Zimmermädchen-Streik in Spanien "Bei uns sorgt der Tourismus nur für Ausbeutung"

Die Betten werden nicht gemacht, die Bäder nicht geputzt: Tausende Putzkräfte in Spaniens Hotels wollen am Wochenende die Arbeit niederlegen. Myriam Barros, eine Organisatorin der Proteste, erklärt, warum sie streikt.

Myriam Barros bei der Arbeit: "Wir schuften wahnsinnig viel und verdienen sehr wenig"
Miryam Barros

Myriam Barros bei der Arbeit: "Wir schuften wahnsinnig viel und verdienen sehr wenig"

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48 Stunden soll in Spaniens Touristen-Hochburgen der Ausnahmezustand gelten: "Las Kellys", eine Vereinigung der Zimmermädchen, hat für das ganze Wochenende Streiks und Proteste angekündigt - mitten in der Urlaubssaison.

Der Tourismus in Spanien boomt, die Zahl der Urlauber stieg von 68 Millionen im Jahr 2015 auf knapp 83 Millionen im vergangenen Jahr. Rund 200.000 "Camareras de piso" machen ihre Betten, putzen die Bäder, machen den Dreck weg. Der Begriff lässt sich auf Deutsch am ehesten mit Zimmermädchen übersetzen. 99 Prozent der Beschäftigen sind Frauen.

Viele wollen nun am Sonntag in zahlreichen Städten des Landes abends auf die Straßen gehen, um auf ihre prekären Arbeitsbedingungen und eine aus ihrer Sicht "zunehmend brutale Ausbeutung" in Hotels und anderen Touristenunterkünften aufmerksam zu machen. Auf den Balearen-Inseln Ibiza und Formentera soll die Arbeit das ganze Wochenende über komplett ruhen.

Regionalverbände der "Las Kellys", 2016 als Interessenvertretung gegründet, organisieren die Aktionen. Myriam Barros, Präsidentin des Vereins, will sich auf Versprechungen von Spaniens Tourismusministerin, Reyes Maroto, wonach sich die Lage bessern soll, lieber nicht verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Barros, unter welchen Bedingungen arbeiten Sie und andere Frauen in Spaniens Hotels?

Barros: Die Arbeitsbedingungen sind schrecklich. Wir schuften wahnsinnig viel und verdienen sehr wenig. Obwohl der Tourismus in Spanien boomt und viel Reichtum erzeugt, sehen wir Zimmermädchen nichts davon. Bei uns sorgt der Tourismus nur für Ausbeutung.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Barros: Unser Tag beginnt morgens um 8 Uhr. Wir haben eine Stunde Zeit, um Gemeinschaftsräume zu putzen, also die Rezeption oder das Restaurant. Danach kommt die Reinigung der Zimmer. Innerhalb von sechs Stunden müssen wir 25 bis 30 Räume sauber machen. Um das zu schaffen, geht meist die Mittagspause drauf. Wir stehen unter einem enormen Zeitdruck. Für die Reinigung eines Zimmers haben wir im besten Fall 15 Minuten, in dieser Zeit müssen wir die Betten machen, den Boden wischen, das Bad putzen, den Müll rausbringen, die Gläser reinigen und so weiter. Dieser ungesunde Arbeitsrhythmus und der hohe psychische Druck führen auch zu gesundheitlichen Problemen.

Zur Person
  • privat
    Miryam Barros ist Präsidentin von "Las Kellys", einer Interessenvertretung von Zimmermädchen in Spanien.

SPIEGEL ONLINE: Was für Probleme sind das?

Barros: Rund 90 Prozent der Zimmermädchen schaffen es nicht, bis zum gesetzlichen Rentenalter zu arbeiten. Die meisten müssen in den Vorruhestand gehen, weil der Körper im Alter die Schmerzen nicht mehr erträgt. Wir müssen uns oft mit einer ziemlichen Geschwindigkeit bewegen und gleichzeitig oft schwer heben, Matratzen hochwuchten, Möbel rücken. Durch die körperliche Belastung entwickeln sich Krankheiten, zum Beispiel Rückenbeschwerden oder Bandscheibenvorfälle.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt einzelne Hoteliers, die sich so wie Sie für eine Verbesserung der Bedingungen einsetzen. Andere sagen, die genannten Probleme kämen zwar hier und da vor, seien aber nicht die Regel.

Barros: Das Problem ist, dass ein Großteil der Zimmermädchen über Zeitarbeitsfirmen angestellt ist. Dadurch können sich die Hoteliers aus der Verantwortung stehlen. Die Arbeitsverträge, die von den externen Firmen mit den Reinigungskräften abgeschlossen werden, sind meist stark befristet - manchmal auf mehrere Wochen, manchmal sogar nur auf Tage. Der Kündigungsschutz ist schlecht und es gibt viel weniger Lohn.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel verdienen die Frauen in der Branche?

Barros: Wer direkt vom Hotel angestellt wird, bekommt etwa 1.200 Euro netto. Rund 70 Prozent des Personals arbeiten aber mittlerweile bei externen Firmen über Zeitarbeitsverträge. Die Kolleginnen bekommen einen deutlich geringeren Lohn, oft weniger als die Hälfe. Dazu kommen in einigen Gegenden noch ganz andere Probleme. Zimmermädchen berichten öfter, dass es zu sexuellen Übergriffen durch Hotelgäste kommt, vor allem dort, wo es viel Partytourismus gibt und die Leute sich hemmungslos betrinken, wie auf Ibiza.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?

Barros: Wir wollen, dass die Arbeit der Zimmermädchen nicht mehr an Fremdunternehmen ausgelagert wird, sondern dass alle direkt vom Hotel angestellt werden. Schließlich würde ohne uns der ganze Betrieb nicht laufen. Außerdem fordern wir ein Recht auf Vorruhestand und dass es mehr Inspekteure gibt, die unsere Arbeitsbedingungen überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie sich mit dem damaligen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy getroffen, um über die Probleme zu sprechen. Hat sich seitdem etwas geändert?

Barros: Nach dem Treffen sind immerhin einige der gesundheitlichen Risiken, die unser Job mit sich bringt, auf die Liste der Berufskrankheiten gesetzt worden. Das war schon mal ein wichtiger Schritt. Vor allem aber ist es uns gelungen, die Probleme der Zimmermädchen auf die politische Agenda zu setzen. Wir sind jetzt national und sogar international sichtbarer geworden.

SPIEGEL ONLINE: Die "Kellys" sind keine Gewerkschaft, sondern eine Interessensvertretung. Warum schließen sich die Gewerkschaften in Spanien Ihren Streiks nicht an?

Barros: Leider gibt es bislang nur eine spanische Gewerkschaft, die uns aktiv unterstützt. Die meisten Gewerkschaften sehen uns eher als Rivalen statt als Verbündete, weil wir zeigen, dass sie sich bislang nicht um die Rechte der Zimmermädchen gekümmert haben. Wir mussten uns selbstständig organisieren, weil die Gewerkschaften uns im Stich gelassen haben.

SPIEGEL ONLINE: Die spanische Tourismus-Ministerin hat kürzlich mitgeteilt, sie wolle die Arbeitsbedingungen Ihrer Berufsgruppe überprüfen. Klingt das nicht vielversprechend?

Barros: Ich habe mich mehrmals mit der Ministerin getroffen, und sie hat viel versprochen. Aber bisher sehen wir nicht, dass sich an unseren Arbeitsbedingungen wirklich etwas verbessert hat. Ich fürchte, das sind nur politische Floskeln, um uns ruhig zu halten.

Mit Material von dpa



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