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Vom Soldat zum Kindergärtner: Der will doch nur spielen

Foto: Bundeswehrfachschule Köln

Vom Soldaten zum Erzieher Salutieren im Sandkasten

Wer zum Erzieher umsatteln will, braucht eine Ausbildung in einem sozialen Beruf - oder Erfahrung als Unteroffizier. An der Bundeswehrfachschule werden Zeitsoldaten umgeschult. Pädagogen und Psychologen finden den Wechsel vom Kasernenhof zur Kita unangemessen.

Das kleine Mädchen ist nicht zu bremsen, es wetzt in den Hof des Kindergartens und erklimmt das Klettergerüst aus dicken Seilen, das zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Mit ihren kleinen Händen hangelt sich die Vierjährige an den Seilen entlang. "Toll machst du das!", lobt Sebastian Bettgenhäuser, 30, der das Mädchen stolz beobachtet. Vor kurzem hatte die Kleine sich das noch nicht getraut. Bettgenhäuser, der in der Kölner Kita "Schmetterlinge" ein Praktikum als Erzieher macht, hat ihr, so erzählt er, "die Angst genommen".

Sebastian Bettgenhäuser bewältigt gerade selbst einen Balanceakt: Das Praktikum ist Teil einer dreijährigen Ausbildung zum Erzieher an der Bundeswehrfachschule in Köln. Ein Weiterbildungsangebot für Zeitsoldaten, die in einen sozialen Beruf wollen. Kasernenhof und Kita, passt das zusammen? Klar, findet Bettgenhäuser.

Den Erzieherlehrgang für Soldaten gibt es schon seit 1974, auch die Bundeswehrfachschulen in Hamburg und Berlin bieten ihn an. In Köln werden zurzeit 55 Zeitsoldaten umgeschult. 40 Männer, 15 Frauen.

Die Karriereaussichten für Erzieher in Deutschland sind "glänzend", sagt Matthias Schilling, 53, von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik der TU Dortmund. Dies sei unter anderem auf den Ausbau der Kitaplätze für unter Dreijährige zurückzuführen. Auch gingen in den nächsten Jahren viele Erzieher in Rente. Und Männer wie Bettgenhäuser sind besonders gefragt. Das Statistische Bundesamt zählt 337.955 Erzieher in Deutschland, die direkt mit Kindern arbeiten, nur 10.956 sind männlich - gerade mal 3,2 Prozent.

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Kitas: Her mit den Männern!

Foto: Sascha Montag

An diesem windigen Freitagvormittag im März freut sich Bettgenhäuser einmal mehr über seine Wahl. "Wenn ich helfen kann, dass ein Kind etwas erreicht, was es vorher nicht konnte, tut mir das gut", sagt er und nickt in Richtung des Mädchens, das zwischen den Bäumen auf dem Seil balanciert.

Mit dem Überwinden von Angst kennt Bettgenhäuser sich aus. Zwölf Jahre hat er bei der Bundeswehr gedient, war als Militärpolizist bei den Feldjägern in Hilden in Nordrhein-Westfalen stationiert, hatte Auslandseinsätze in Afghanistan. Über die will er nicht reden, Schweigepflicht.

Herauszuhören ist, dass Einsätze wie die in Afghanistan zu seiner Entscheidung beigetragen haben, nicht beim Militär zu bleiben. Der Drill habe ihm nichts ausgemacht, sagt er: "Ich hatte eine schöne Zeit beim Bund, ich habe Disziplin und Ordnung gelernt, das hat mich reifen lassen." Doch nun sei einfach "Zeit für ein neues Kapitel". Und mit Kindern sei er schon immer "super klargekommen". In seiner rheinland-pfälzischen Heimatstadt Altenkirchen habe er als Schüler den Nachwuchs im Fußballverein trainiert.

Die Ausbildung zum Unteroffizier reicht als Qualifikation

An anderen Berufsfachschulen ist eine Ausbildung in einem sozialen Beruf, zum Beispiel Kinderpfleger, Voraussetzung, um Erzieher werden zu können. Die Bundeswehrfachschule erkennt als Alternative die Ausbildung als Unteroffizier an, ATN 7 heißt sie. Sie beinhalte "pädagogisches Fachwissen", sagt Kerstin Paul-Fugger, 53, Betreuerin des Kölner Erzieherlehrgangs. Das reiche als Qualifikation. Die Schule habe keine Probleme, Praktikanten zu vermitteln.

Klar, sagt Bettgenhäuser: "ATN 7 richtet sich an Erwachsene." Kinder seien "ein anderes Klientel". Aber vielleicht wolle er später auch mit Jugendlichen arbeiten, die seien vom Alter eines Grundwehrdienstleistenden ja nicht mehr so weit weg. Ein weiteres Praktikum will er deshalb in einer Jugendhilfeeinrichtung machen. Davon abgesehen wären die "menschenführenden Kompetenzen", die er als Unteroffizier erworben habe, aber auch für Kinder gut.

Bernhard Eibeck von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Frankfurt sieht das anders. Zum sozialen Bereich gehöre der Dienst bei der Bundeswehr inklusive rauem Umgangston auf dem Kasernenhof "ganz sicher nicht". Das sei nicht nur "völlig fachfremd", sondern sogar "eher hinderlich".

Auch Ulrike Hadrich, Kindertherapeutin aus Köln, zweifelt an der Eignung der Soldaten zum Kindergärtner: "Ich frage mich, inwieweit ein Soldat, der es gewohnt ist, mit Schusswaffen umzugehen und dessen Leben vielleicht massiv bedroht worden ist, diese gelebten Erfahrungen in seiner Erziehertätigkeit kompensiert." Besonders problematisch: Soldaten, die durch ihren Einsatz in Kriegsgebieten traumatisiert sind: "Wie sieht ein solcher Mensch die Gesellschaft? Und welche Bilder von ihr will er Kindern weitergeben? Inwieweit kann er wirklich ein Vorbild sein, das Gelassenheit und Ruhe vermittelt und nicht ein Getriebensein, sich ständig vermeintlich selbst zu behaupten und der Stärkste sein zu müssen?"

Für Kinder seien "Einfühlsamkeit und Geduld" wichtig, die Aufgaben eines Erziehers komplex. "Insofern finde ich es zynisch, einen Menschen in diesen Beruf gehen zu lassen, bei dem es unwichtig scheint, was er vorher gemacht hat" und "weil er sonst auf dem Arbeitsmarkt nicht anders unterkommt".

"Mit meiner Erfahrung kann ich sie gut begleiten"

Solche Kritik musste sich Bettgenhäuser noch nicht anhören, sagt er. Die meisten seien von seinem Berufswechsel überrascht, aber eher neugierig als skeptisch. Die Kita "Schmetterlinge" ist mit ihrem Praktikanten von der Bundeswehr zufrieden. "In Sebastian steckt ein Gespür für Kinder - man merkt es daran, wie die Jungen und Mädchen ihn annehmen", sagt Bettgenhäusers Kollege Fabian Doellert, 26.

Zu den Kölner "Schmetterlingen" gehören vierzig Jungen und Mädchen zwischen zwei und sechs Jahren, vergnügt laufen und raufen sie durch die pastellbunten Räume, rufen, lachen durcheinander. Ein Höllenlärm. Die Kita legt Wert auf "freies Spiel". Das Gegenteil von Disziplin und Ordnung. Nicht schlimm, findet Bettgenhäuser: "Kinder müssen das alles erst lernen. Auch wie man sich behauptet in der Gesellschaft. Mit meiner Erfahrung kann ich sie gut begleiten."

Die langfristig magere Bezahlung stört ihn nicht. Während der Ausbildung wird Bettgenhäuser noch ordentlich von der Bundeswehr entlohnt, danach bekommt er den üblichen Erzieherlohn. Und der beträgt bei einem Einsteiger 2221 Euro brutto im Monat. Dem ehemaligen Zeitsoldaten ist klar, "damit wird man nicht reich. Man muss halt für sich entscheiden, was einem wichtiger ist".

Autorin Almut Steinecke (Jahrgang 1972) ist Online-Redakteurin und freie Journalistin in Köln.