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05. August 2015, 14:33 Uhr

Mythen der Arbeit

Roboter machen uns arbeitslos - stimmt's?

Je schlauer und vernetzter Maschinen werden, desto mehr Arbeitsplätze fallen weg. Klingt logisch, stimmt aber nicht, meint Arbeitsforscher Joachim Möller. Das Gegenteil ist der Fall.

Selbstfahrende U-Bahnen, sprechende Handys und Roboter, die Fabriken verlassen: Selbst für technische Laien häufen sich die Indizien, dass wir uns in der ersten Phase einer neuen industriellen Revolution befinden.

Experten erwarten eine radikale Wandlung der Industrie und Produktion in den nächsten Jahren: Zu einem hochflexiblen, vernetzten Prozess, in den Kunden und Zulieferer direkt eingebunden sind und der es ermöglicht, individuelle Produkte in Echtzeit und zu Bedingungen herzustellen, die vorher großen Serienproduktionen vorbehalten waren. Die technischen Grundlagen dafür sind schnelle Datenleitungen und neue Technologien. Dazu gehören künstliche Intelligenz durch lernende Maschinen, mobile Roboter, Cloud-Computing und Big Data. Industrie 4.0 ist das Schlagwort. Sie gilt als die Zukunft des verarbeitenden Gewerbes.

Doch was geschieht mit der menschlichen Arbeitskraft? Wird sie vom technischen Fortschritt vor die Tür gesetzt? Oder können die Menschen von dieser Entwicklung sogar profitieren?

Technischer Fortschritt bedeutet immer auch, dass die menschliche Arbeitskraft produktiver wird. In der gleichen Zeit können mehr oder bessere Güter hergestellt oder Dienstleistungen erbracht werden: Bei gleichbleibender Nachfrage braucht man weniger Leute. Dann droht das, was John Maynard Keynes bereits 1931 als technologische Arbeitslosigkeit bezeichnet hat.

Produkte werden erschwinglicher, der Absatz steigt

Interessanterweise ging Keynes nicht von einem Wegfall von Jobs bei den Technologieführern, sondern bei den Nachzüglern aus. Bei innovativen Unternehmen führt der technologische Fortschritt nämlich dazu, dass die Produkte erschwinglicher werden. Dadurch wächst nicht nur ihr Marktanteil, sondern auch der Markt. Der Absatz steigt und damit das Personal in der Produktion.

Tatsache ist, dass Unternehmen, die als Vorreiter von Industrie 4.0 gelten, auch heute schon mehr Menschen beschäftigen als vorher. Auf die Volkswirtschaft übertragen heißt das: Gerade durch den Zugewinn an Effizienz, den die Industrie 4.0 mit sich bringt, bleiben wir in der Position, auch weiterhin im Wettbewerb um Produktionsstandorte eine führende Rolle spielen zu können.

Es ist damit zu rechnen, dass Industrie 4.0 nicht nur die Zahl der Jobs verändert; auch die Tätigkeiten könnten sich tiefgreifend ändern. Manche befürchten, dass die menschliche Arbeitskraft an den Rand gedrängt wird: Der Mensch übernimmt nur noch ausführende Tätigkeiten, die Steuerung erfolgt über anonyme vernetzte Systeme. Das wäre wohl keine schöne neue Welt. Mir erscheint aber realistischer, dass der Mensch die Kontrolle über die Produktion behält und die intelligente Technik ihm zuarbeitet.

Nach dieser Vision wird der Mensch von monotonen, körperlich anstrengenden Tätigkeiten entlastet und erhält die Möglichkeit, seine Kreativität und Flexibilität stärker einzubringen als jemals zuvor. Auch könnte dies die Inklusion fördern, da die Technologie in der Lage ist, Behinderungen auszugleichen.

Die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmt

Klar ist, dass die Veränderungen für den Einzelnen Chancen, aber auch große Herausforderungen bergen. Selbstständige Lösungen werden verlangt, und zugleich werden fundierte Kenntnisse im digitalen und Software-Bereich gefragt sein. Da sich die Verhältnisse schnell ändern können, braucht es Flexibilität im Job und lebenslange Bereitschaft, sich neues Wissen anzueignen. Höherqualifizierte - mit Hochschul- oder qualifiziertem Berufsabschluss - werden dabei im Vorteil sein, denn sie wissen, wie man lernt, sich anpasst und gegebenenfalls neue Nischen sucht.

Mehr Investitionen von Politik und Wirtschaft in Aus- und Weiterbildung sind deshalb eine erfolgversprechende Strategie - und zwar nicht nur bei Fachkräften im produzierenden Sektor. Die industrielle Revolution 4.0 macht auch vor dem Dienstleistungssektor nicht halt. Die Verbindungen zwischen verarbeitendem Gewerbe und anspruchsvollen Dienstleistungen werden enger, die Schnittstellen größer.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt betrifft uns alle. Im Zeitalter der globalen Erreichbarkeit verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit zunehmend.

Um eine E-Mail zu schreiben, an einer Konferenz teilzunehmen oder gar eine "smart factory" zu steuern, muss der Mensch künftig nicht einmal mehr vor Ort sein. Er kann das bequem mit einem digitalen Endgerät von zu Hause aus tun - ist dadurch aber plötzlich auch rund um die Uhr einsetzbar.

Neue Ideen sind gefragt

Der Arbeitgeber räumt seinen Mitarbeitern damit zwar eine größere Flexibilität zum Erledigen der Arbeiten ein, erwartet aber im Gegenzug auch eine größere Flexibilität von den Arbeitnehmern selbst. So gehen in einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zwei Drittel der befragten Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft davon aus, dass in der nächsten Dekade "eine gelebte Work-Life-Integration", also ein sich wechselseitig beflügelndes Zusammenwirken von Arbeiten und Freizeit, immer stärker als Statussymbol gelten wird.

Mein Fazit: Wir sollten uns vor Industrie 4.0 nicht fürchten, sondern die Veränderungen als eine Chance begreifen. Allerdings sollten wir die Entwicklung nicht einfach auf uns zukommen lassen, sondern uns auf allen Ebenen aktiv damit auseinandersetzen und Gestaltungsmöglichkeiten nutzen. Für den Arbeitsmarkt bedeutet es, dass interaktive, wissensintensive und kreative Tätigkeiten mehr Zukunft haben als andere.

Es braucht neue Ideen für Arbeitsgestaltung und Kompetenzentwicklung gerade in der Ausbildung und der Weiterbildung - und es braucht Konzepte, um jene Arbeitskräfte einzubinden, die bisher zu den Verlierern der Entwicklung gehören.

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