, die ihren Mitarbeitern keinerlei Freiräume bei der Arbeitszeitgestaltung lassen: Immerhin zehn Prozent aller befragten Personalchefs gaben das an.

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Voll- und Teilzeit: Deutsche sind mit Arbeitszeiten unzufrieden

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insgesamt 10 Beiträge
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Nadadora 25.07.2012
1. Teilzeit nicht für jeden
Obwohl offiziell jeder das Recht auf Teilzeit hat, wird dieser bei uns im öffentlichen Dienst nur denjenigen genehmigt, die kleine Kinder oder alte Eltern zu versorgen haben. Ich empfinde das als Diskriminierung. Man nimmt das Argument in Anspruch, dass es keine Möglichkeit dazu gäbe, weil die Vollzeitstellen zum Erhalt des Dienstbetriebes nötig seien. Wieso gilt das dann nicht auch für die genehmigten, o. g. Stellen?
rheingucker 25.07.2012
2. "Trotzdem nicht!"
Eine Kollegin wollte mit Kleinkind eine Woche arbeiten (in der ihr Partner das Kind betreute), eine Woche nicht. Aber für ein Jobsharing gab es keine Chance. Unser damaliger Chef zu mir: "Wenn Du und die Y Euch das so aufteilen würdet, das würde klappen. Wir wüssten, dass wir uns 100% auf Euch verlassen können. ABER TROTZDEM NICHT." Bloss nicht grundsätzlich eine neue Option im Betrieb einführen. Man war sich auch nicht zu schade zu argumentieren, die Übergabe von Aufgaben könne schwierig sein. Bitte? Wir arbeiteten für ein Medienunternehmen im aktuellen Bereich, da war die Aufgabe (tagesaktuelles Thema) jeden Morgen neu. Meine Antwort: Arbeitgeberwechsel. Siehe da, es geht.
lotoseater 25.07.2012
3.
Zitat von sysopUhrenindustriemuseum Moderne, flexible Arbeitswelt? Naja: Was Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten, um Beruf und Privatleben zu vereinbaren, ist hausbacken. Stark verbreitet sind Arbeitszeitkonten, aber raffinierte Ideen wie Jobsharing oder Sabbatical finden kaum Anklang. Und viele Firmen versuchen es erst gar nicht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,846324,00.html
Für mich nicht überraschend. Das sind Arbeitszeitmodelle, die nicht überall möglich sind. Schon allein der Begriff "Home Office" zeigt deutlich, dass dies nur für Bürotätigkeiten möglich ist. Im Home Office kann ich keine Schuhe verkaufen oder ne Produktionsanlage bestücken. Und der LKW entlädt sich auch (noch) nicht automatisch per Mausklick von zu Hause... ;-) Und freie Mitarbeit geht auch nur in den Arbeitsbereichen, wo keine firmenspezifische Einarbeitung nötig ist. Außerdem ist es nicht in allen Branchen gleich leicht, sich als Dienstleister selbstständig zu machen, schließlich braucht man da teilweise erst mal das nötige Kapital für die entsprechende Ausrüstung.
Leser161 25.07.2012
4. Jobs sind halt nicht flexibel
Kann ja sein, dass Arbeitnehmer heute flexibel sind vielelicht sogar gerne. Aber Arbeitsstellen sind nunmal nicht flexibel. Sobald jemand mehr macht als Tütenkleben sammelt er automatisch Erfahrung an die es recht schwierig macht ihn zu 1:1 zu ersetzen. Hinzukommt, wenn zwei Leute sich eine Stelle teilen hat man automatisch ein Kommunikationsproblem. Wenn ich nur vormittags arbeiten würde müsste ich alle Infos, an die ich mich normalerweise nachmittags einfach erinnere, an meinen Mitstelleninhaber weitergeben. Da ich mein Gerhirn aber leider nicht dumpen kann wäre das eine ziemlich aufwändige und fehleranfällige Sache.
SozialRomantiker 25.07.2012
5. Flexibilität?
Ja gerne, wenn es um Überstunden geht, aber wehe, es geht um Flexibilität im sinne der Arbeitnehmer, dann herrscht Betonkopf. Schon alleine der Terror der Frühaufsteher ist nervtötend für Leute, die halt entweder nicht zu dieser Gruppe gehören oder wegen einer längeren Anfahrt nicht Punkt 8 oder 9 Uhr auf der Matte stehen können. Es wäre mal an der Zeit, die Fahrtzeiten der Pendler zu 50-100% als Arbeitszeit zu berechnen, dann würden vermutlich ratzfatz eine ungeahnte Flexibilität ausbrechen, Solange es aber günstiger ist, die Leute lange fahren und übermüdet ins Büro kommen zu lassen, wird sich daran nichts ändern. Ich denke, dass Arbeitgeber, die ihren Arbeitnehmern keine Flexibilität in Sachen Arbeitszeit und Arbeitsort anbieten, zukünftig ein massives Problem damit haben werden, noch qualifizierte Fachkräfte zu finden, die Work-Life-Balance nicht mehr bloß als Synonym für Überstunden und Zeitkonten verwendet wissen wollen. Und am nervigsten ist immer noch der Terror der Frühaufsteher, die zwar brav um 8 Uhr im Büro sind, dort aber erstmal eine halbe bis ganze Stunde mit Kaffeetrinken, Frühstück und Toilettengang verbraten, bevor sie tatsächlich mit der Arbeit anfangen. Aber wehe, es kommt ein Kollege variabel zwischen 8 und 10 Uhr, dann wird die Nase gerümpft und ihm Faulheit unterstellt, auch wenn B-Typen bekanntlich kreativer und produktiver sind als die Frühaufsteher - vorausgesetzt, man ermöglicht ihnen weitgehend ihren natürlichen Biorythmus zu leben. Aber in unserer irren Wirtschaft gelten Frühaufsteher ja unsinnigerweise als fleißiger als Spätaufsteher, obwohl Spätaufsteher in diversen Studien als kreativer, produktiver und teils gar intelligenter als Frühaufsteher eingestuft wurden. Frühaufsteher sind vielfach lediglich eines: gute Untertanen und willige Sklaven.
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