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Arbeitszeit-Report Zwei von drei Arbeitnehmern machen Überstunden

Die meisten Beschäftigten in Deutschland bleiben regelmäßig länger im Büro. Viele bekommen die Überstunden weder bezahlt noch durch Freizeit ersetzt. Vor allem ältere Arbeitnehmer klotzen richtig ran.
Von Silvia Dahlkamp
Studie zum Stress im Job: Mit den Jahren nimmt die Arbeit immer mehr zu

Studie zum Stress im Job: Mit den Jahren nimmt die Arbeit immer mehr zu

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Hand aufs Herz: Kommen Sie jeden Abend pünktlich aus dem Büro? Sitzen dann gemeinsam mit ihrer Familie am Abendbrottisch und haben auch noch fünf Minuten Zeit für den Nachwuchs? Wenn nicht: Trösten Sie sich, Sie liegen voll im Trend.

Das geht aus dem Arbeitszeitmonitor 2015 hervor, den die Gehaltsdatenbank Gehalt.de am Donnerstag veröffentlicht. Eins der Ergebnisse: Fast zwei Drittel aller Berufstätigen sitzen regelmäßig länger als vereinbart im Büro (64 Prozent). Jeder Vierte bekommt zum Dank höchstens ein Schulterklopfen. Und: Mit den Jahren und der Erfahrung nimmt die Arbeit nicht ab, sondern zu. Am meisten arbeiten Unternehmensberater.

Geregelte Arbeitszeiten, Acht-Stunden-Tage, Überstundenausgleich - während Berufsanfänger unter 20 Jahren häufig mit einem geregelten Nine-to-five-Job ins Berufsleben starten, sieht das zehn Jahre später schon ganz anders aus.

Über 40 Prozent aller Angestellten bleiben pro Tag im Schnitt eine Stunde länger, 16 Prozent sogar zwei Stunden. Vier Prozent aller Arbeitnehmer gaben an, dass sie sogar eine 65-Stunden-Woche haben. Dabei kommen in großen Firmen und Konzernen im Schnitt mehr Überstunden zusammen als bei Mittelständlern.

Im Alter von 59 Jahren haben die meisten endlich den Überstundengipfel erklommen. Doch kurz vor der Rente wird es nicht etwa ruhiger, im Gegenteil: Dann stehen gerade Altgediente besonders unter Strom, klopfen vier bis fünf Überstunden die Woche oder noch mehr. Artur Jagiello, Sprecher von Gehalt.de: "Viele haben eine hohe Hierarchieebene erreicht und tragen mehr Verantwortung."

Und Verantwortung frisst Zeit: Während die jungen Kollegen meist noch mehr Geld oder Freizeit bekommen (über 50 Prozent), müssen die alten Hasen in der Regel auf einen Ausgleich verzichten. "Anspruchsvolle Posten sind in der Regel besser bezahlt", erklärt Jagiello, "da gibt es selten eine Überstundenregelung."

Der Letzte macht das Licht aus

Gehalt.de verglich für die Untersuchung die Daten von rund 270.000 Arbeitnehmern, die alle in der Regel zwischen 36 und 40 Stunden in der Woche arbeiten.

Spitzenreiter bei Überstunden sind Unternehmensberater, von ihnen kommt fast keiner pünktlich nach Hause. Ihre Sekretärinnen, Angestellte, Büroboten arbeiten durchschnittlich jede Woche sechs Stunden mehr, als es der Arbeitsvertrag vorsieht. Die Chefs selbst schalten als Letzte spät am Abend die Lichter aus. Würden sie ihre Überstunden zählen, kämen sie jede Woche im Schnitt auf acht Stunden oder auch mehr. Es folgen die Mitarbeiter im Hotel- und Gaststättengewerbe mit einem Plus von 5,5 Stunden; Angestellte im Konsum- und Gebrauchsgüterbereich bringen es auf 5,2 Stunden. Der branchenübergreifende Durchschnitt liegt bei 3,8 Stunden.

Mann oder Frau, wer kann sich schlechter von der Arbeit im Büro loseisen? Im Geschlechtervergleich gehen Frauen deutlich früher aus dem Büro als Männer. In der Gruppe mit bis zu fünf zusätzlichen Stunden in der Woche kommen Frauen auf 40 Prozent und Männer auf 60 Prozent. Beschäftigte mit 26 bis 30 Überstunden pro Woche sind dagegen zu über 80 Prozent männlich.

Mehr Überstunden bedeuten nicht automatisch einen größeren Ausgleich. Im Gegenteil: Knapp die Hälfte der Beschäftigten mit bis zu fünf zusätzlichen Stunden pro Woche erhält einen Ausgleich vom Unternehmen, meist in Form von Freizeit - die anderen gehen leer aus. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit 16 bis 20 Überstunden werden noch seltener für den Mehraufwand entschädigt. Hier liegt der Anteil bei lediglich 18 Prozent.

KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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