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Job & Karriere

Zwischenruf "Die Trennung von Arbeit und Leben ist Bullshit"

Der Job macht krank und hindert uns an der Selbstentfaltung, erst mit der Freizeit beginnt die Freiheit? Völlig falsch, sagt Gastautor Thomas Vašek. Der Philosoph will kein Gejammer über die Zumutungen der Berufswelt mehr hören - und träumt von einer Revolution der Arbeit.
Buchautor Vašek: "Arbeit macht mich zu dem, was ich bin"

Buchautor Vašek: "Arbeit macht mich zu dem, was ich bin"

Foto: Marcello Hernandez

Ich hatte schon viele anstrengende, stressige, schlecht bezahlte Jobs in meinem Leben. Jobs, die mir keinen Spaß machten. Die mich auslaugten, langweilten oder sonstwie zermürbten. Doch am schlimmsten war es, überhaupt keine Arbeit zu haben. Das stürzte mich in Selbstzweifel, in tiefe persönliche Krisen. Wenn ich keine Arbeit hatte, fühlte ich mich mitunter wie tot.

Arbeit ist wichtig für unser Leben, so behaupte ich - und zwar unabhängig davon, wie wir über sie denken. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr davon.

Das Gerede von Work-Life-Balance ist Bullshit - eine leere Formel, die uns suggerieren soll, dass das wahre, das gute Leben erst nach Feierabend beginnt. Work-Life-Balance ist Opium fürs Arbeitsvolk. Sie soll die arbeitenden Menschen ruhigstellen, sie kompensieren für schlechte Jobs, die sie nicht weiterbringen im Leben.

Doch was wir brauchen, das ist gute Arbeit, die unseren Fähigkeiten entspricht. Dafür müssen wir kämpfen, nicht für mehr Freizeit, die wir ohnehin oft mit sinnlosen Dingen vergeuden.

Menschen ohne Arbeit verlieren ihr Selbstwertgefühl

Gute Arbeit trägt zur Entfaltung unserer Fähigkeiten bei - und damit zu einem guten Leben. Sie bietet die nötigen Kriterien und Standards, die Probleme und Herausforderungen, an denen wir uns messen können. Wir brauchen sie für unsere Selbstachtung. Genau deshalb müssen wir die Frage der Arbeit ins Zentrum der gesellschaftlichen und politischen Debatte rücken.

Arbeit gibt uns einen Sinn, sie bringt uns mit Menschen zusammen, sie formt unsere Identität. Zu Recht definieren sich viele Menschen über ihren Beruf, den sie aus guten Gründen gewählt, auf den sie womöglich lange hingearbeitet haben. Was Arbeit für Menschen bedeutet, erkennt man am besten, wenn sie plötzlich fehlt.

Nach einem Jobverlust fallen Menschen häufig in ein "Loch". Wo ein Loch ist, da fehlt etwas. Was fehlt, das ist die Arbeit. Das sind die täglichen Aufgaben, Routinen und Rituale, die Zusammenarbeit mit Kollegen, die Anerkennung der anderen, die uns darin bestätigen, dass wir etwas Sinnvolles und Nützliches tun.

Menschen ohne Arbeit verlieren ihr Selbstwertgefühl, sie fühlen sich überflüssig und unnütz, auch wenn es andere Dinge gibt, die ihnen Freude machen. Sie verfallen in Depressionen, obwohl sie eine glückliche Beziehung haben. Und schlimmer noch: Wenn die Arbeit fehlt, geht oft genug auch die Beziehung kaputt.

Arbeit ist weit mehr als nur ein Mittel zum Zweck

Arbeit ist nicht nur eine lästige Notwendigkeit, ein Mittel zum Zweck. Sie ist eine komplexe Lebensform. Wir sind, was wir tun. Wer Arbeit auf ihre instrumentelle Dimension reduziert, auf ein bloßes Mittel zum Geldverdienen, verkennt ihre wahre Bedeutung für unser Leben.

Aber nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, sondern auch die Kluft zwischen guter und schlechter Arbeit. Die einen haben einen Job, der sie bereichert und erfüllt. Die anderen vergeuden einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit mit einem Job, mit dem sie sich nicht identifizieren können.

Gute Arbeit ist eine konkrete Chance, die eigene Vorstellung von einem guten Leben zu realisieren. Schlechte Arbeit nimmt uns diese Chance, sie hindert uns am guten Leben, sie ist eine kolossale Zeit- und Lebensverschwendung.

Schuld an schlechter Arbeit ist nicht der Kapitalismus, der uns alle ins Hamsterrad zwingt. Schuld sind unfähige Manager, die Mitarbeiter auf eine bloße Ressource reduzieren. Schuld ist aber auch der einzelne Mitarbeiter, der ohne Not oder aus Bequemlichkeit in einem schlechten Job verharrt.

Automatisierung schafft Raum für bessere Arbeit

Statt das Ende der Arbeitsgesellschaft herbeizusehnen, sollten wir lieber nach anderen Wegen suchen, um Menschen in gute Arbeit zu bringen. Etwa indem wir es ihnen leichter machen, einen schlechten Job hinzuschmeißen, bevor er ihr Leben zerstört. Indem wir es Frauen ermöglichen, schneller in einen Job zurückzukehren, der ihren Qualifikationen entspricht. Statt auf die fragwürdige Frauenquote zu pochen, sollte sich der Feminismus lieber an die Spitze des Kampfes für gute Arbeit stellen.

Gute Arbeit erfordert auch mehr Eigenverantwortung. Wir müssen die Menschen dazu befähigen, diese Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir gute Arbeit für alle wollen, dann müssen wir es den Menschen leichter machen, Risiken einzugehen.

Schlechte Arbeit sollten wir nicht hinnehmen, weder als Individuen noch als Gesellschaft. Gegen schlechte Arbeit, gegen "Bullshit-Jobs", wie sie der Ethnologe und Kapitalismuskritiker David Graeber nennt, müssen wir kämpfen.

Und wo es möglich ist, müssen wir sie beseitigen und ersetzen - durch digital vernetzte Produktionsketten, durch Roboter und Computerprogramme. Wir sollten die Automatisierung begrüßen. Sie bedeutet aber nicht das "Ende der Arbeit", das bedeuteten technologische Revolutionen noch nie. Vielmehr schafft sie Raum für gute, für bessere Arbeit.

Lasst die Roboter die schlechten, die entwürdigenden Jobs machen - und uns Menschen die guten, die tollen Jobs, die wir brauchen für ein gutes Leben.

Thomas Vašek ist Chefredakteur des philosophischen Magazins "Hohe Luft" und Autor. Zuletzt erschien sein Buch "Work-Life-Bullshit - warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt".

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