Zeitarbeit Verleih mich!

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2. Teil: Leihmanager Michael Harms, 37: Ein Krisengewinnler mit Kriegsbemalung - er genießt das Leben im Karussell


"Für Leihmanager gibt es keine Wirtschaftskrisen. Wenn es den Unternehmen gutgeht, brauchen sie mich, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In wirtschaftlich schlechten Zeiten brauchen sie mich umso mehr - mit Krisen kenne ich mich aus.

Als sogenannter Interim-Manager bekomme ich Aufträge von Agenturen wie den Management Angels, die mich vermitteln und mir ein Netzwerk bieten. Dafür erhalten sie etwa ein Viertel des Honorars. Der Unterschied zur klassischen Zeitarbeit ist, dass ich freiberuflich arbeite.

Vor ein paar Jahren habe ich mich auf Personalmanagement in Krisen spezialisiert, zum Beispiel bei Insolvenzen oder wenn der Verkauf eines Unternehmens bevorsteht. Einerseits kümmere ich mich darum, dass benötigtes Personal eingestellt wird. Andererseits muss ich oft Leute entlassen.

Meist verhandle ich mit dem Betriebsrat. Fast immer stellt sich heraus, dass wir das gleiche Ziel haben, nur bezüglich des Weges gibt es unterschiedliche Meinungen. Kompromisse können Teilzeit sein oder Kurzarbeit. Man muss der Realität ins Auge sehen: Zu viel Personal und die damit verbundenen Kosten können über Leben und Tod eines Unternehmens entscheiden.

Als Externer kann ich sachlicher verhandeln

Falls Entlassungen nötig sind, ist es wichtig, in den Kündigungsgesprächen respektvoll und ehrlich zu sein. Geheucheltes Mitleid und leere Versprechen bringen niemanden weiter. Gerade in solchen Situationen ist es von Vorteil, der 'Externe' zu sein. Oft kann ich sachlicher verhandeln als ein angestellter Personalmanager, weil es für mich niemanden gibt, den ich besonders mag oder nicht. Klar halten am Anfang viele etwas Abstand, aber das ändert sich meist nach ein paar Wochen.

Studiert habe ich erst BWL, dann Rechtswissenschaften. Nach verschiedenen Jobs im Personalmanagement habe ich mich vor sechs Jahren selbständig gemacht. Ich wusste, dass es einen Markt für junge Interim-Manager gibt, und ich hatte Lust auf die Herausforderung, Krisen zu lösen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn Entscheidungen so schnell zu Ergebnissen führen wie in meinem Beruf.

Ein Erfolgserlebnis hatte ich zum Beispiel mit dem IT-Unternehmen A&O, eine Firma, die 2008 in die Insolvenz geschlittert war. Damals haben wir auf sanfte Art Personal abgebaut, mit einer Transfergesellschaft: Trainer und Arbeitsexperten haben die Mitarbeiter an andere Firmen vermittelt. Das war eine Win-Win-Situation, ein Großteil der Entlassenen fand eine neue Anstellung, und die Nachfolgefirma ist bis heute erfolgreich.

Ohne Kriegsbemalung keine Aufträge

Aufträge bekomme ich genug. Im Schnitt fragen etwa fünf Firmen pro Monat an, ich kann aber nur zwei bis drei Mandate übernehmen - pro Jahr. Zurzeit arbeite ich für eine deutsche Landesbank. Damit die Unternehmen einen anrufen, braucht man vor allem genug Projekterfahrung. Wir nennen das Kriegsbemalung.

Was man für den Job mitbringen muss? Ein Interim-Manager muss sich schnell in einem neuen Umfeld zurechtfinden und braucht auch unter Stress einen kühlen Kopf Außerdem muss man bereit sein, ein- bis zweimal pro Jahr die Stadt zu wechseln, zumindest unter der Woche. Das ist nichts für Menschen, die gern abends zu Hause sind. Ich kenne keinen Kollegen mit Familie, der den Beruf lange durchgehalten hat.

Klar denke ich manchmal darüber nach, mir einen Nine-to-Five-Job zu suchen, aber das kommt eher selten vor. Meist genieße ich das Leben im Karussell. Als ich mich selbständig gemacht habe, sagte ich mir, ich mache das höchstens für fünf Jahre. Nachdem die fünf Jahre vorbei waren, habe ich auf zehn verlängert. Mal schauen, ob es dabei bleibt."



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