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25. Mai 2011, 06:48 Uhr

Zeitarbeit

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Für manche ist sie ein Sprungbrett in eine feste Stelle, andere halten Zeitarbeit für moderne Sklaverei. Doch so lädiert der Ruf auch ist - die Branche boomt. Zwei Leiharbeiter und ein Mietmanager erzählen von ihren Erfahrungen im Unternehmenskarussell.

Wenn soziale Netzwerke etwas über die Gesellschaft sagen, dann steht es schlecht um die Zeitarbeit. "Moderne Sklaverei" heißt eine Leiharbeitsgruppe auf MeinVZ, sie hat mehr als 300 Mitglieder. "Tod der Zeitarbeit" lautet die nächste, die übernächste wirbt mit dem Bild eines angeketteten schwarzen Sklaven. Positiv klingende Gruppen sind meist ironisch gemeint - oder die Gründer sitzen in der Werbeabteilung eines Unternehmens.

Woher rührt der schlechte Ruf der Branche? Ist er berechtigt? Eine Erklärung liefern die Skandale der letzten Jahre, die immer krasseren Meldungen über noch niedrigere Löhne, manchmal unter fünf Euro pro Stunde. Zeitarbeitsfirmen stellen etwa den doppelten Betrag in Rechnung, den die Arbeiter bekommen; mit einem Teil der Differenz finanzieren sie Nebenkosten wie für Urlaub und Krankheit, den Rest verbuchen sie für sich.

Viele Dumping-Löhner hatten unter Verträgen gearbeitet, die mit den sogenannten christlichen Gewerkschaften ausgehandelt worden waren. Deren unchristliche Zeit ist jetzt vermutlich vorbei, weil das Bundesarbeitsgericht im Dezember 2010 ein vernichtendes Urteil sprach: Der Dachverband CGZP habe zu wenige Mitglieder, um Tarifverträge zu schließen.

Aus dem Urteil folgt, dass sich Tausende von Leiharbeitern jetzt auf den "Equal Pay"-Grundsatz berufen können. Gibt es keinen gültigen Tarifvertrag, steht ihnen derselbe Lohn zu wie den festangestellten Kollegen. "Geschädigte müssen sich nur überwinden und zum Anwalt gehen", sagt Holger Thieß. Der Arbeitsrechtler, der Mandanten für die Gewerkschaft Ver.di vertritt, weiß von rund 4000 Leiharbeitern, die mehr Geld fordern. Die ersten Urteile erwartet er in Kürze.

Mindestlöhne bremsen das Geschäft nicht

7,79 Euro pro Stunde im Westen, 6,65 Euro im Osten - seit dem 1. Mai gibt es für Leiharbeiter erstmals verbindliche Mindestlöhne. Sie sollen verhindern, dass mit der Öffnung des Arbeitsmarkts für Osteuropäer die Löhne weiter sinken.

Das Geschäft floriert trotzdem. "Die Nachfrage ist groß", sagt Michael Wehran, Sprecher des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister. Das größte Problem sei der Mangel an Arbeitskräften: "Bei geeigneten Bewerbern könnten wir gleich 40.000 bis 50.000 Stellen mehr besetzen." Falls der Bedarf gedeckt werde, könnten in diesem Jahr zeitweise eine Million Zeitarbeiter arbeiten, das wäre ein Rekord.

Zugleich wächst auch der Markt für geliehene Manager. Agenturen wie die Hamburger Management Angels oder die Zeitmanager München vermitteln Edel-Leiharbeiter an Firmen, die etwa bei Insolvenzen externe Hilfe brauchen. Geliehen zu werden, ist in diesem Fall kein Stigma, sondern eine Auszeichnung; üblich sind Tagessätze um die tausend Euro. Zeitarbeiter im klassischen Sinn sind die neuen Leihmanager nicht - die meisten bleiben formal selbständig und arbeiten für mehrere Agenturen.

Auch im Billiglohnsektor gebe es zunehmend Freiberufler, weiß der Anwalt Thieß. Das habe aber ganz andere Gründe: Scheinselbständigkeit sei dort ein Trick, um die Mindestlöhne und den Arbeitsschutz zu umgehen.

Leihmanager Michael Harms, 37: Ein Krisengewinnler mit Kriegsbemalung - er genießt das Leben im Karussell

"Für Leihmanager gibt es keine Wirtschaftskrisen. Wenn es den Unternehmen gutgeht, brauchen sie mich, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In wirtschaftlich schlechten Zeiten brauchen sie mich umso mehr - mit Krisen kenne ich mich aus.

Als sogenannter Interim-Manager bekomme ich Aufträge von Agenturen wie den Management Angels, die mich vermitteln und mir ein Netzwerk bieten. Dafür erhalten sie etwa ein Viertel des Honorars. Der Unterschied zur klassischen Zeitarbeit ist, dass ich freiberuflich arbeite.

Vor ein paar Jahren habe ich mich auf Personalmanagement in Krisen spezialisiert, zum Beispiel bei Insolvenzen oder wenn der Verkauf eines Unternehmens bevorsteht. Einerseits kümmere ich mich darum, dass benötigtes Personal eingestellt wird. Andererseits muss ich oft Leute entlassen.

Meist verhandle ich mit dem Betriebsrat. Fast immer stellt sich heraus, dass wir das gleiche Ziel haben, nur bezüglich des Weges gibt es unterschiedliche Meinungen. Kompromisse können Teilzeit sein oder Kurzarbeit. Man muss der Realität ins Auge sehen: Zu viel Personal und die damit verbundenen Kosten können über Leben und Tod eines Unternehmens entscheiden.

Als Externer kann ich sachlicher verhandeln

Falls Entlassungen nötig sind, ist es wichtig, in den Kündigungsgesprächen respektvoll und ehrlich zu sein. Geheucheltes Mitleid und leere Versprechen bringen niemanden weiter. Gerade in solchen Situationen ist es von Vorteil, der 'Externe' zu sein. Oft kann ich sachlicher verhandeln als ein angestellter Personalmanager, weil es für mich niemanden gibt, den ich besonders mag oder nicht. Klar halten am Anfang viele etwas Abstand, aber das ändert sich meist nach ein paar Wochen.

Studiert habe ich erst BWL, dann Rechtswissenschaften. Nach verschiedenen Jobs im Personalmanagement habe ich mich vor sechs Jahren selbständig gemacht. Ich wusste, dass es einen Markt für junge Interim-Manager gibt, und ich hatte Lust auf die Herausforderung, Krisen zu lösen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn Entscheidungen so schnell zu Ergebnissen führen wie in meinem Beruf.

Ein Erfolgserlebnis hatte ich zum Beispiel mit dem IT-Unternehmen A&O, eine Firma, die 2008 in die Insolvenz geschlittert war. Damals haben wir auf sanfte Art Personal abgebaut, mit einer Transfergesellschaft: Trainer und Arbeitsexperten haben die Mitarbeiter an andere Firmen vermittelt. Das war eine Win-Win-Situation, ein Großteil der Entlassenen fand eine neue Anstellung, und die Nachfolgefirma ist bis heute erfolgreich.

Ohne Kriegsbemalung keine Aufträge

Aufträge bekomme ich genug. Im Schnitt fragen etwa fünf Firmen pro Monat an, ich kann aber nur zwei bis drei Mandate übernehmen - pro Jahr. Zurzeit arbeite ich für eine deutsche Landesbank. Damit die Unternehmen einen anrufen, braucht man vor allem genug Projekterfahrung. Wir nennen das Kriegsbemalung.

Was man für den Job mitbringen muss? Ein Interim-Manager muss sich schnell in einem neuen Umfeld zurechtfinden und braucht auch unter Stress einen kühlen Kopf Außerdem muss man bereit sein, ein- bis zweimal pro Jahr die Stadt zu wechseln, zumindest unter der Woche. Das ist nichts für Menschen, die gern abends zu Hause sind. Ich kenne keinen Kollegen mit Familie, der den Beruf lange durchgehalten hat.

Klar denke ich manchmal darüber nach, mir einen Nine-to-Five-Job zu suchen, aber das kommt eher selten vor. Meist genieße ich das Leben im Karussell. Als ich mich selbständig gemacht habe, sagte ich mir, ich mache das höchstens für fünf Jahre. Nachdem die fünf Jahre vorbei waren, habe ich auf zehn verlängert. Mal schauen, ob es dabei bleibt."

Wolfgang Hartmann, 63: Ein Kläger - er streitet mit Firmen um seinen Lohn

"'Das Geld steht auch mir zu', dachte ich, als ich Ende 2010 in der Zeitung las, die Tarife der christlichen Gewerkschaften seien ungültig. Mir wurde klar: Vier Jahre lang hatte ich bei zwei Zeitarbeitsfirmen mit einem ungültigen Vertrag gearbeitet, hätte mehr Lohn bekommen müssen. Ich zog vor Gericht.

Vielleicht müsste ich den Prozess nicht führen, wenn 1989 nicht die Mauer gefallen wäre. Mit einem Schlag kamen Tausende von Facharbeitern aus Ostdeutschland, die mir Konkurrenz machten. Ich hatte in dieser Zeit jedenfalls zum ersten Mal das Problem, dass es für mich nicht ausreichend Arbeit gab.

Zuvor hatte ich fast 30 Jahre lang bei verschiedenen Firmen gearbeitet, immer als Elektriker. 1991 machte ich eine Umschulung zum technischen Zeichner. Die Schulung war gut, aber sie hat das Problem nicht wirklich gelöst. 2001 hat es mich hart erwischt, es war der Beginn von vier Jahren Arbeitslosigkeit.

Ich hätte jeden Job angenommen

In dieser Zeit habe ich mich beworben, wo ich auch nur den Hauch einer Chance hatte. Immer wieder war ich bei Vorstellungsgesprächen, aber es hat nicht geklappt. Woran es lag, kann ich nicht sagen. Als ich schon Hartz IV bezog, rief endlich eine Zeitarbeitsfirma an und machte mir ein Angebot. Was ich geantwortet habe? 'Ja' natürlich, ich hätte in dieser Zeit jeden Job angenommen! Zudem konnte ich als technischer Zeichner arbeiten, endlich. Bezahlt haben sie mir 9,10 Euro die Stunde plus Zulagen und Fahrtgeld. Die Stammarbeiter haben etwa 50 Prozent mehr verdient.

Eingesetzt wurde ich bei den Bremer Stadtwerken und in einer Firma, die Schiffsarmaturen baut. Wie die Festangestellten habe ich 39 Stunden pro Woche gearbeitet. Es war anstrengend, aber es hat mich erfüllt. Da will ich mich nicht beklagen.

Bei allen Einsätzen war ich der einzige geliehene Arbeiter. Isoliert war ich deswegen nicht, zu den Kollegen hatte ich ein gutes Verhältnis. Eine feste Stelle hat mir niemand in Aussicht gestellt, aber natürlich habe ich mir Hoffnungen gemacht. Einmal habe ich den Chef der Stadtwerke gefragt, ob er mich nicht die drei Jahre bis zur Rente fest einstellen könne. 'Geht leider nicht', hat er geantwortet.

Zäher Streit vor Gericht

Wegen der CGZP-Tarife habe ich vor kurzem die beiden Zeitarbeitsfirmen verklagt, bei denen ich am längsten gearbeitet habe. Insgesamt geht es um etwa 11.000 Euro.

Mit einem der Unternehmen hatte ich vor zwei Jahren schon eine gerichtliche Auseinandersetzung, es ging um eine Abfindung. Das Gericht hat mir recht gegeben, aber das Geld ist noch immer nicht vollständig auf meinem Konto. Ich verstehe nicht, wieso das so lange dauert - da sollte doch längst der Gerichtsvollzieher vor der Tür stehen.

Trotz allem finde ich eine Beschäftigung auf Zeit besser, als arbeitslos zu sein. So konnte ich mir immerhin ab und zu einen Urlaub gönnen. Jetzt sind es nur noch eineinhalb Jahre bis zur Rente. Wenn es so weit ist, will ich mehr Zeit mit meiner Frau und den Enkeln verbringen, hier in unserem Haus im Grünen. Ins Gericht muss ich dann hoffentlich nicht mehr."

Michaela Martinez, 35 (Name geändert): Eine Kistenschlepperin mit Uni-Abschluss - sie hofft auf den Klebeeffekt

"Weil ich mich verliebt hatte, blieb ich 2007 nach einem Urlaub in Deutschland. Als ich die Sprache einigermaßen konnte, machte ich mich zwei Jahre nach meiner Ankunft auf die Suche nach einem Job. Beim Arbeitsamt hatte ich leider keinen Erfolg, weil mein Deutsch für die ausgeschriebenen Stellen nicht reichte. Dann erzählte eine Freundin von einer Leihfirma, bei der es einfach sei, Arbeit zu bekommen. Ohne viel zu überlegen, habe ich mich auf den Weg gemacht und landete in einem kleinen Büro im Industriegebiet.

Schon nach dem ersten Vorstellungstermin bin ich mit einem Vertrag nach Hause gegangen. 38 Stunden pro Woche, brutto etwas weniger als sieben Euro pro Stunde. Der Einsatzort: eine Versandfirma in Süddeutschland.

Tag für Tag habe ich Kisten getragen und Codes eingescannt; körperlich war das ziemlich anstrengend, aber nicht besonders kompliziert. Wenn ich auf die Toilette wollte, musste ich vorher fragen. Eine Aufseherin hat ihren Job besonders genau genommen, die hat regelmäßig die Minuten gezählt, in denen ich weg war. Die meisten Vorgesetzten haben mich aber gut behandelt. Von den Zeitarbeitern, die schon länger dabei waren, hatten nur wenige eine abgeschlossene Ausbildung, einige nicht einmal einen Schulabschluss.

Advent, Advent, die Arbeiterin rennt

Im Dezember war besonders viel los, wegen des Weihnachtsgeschäfts. In dem Monat mussten wir auch samstags und sonntags arbeiten. Ich fand das nicht schlecht, immerhin konnte ich fast das Doppelte verdienen. Kurz vor Weihnachten habe ich trotzdem gekündigt, da ich meine Eltern in Südamerika besuchen wollte. Andere haben den ganzen Dezember durchgeackert, sieben Tage die Woche, etwa acht Stunden pro Tag. Theoretisch war das freiwillig, aber wer auf seinen freien Tagen bestand, musste um seinen Job fürchten. Viele waren noch in der Probezeit.

Seit ein paar Monaten arbeite ich wieder bei einer Zeitarbeitsfirma. Diesmal ist vieles anders: Ich verdiene jetzt brutto mehr als neun Euro pro Stunde, die Arbeit ist viel entspannter. Auch der Umgang mit den Mitarbeitern gefällt mir: Der Kaffee ist gratis, ich kann ab und zu eine kleine Pause einlegen, ohne dass es Ärger gibt. Mir sind solche Sachen wichtig; wenn ich so lange schufte, brauche ich etwas Respekt.

Es würde mich schon freuen, wenn ich bald eine qualifiziertere Arbeit machen könnte. Immerhin habe ich in Südamerika Wirtschaft studiert! Eine Festanstellung wäre auch gut, vielleicht klappt es ja in der Firma, in der ich gerade arbeite. Drei meiner Kollegen hatten dieses Glück.

Hätten sie diese Jobs auch bekommen, wenn sie vorher nicht als Leiharbeiter gejobbt hätten? Vermutlich nicht. In dieser Hinsicht ist das eine tolle Sache."


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Mindeststundenlohn für Leiharbeiter in Westdeutschland mit 7,60 Euro angegeben; seit dem 1. Mai liegt der Wert bei 7,79 Euro. Zudem ist Michael Wehran seit Mitte April Pressesprecher des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP), nicht mehr des Bundesverbands Zeitarbeit, der im BAP aufging. Der Text wurde entsprechend angepasst.

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