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Glückliche Zeitarbeiter »Ich muss mich nicht mehr um Urlaub streiten und verdiene besser«

Zeitarbeit ist nicht zwangsläufig Ausbeutung in prekären Verhältnissen. Hier erzählen drei Menschen, warum sie diese Art der Beschäftigung lieben – und keine feste Stelle mehr in nur einem Unternehmen wollen.
Immer wieder mal was Neues: Wechselnde Arbeitsplätze können auch eine Bereicherung sein

Immer wieder mal was Neues: Wechselnde Arbeitsplätze können auch eine Bereicherung sein

Foto: scusi / Zoonar / picture alliance
Zeitarbeit in Deutschland

Laut einer aktuellen Untersuchung der Bundesagentur für Arbeit  gab es 2020 rund 781.000 Leiharbeitnehmerinnen und -nehmer in Deutschland. Diese sind in der Regel bei einer Zeitarbeitsfirma fest angestellt, werden von dieser bei unterschiedlichen Kunden eingesetzt. Diese nutzen die Zeitarbeiter beispielsweise, um kurzfristig Personalschwankungen auszugleichen. Ihr Gehalt bekommen die Zeitarbeiter von der Zeitarbeitsagentur.

Ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung liegt bei 2,2 Prozent. Mehr als jeder Zweite übt dabei eine Helfertätigkeit aus. »Zeitarbeit bietet jungen Menschen, Geringqualifizierten und Ausländern eine Einstiegsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt«, so die Arbeitsagentur.

Die Vergütungen in der Zeitarbeit liegen deutlich unter den im Durchschnitt über alle Branchen erzielten Entgelten. Das liegt zum Teil aber auch an Unterschieden in Alter oder Anforderungsniveau. Seit Anfang 2019 ist der Bedarf an Zeitarbeitskräften rückläufig; coronabedingt brachen die Stellenzugänge bis auf 23.000 im April 2020 ein, nahmen zuletzt aber wieder zu.

»Ich bin nicht so sehr im Team eingebunden«

Anja Hillmer, 55, Krankenschwester, arbeitet fest angestellt bei der Zeitarbeitsfirma Doctari und ist jetzt in ihrem Job so glücklich wie noch nie.

»Meine freien Tage waren leider fast nie freie Tage. In letzter Minute gab es immer irgendeine Schicht, die ich bitte doch ganz dringend übernehmen sollte. Für Anrufe aus dem Krankenhaus hatte ich schon einen eigenen Klingelton eingestellt und meinen Kindern eingebläut, bei diesem nicht dranzugehen, damit ich mir erst mal in Ruhe auf dem Anrufbeantworter anhören konnte, was jetzt wieder los war. Aber meist bin ich dann doch in die Klinik.

Wie gern wäre ich mal für ein langes Wochenende nach Lissabon geflogen. Aber der Dienstplan ließ es einfach nicht zu, und trotz all der Versprechen, dass unsere Arbeitsbelastung nun aber wirklich besser werde, wurde es über die Jahre immer schlimmer. Unverändert bleibt nur die miese Bezahlung. Ich liebe meinen Job, aber für mich war klar: So kann es nicht weitergehen.

Jetzt muss ich mich nicht mehr um Urlaubstage streiten und verdiene sogar besser: Ich arbeite für eine Zeitarbeitsfirma.

Eine Festanstellung im Krankenhaus zu kündigen, um Zeitarbeiterin zu werden – da waren manche Freunde erst mal geschockt. Aber tatsächlich hat mir der Schritt nur Vorteile gebracht, und ich bin jetzt so glücklich wie nie zuvor.

Ich bin bei einer Zeitarbeitsfirma fest angestellt und werde von dieser an Kliniken in ganz Deutschland verliehen. Vor meinem ersten Einsatz wurde ich gefragt, wo ich gern hin möchte, und ich hatte den Eindruck, dass die Vermittler versuchen, all unsere Wünsche zu erfüllen. Sie haben mein Profil an mehrere Kliniken geschickt, und gleich bei meinem dritten Wunschort hat es geklappt: Ich wurde an ein Krankenhaus in Koblenz verliehen.

In der Region war ich noch nie, aber ich hatte gehört, dass es eine schöne Gegend sein soll. Wenn es mir nicht gefallen hätte, wäre ich nach drei Monaten eben wieder gegangen. Nun arbeite ich schon seit mehr als einem Jahr dort.

Mal bin ich vier, sechs oder auch elf Tage am Stück im Einsatz, dann habe ich wieder drei oder vier Tage frei. Die nutze ich für Ausflüge in die Umgebung, oder ich fahre die knapp 500 Kilometer nach Hause nach Lüneburg. Weil ich nur noch so selten dort bin, ist meine Strom- und Wasserrechnung sehr niedrig geworden. Auch das ist ein Vorteil der Leiharbeit: Während meiner Einsätze bekomme ich die Unterkunft gestellt.

Im ersten Jahr habe ich in einem Aparthotel mitten in Koblenz gelebt, das war großartig, weil ich dort viele andere Berufspendler kennengelernt habe und drumherum in den Kneipen immer was los war. Seit der Coronakrise wohne ich nun etwas weiter außerhalb in einem Dorf, dort ist es ruhiger, und das gefällt mir gerade auch ganz gut. Und wenn ich nun kurzfristig angerufen werde, ob ich mal einspringen kann, macht mir das nichts. Ich weiß, dass ich dann im Anschluss wieder mehrere Tage freihabe.

Im Sommer muss ich die Klinik wechseln, das ist nach eineinhalb Jahren vorgeschrieben. Der Chef und meine Kollegen in Koblenz wollen unbedingt, dass ich bleibe. Aber so sehr ich die Arbeit dort mag, das kommt für mich derzeit nicht infrage. Ich möchte Zeitarbeiterin bleiben. Zum einen reizt mich die Aussicht, noch mehr zu reisen. Rhein und Mosel bin ich jetzt schon rauf- und runtergefahren. Und zum anderen sehe ich auch ganz klar die praktischen Vorteile: Meine Zuschläge für Nacht- und Wochenenddienste sind höher, und die Autofahrten kann ich steuerlich absetzen. Wenn ich Urlaub nehmen will, muss ich das zwar mit meinem Vorgesetzten in der Klinik vor Ort absprechen, aber nicht mit den Kollegen. Für die Genehmigung ist letztlich die Zeitarbeitsfirma zuständig. Und dort kann ich zum Beispiel schon im Voraus anmelden, wenn ich mal drei Wochen freihaben möchte – das muss die Klinik dann berücksichtigen, wenn sie mich bucht.

Und ich bin nicht so sehr im Team eingebunden. Festangestellte Kollegen müssen bestimmte Nebenbei-Jobs übernehmen, eine ist zum Beispiel Gerätebeauftragte, ein anderer kontrolliert die Kühlschranktemperatur. Das mache ich als Zeitarbeiterin auch hin und wieder, aber ich muss es eben nicht immer machen und trage nicht die Verantwortung. Kurz gesagt: Als Zeitarbeiterin habe ich das Gefühl, endlich mal gerecht bezahlt zu werden und habe nichts an den Hacken. Das ist doch großartig.«

»Zeitarbeit? Da fragen Bekannte, ob das Geld reicht«

Timo Bakenecker, 46, ist beim Personaldienstleister Gulp angestellt, der ihn gerade bei einem IT-Projekt für die Stadtwerke München einsetzt. Mit seiner Partnerin und zwei Töchtern lebt er in der Nähe von München.

»Wenn mich vor fünf Jahren jemand gefragt hätte, ob ich mir vorstellen kann, mich als Arbeitnehmer an Firmen verleihen zu lassen, hätte ich ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Doch seit vorigem Jahr arbeite ich für einen Personaldienstleister, der mich als IT-Fachkraft in Arbeitnehmerüberlassung in Projekte vermittelt. Zu meinen aktuellen Bedürfnissen passt das perfekt.

Arbeitnehmerüberlassung hat in der IT einen schlechten Ruf. Das fängt damit an, dass man nicht das Z-Wort in den Mund nehmen möchte: Zeitarbeit. Theoretisch bedeutet es dasselbe. Praktisch haben alle bei ›Zeitarbeit‹ arme Fließbandarbeiter vor Augen, die die gleiche Arbeit machen wie ihre fest angestellten Kollegen, aber mitunter weniger Geld bekommen.

Wenn ich Bekannten erzähle, dass ich für eine Zeitarbeitsfirma arbeite, dann fragen sie mich, ob ich mit dem Geld auskomme. Das ist lustig, weil ich als IT-Fachkraft das gleiche Einkommen habe wie zuvor.

Ursprünglich habe ich mal eine Ausbildung zum Hotelfachmann gemacht, das ist mehr als 20 Jahre her. Schon kurz nach der Ausbildung habe ich zum Netzwerkspezialisten und IT-Kaufmann umgeschult. Ich war bei mittelständischen Unternehmen angestellt, unter anderem als IT-Leiter in einem Biotech-Unternehmen, als IT-Berater der Lieferketten optimiert, und als Experte für Business-Cloud-Lösungen. Zuletzt war ich bei einem Medienunternehmen im Projektmanagement.

Damals entschloss ich mich zur Selbstständigkeit. Mir ging es vor allem darum, mein eigenes Ding zu machen und daneben noch mehr Zeit für mein Herzensprojekt zu haben: ›Flowbloxx‹, ein Portal, mit dem Unternehmen ihre eigenen digitalen Arbeitsabläufe gestalten, verarbeiten und überwachen können. Was ich 2016 zusammen mit einem Freund begonnen habe, ist heute kurz vor der Fertigstellung.

Daneben suchte ich nach freiberuflichen Projekten. Nach drei Bewerbungen hatte ich das erste an Land gezogen, ähnlich schnell das zweite, beide im Bereich der Systemintegration. Dann kam Corona, die Kundschaft wurde vorsichtig, viele Firmen stoppten ihre IT-Projekte. Ich schrieb mehr als 40 Projektbewerbungen, keine Zusage. Das war der Zeitpunkt, wo ich mich dann doch mit den Alternativen beschäftigt habe und auf das Thema Arbeitnehmerüberlassung stieß.

Es war schon komisch: Damals, als ich mich selbstständig gemacht habe, musste ich erst meine Familie, Ämter und Behörden überzeugen – schließlich ist damit viel Unsicherheit und Risiko verbunden. Nun ging es wieder zurück in eine Festanstellung. Die Vorteile liegen auf der Hand, das sichere Gehalt, geregelter Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Dagegen hatte meine Familie nichts, aber mir selbst machte der Schritt zu schaffen, weil ich ja eigentlich nicht mehr von Vorgesetzten abhängig sein wollte.

Heute bin ich mit der Entscheidung sehr glücklich. Das Projekt, in dem mich mein Arbeitgeber derzeit einsetzt, endet im März 2022. Das fühlt sich fast wie freiberufliche Projektarbeit mit einer festen Projektlaufzeit an. Wenn dann mein eigenes Portal startbereit ist, kann ich entspannt dorthin wechseln. Wenn nicht, würde ich jederzeit wieder in der Arbeitnehmerüberlassung tätig werden.«

»Ich bin maximal unabhängig, das gefällt mir«

Veronika Lau, 62, Empfangsmitarbeiterin, lebt in Berlin, arbeitet fest angestellt bei der Zeitarbeitsfirma Robert Half und nimmt unbezahlte Auszeiten, wenn sie mehr als 30 Tage Urlaub braucht.

»Ich habe 30 Jahre lang in einem großen Konzern gearbeitet, als Diplomingenieurin für Elektrotechnik, zuletzt in den USA. Ich habe als Führungskraft gut verdient, aber die Arbeit war wenig befriedigend – ich habe Präsentationen geschrieben, die im Grunde niemanden wirklich interessiert haben. Dann kam ein Bruch: Meine Mutter wurde schwer krank, und ich brauchte einen Job, bei dem ich jederzeit hätte zu ihr fliegen können – sie lebte in Russland. So kam ich zurück nach Berlin und zur Zeitarbeit.

Ich habe mich entschieden, etwas ganz anderes zu machen als vorher: Ich arbeite jetzt nur noch als Empfangsdame. Mal einen Tag, mal acht Wochen oder sogar mehrere Monate in der jeweiligen Firma, meist irgendwo in Berlin. Ich wollte mit Menschen zu tun haben. Am Empfang ist man das erste Gesicht, das die Leute sehen, die in die Firma kommen, und die Aufgaben sind vielfältig: Post verteilen, Material besorgen, Besucher empfangen, Abläufe organisieren. Etliche meiner früheren Kollegen haben meine Entscheidung nicht verstanden, auch weil ich viel weniger verdiene als früher: Ich komme jetzt im Monat vielleicht auf rund 1200 Euro netto – aber weil ich 30 Jahre lang ununterbrochen gearbeitet habe, kann ich mir das gut leisten. Meine finanzielle Basis stimmt, und es geht mir so viel besser. Und ich bin maximal unabhängig, das gefällt mir.

Meine Mutter ist leider im vergangenen Jahr verstorben, aber ich möchte trotzdem keine normale Festanstellung mehr. Es macht mir einfach Spaß, immer wieder an einen neuen Arbeitsplatz zu kommen. Manchmal, wenn ich etwa für eine erkrankte Kollegin einspringen muss, habe ich nur wenige Stunden Zeit, um mich in ein über Jahre gewachsenes System einzuarbeiten, das ist immer wieder eine Herausforderung. Ich bin jetzt 63 Jahre alt und könnte eigentlich in drei Jahren in Rente gehen – aber wenn ich noch so fit bin wie heute, will ich auf jeden Fall weitermachen.

Zeitarbeit kann ich jedem empfehlen: Man bekommt so tiefe Einblicke ins Arbeitsleben und in verschiedene Firmen und kann Erfahrungen sammeln, die man sonst nirgendwo machen kann. Ich habe einige Male schon Angebote bekommen, dauerhaft zu bleiben – aber ich möchte meine Flexibilität nicht mehr aufgeben. Das Einzige, was mir manchmal ein bisschen fehlt, ist der direkte Kontakt zu den Kollegen – wir sind doch alle eher Einzelkämpfer und haben eigentlich nur mit unseren Betreuern in der Zeitarbeitsfirma zu tun. Dafür lernt man aber immer wieder neue Teams kennen. Und viele sind so erleichtert, wenn man kommt, weil sie dringend Unterstützung brauchen. Es ist ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden.«