Zeitarbeit Verleih mich!

DPA

4. Teil: Michaela Martinez, 35 (Name geändert): Eine Kistenschlepperin mit Uni-Abschluss - sie hofft auf den Klebeeffekt


"Weil ich mich verliebt hatte, blieb ich 2007 nach einem Urlaub in Deutschland. Als ich die Sprache einigermaßen konnte, machte ich mich zwei Jahre nach meiner Ankunft auf die Suche nach einem Job. Beim Arbeitsamt hatte ich leider keinen Erfolg, weil mein Deutsch für die ausgeschriebenen Stellen nicht reichte. Dann erzählte eine Freundin von einer Leihfirma, bei der es einfach sei, Arbeit zu bekommen. Ohne viel zu überlegen, habe ich mich auf den Weg gemacht und landete in einem kleinen Büro im Industriegebiet.

Schon nach dem ersten Vorstellungstermin bin ich mit einem Vertrag nach Hause gegangen. 38 Stunden pro Woche, brutto etwas weniger als sieben Euro pro Stunde. Der Einsatzort: eine Versandfirma in Süddeutschland.

Tag für Tag habe ich Kisten getragen und Codes eingescannt; körperlich war das ziemlich anstrengend, aber nicht besonders kompliziert. Wenn ich auf die Toilette wollte, musste ich vorher fragen. Eine Aufseherin hat ihren Job besonders genau genommen, die hat regelmäßig die Minuten gezählt, in denen ich weg war. Die meisten Vorgesetzten haben mich aber gut behandelt. Von den Zeitarbeitern, die schon länger dabei waren, hatten nur wenige eine abgeschlossene Ausbildung, einige nicht einmal einen Schulabschluss.

Advent, Advent, die Arbeiterin rennt

Im Dezember war besonders viel los, wegen des Weihnachtsgeschäfts. In dem Monat mussten wir auch samstags und sonntags arbeiten. Ich fand das nicht schlecht, immerhin konnte ich fast das Doppelte verdienen. Kurz vor Weihnachten habe ich trotzdem gekündigt, da ich meine Eltern in Südamerika besuchen wollte. Andere haben den ganzen Dezember durchgeackert, sieben Tage die Woche, etwa acht Stunden pro Tag. Theoretisch war das freiwillig, aber wer auf seinen freien Tagen bestand, musste um seinen Job fürchten. Viele waren noch in der Probezeit.

Seit ein paar Monaten arbeite ich wieder bei einer Zeitarbeitsfirma. Diesmal ist vieles anders: Ich verdiene jetzt brutto mehr als neun Euro pro Stunde, die Arbeit ist viel entspannter. Auch der Umgang mit den Mitarbeitern gefällt mir: Der Kaffee ist gratis, ich kann ab und zu eine kleine Pause einlegen, ohne dass es Ärger gibt. Mir sind solche Sachen wichtig; wenn ich so lange schufte, brauche ich etwas Respekt.

Es würde mich schon freuen, wenn ich bald eine qualifiziertere Arbeit machen könnte. Immerhin habe ich in Südamerika Wirtschaft studiert! Eine Festanstellung wäre auch gut, vielleicht klappt es ja in der Firma, in der ich gerade arbeite. Drei meiner Kollegen hatten dieses Glück.

Hätten sie diese Jobs auch bekommen, wenn sie vorher nicht als Leiharbeiter gejobbt hätten? Vermutlich nicht. In dieser Hinsicht ist das eine tolle Sache."


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Mindeststundenlohn für Leiharbeiter in Westdeutschland mit 7,60 Euro angegeben; seit dem 1. Mai liegt der Wert bei 7,79 Euro. Zudem ist Michael Wehran seit Mitte April Pressesprecher des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP), nicht mehr des Bundesverbands Zeitarbeit, der im BAP aufging. Der Text wurde entsprechend angepasst.

Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) arbeitet als freier Journalist in Reutlingen. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.