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Wunsch nach Karriere-Abstieg "Immer wieder heißt es, ich sei überqualifiziert"

Tobias, 54, will in der Karriere bewusst ein paar Stufen absteigen, hat mit seinen Bewerbungen aber kein Glück. Der Karrierecoach Matthias Martens verrät, welche Vorbehalte Arbeitgeber haben könnten - und wie man sie ausräumt.
Einmal Chef, immer Chef? Bewusster Abstieg in der Hierarchie sorgt bei Personalern oft für Skepsis

Einmal Chef, immer Chef? Bewusster Abstieg in der Hierarchie sorgt bei Personalern oft für Skepsis

Foto: Uwe Umstätter/ Westend61/ Getty Images

Tobias*, 54, Dipl.-Ing. Nachrichtentechnik, fragt:

Ich habe vor einem halben Jahr meine Stelle als IT-Leiter verloren. Denn meine Firma wurde von einem anderen Konzern übernommen, der meine Abteilung in die dort vorhandene IT-Struktur integriert hat. Für mich sehe ich darin die Chance, in der Hierarchie einen Schritt zurückzugehen und damit weniger Verantwortung zu haben und weniger belastet zu sein.

Ich möchte nicht mehr so viel über Strategien und Firmenpolitik streiten, sondern lieber mehr an neuen Technologien arbeiten. Deshalb würde ich gerne ein kleines Team im IT-Service oder Netzwerkbetrieb leiten. Aber meine Bewerbungen für entsprechende Stellen sind allesamt erfolglos. Ich wäre überqualifiziert, heißt es immer wieder. Was kann ich tun?

Zum Autor

Matthias Martens, Jahrgang 1964, war zehn Jahre Personalleiter im Otto-Konzern, bevor er sich 2006 für die Selbstständigkeit entschied. Heute begleitet der Inhaber einer Outplacementberatung  als Berater und Coach vor allem Menschen in der Lebensmitte, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen. Alle Kolumnen von Matthias Martens  Mail an den Coach 

Hallo Tobias,

auf den ersten Blick kann ich Ihre Zielsetzung, und was Sie dazu motiviert, gut nachvollziehen. Auf den zweiten Blick frage ich mich, ob Sie durch einen Rückschritt in der Hierarchie tatsächlich weniger Druck empfinden werden. Denn welches Verantwortungsgefühl Menschen empfinden und wie sie mit Konflikten umgehen, sind eine Frage der Persönlichkeit - und weniger der Position.

Sie werden sich also auch in Ihrer nächsten Position, auch wenn Sie nur ein kleines Team leiten, damit auseinandersetzen müssen. Sofern Sie mit einem Chef zusammenarbeiten, der gern delegiert, wird sich Ihre zeitliche Belastung ebenfalls kaum vermindern. Zudem müssen Sie mit finanziellen Einbußen rechnen. All das sollten Sie bei Ihrer Entscheidung berücksichtigen.

Bleiben Sie trotzdem dabei, dass Sie in Ihrer Laufbahn einen Schritt rückwärts gehen möchten, hängt der Erfolg Ihres Vorhabens sehr davon ab, wie glaubwürdig Sie Ihre Beweggründe darstellen. Sie haben es ja bereits selbst gemerkt: Ein geplanter Karriererückschritt wird von potenziellen Arbeitgebern sehr skeptisch beäugt.

Obwohl es bereits viele positive Beispiele für nicht geradlinige Karriereverläufe gibt, lassen Auszeiten, Funktions- und Branchenwechsel oder der Wechsel von Führungs- und Expertenfunktionen Personalverantwortliche oftmals an der Kompetenz und Motivation von Bewerbern zweifeln. Leider.

In vielen Köpfen ist das Idealbild der stetigen Aufwärtskarriere noch fest verankert. Will jemand davon abweichen, wird das kritisch hinterfragt. Unbewusste Vorurteile und falsche Schlussfolgerungen bei Personalverantwortlichen oder Vorgesetzten führen dann dazu, dass Sie gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

So zerstreuen Sie die Zweifel

Sie müssen sich vorab überlegen, welche Vorbehalte Ihr Gegenüber haben könnte, dann bereits in Ihren Bewerbungsunterlagen darauf eingehen und schließlich im Vorstellungsgespräch die Zweifel ausräumen. Hier fünf Beispiele:

Arbeitsstil: In Ihrer bisherigen Führungsfunktion waren Sie es gewohnt zu delegieren. Ihr Vorgesetzter könnte befürchten, dass Sie deshalb wenig in Detailarbeit einsteigen. In Ihrem Lebenslauf sollten sie deshalb zeigen, dass Sie auch als Führungskraft oft mit Details beschäftigt waren. Greifen Sie im Anschreiben fachliche Aufgaben aus der Stellenausschreibung auf und bekunden Ihr Interesse daran.

Fehlendes Knowhow: Wichtig ist auch, dass Sie Ihre fachliche Expertise in den zukünftig relevanten Technologien und Methoden benennen. Haben Sie Messen und Kongresse besucht, Fortbildungen oder auch unbezahlte Praktika und Hospitationen absolviert, sollten Sie das geschickt in Ihre "Story" einflechten.

Konkurrenz zum Chef: Der potenzielle neue Vorgesetzte könnte befürchten, dass Sie in Opposition zu ihm gehen, weil Sie das Potenzial für seinen Job besitzen und seine Entscheidungen vielleicht kritisch bewerten. Spielen Sie deshalb Ihre Führungskompetenz herunter, in dem Sie Worte nutzen wie "kooperativ, teamfähig und hilfsbereit".

Unruhe im Team: Vermeiden Sie jegliche Andeutungen, die auf Geltungsbedürfnis schließen lassen. Allein Ihre Erfahrung als Führungskraft könnte Unruhe ins Team bringen, weil die Kollegen Sie als möglichen neuen Konkurrenten um die informelle Abteilungshierarchie empfinden. Ein auf Harmonie bedachter Chef wird das möglichst vermeiden wollen. Vielleicht können Sie darlegen, wie Sie aufgrund Ihrer Erfahrung als Ratgeber und Mentor für jüngere Kollegen bisher teamfördernd gewirkt haben.

Latente Unzufriedenheit: Vielleicht wird Ihnen auch unterstellt, Sie würden den Rückschritt nur aufgrund einer drohenden Arbeitslosigkeit erwägen und das Team bei nächster Gelegenheit für attraktivere, besser vergütete Joboptionen wieder verlassen. Sie müssen demnach damit rechnen, dass Ihre Motivation intensiv hinterfragt wird. Entkräften Sie solche Zweifel mit einer stichhaltigen Argumentation.

Idealerweise können Sie Ihren Wunsch nach einer stärker fachbezogenen Aufgabe mit früheren Karriereentscheidungen belegen. Nehmen Sie Bezug auf Phasen hoher beruflicher Zufriedenheit. Je konkreter Sie dies darstellen, desto glaubwürdiger wirken Sie.

Meine Empfehlung: Überarbeiten Sie entsprechend dieser Tipps Ihre Unterlagen. Und nutzen Sie die Gelegenheit, sich vorab in einem kurzen Telefonat zur ausgeschriebenen Stelle zu erkundigen. Das ermöglicht Ihnen, mögliche Einwände gegen Ihre Bewerbung frühzeitig zu erkennen - und mit Ihrem Anschreiben und dem hoffentlich folgenden Vorstellungsgespräch glaubwürdig zu entkräften.

*Name und Fall sind fiktiv, aber repräsentativ für Fälle, die Matthias Martens immer wieder in seiner Personalberatung betreut.
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