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ARCHÄOLOGIE 0 Kyros

Persiens Schah, meint ein junger deutscher Historiker, habe das Jubiläumsspektakel des 2500jährigen Monarchie vor dem falschen Kyros-Grab gefeiert.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Im falschen Jahr und am falschen Platz zelebrierte Schahinschah Mohammed Resa Pahlewi vor sechs Wochen das 2500jährige Jubiläum der persischen Monarchie.

Vor 2500 Jahren, 530 vor Christus, wurde nicht das Persische Reich gegründet, sondern in jenem Jahr starb Kyros, der um 550 das neue Großkönigtum errichtet hatte.

Erst 1971 feierte der Schah am Giebeldach-Grabmal des Kyros, dem sogenannten Meshed-mader-i-Suleiman, aber ein Dozent für Alte Geschichte an der Universität Konstanz behauptet, es sei das falsche Grab gewesen.

Dr. Alexander Demandt, 34, hatte 1964 eine Forschungsreise nach Persien unternommen, um Zweifel am Urteil des deutschen Archäologen Ernst Herzfeld auszuräumen. Herzfeld 1908: »Die Übereinstimmung zwischen (Aristobuls) Schilderung und der Ruine Meshed ist eine so absolute, wie sie selten vorkommen dürfte.«

Aristobulos, ein Offizier im Heere Alexanders des Großen, hatte nach Zeugnissen des Geographen Strabon und des Historikers Arrian auf dem Eroberungszug Alexanders nach Asien, also rund 200 Jahre später, das Kyros-Grabmal beschrieben. Herzfeld nahm an, daß sich diese Schilderung auf den Meshed bezog. Seine Autorität genügte, um fortan die alte Vermutung, der Meshed sei das Kyros-Grab, für wissenschaftlich gesichert zu erklären.

Der Meshed befindet sich im iranischen Kerngebiet Persis in der alten Kyros-Residenz Pasargadai, unweit von Persepolis, das Kyros-Schwiegersohn Dareios gegründet hatte. In Pasargadai stehen aber noch andere Ruinen aus altpersischer Zeit. 1950 entdeckte der iranische Archäologe Zakataly am Fuß der Turmruine Zendan-i-Suleiman Reste einer in Stein gehauenen Inschrift.

Dieser Fund war das Indiz, von dem Demandt ausging. Er wußte von Anstobulos, daß Dareios am Kyros-Grabmal die Inschrift »O Mensch, ich bin Kyros hatte anbringen lassen.

Demandt konnte 1964 vor Ort feststellen, daß sich am gut erhaltenen Meshed, dem angeblichen Kyros-Grabmal, keine Inschrift und keine Hinweise auf eine ehemals dort angebrachte befanden.

Überdies hat die angebliche Kyros-Grabstätte ein Giebeldach, was laut Demandt erlaubt, sie architektonisch auf eine etwas frühere Einwanderer-Epoche zu datieren. Die Perser aus dem regnerischen Norden wußten noch nicht wie die Menschen der Kyros-Zeit: Bei geringen Niederschlägen ist das Flachdach dem Giebeldach vorzuziehen.

Andererseits ermittelte Demandt, daß sich zwei Ruinen in der Persis nach Stil und Ausmaßen vollkommen glichen: der Zendan und die -- viel besser erhaltene -- Kaaba-i-Zerdorscht in einem anderen Ort nahe Persepolis.

Die Kaaba galt bislang als Feuertempel. Weil sie aber keine Fenster und keinen Rauchfang hatte, hielt Demandt sie für ein Grabmal -- und zwar für das Grabmal des Kyros-Sohnes Kambyses. Analog sieht er auch im etwas älteren Zendan ein Grabmal: das Mausoleum des Kyros, von dem freilich nur noch eine Ruinenwand steht.

Demandt meint denn auch, daß Herzfeld Aristobuls Grabbeschreibung mißverstanden hat. Aristobulos hatte das Kyros-Grab als »Turm« bezeichnet: Der Meshed ist jedoch ein Haus auf gestuftem Pyramidensockel. Ferner wird von ihm eine steinerne Treppe erwähnt -- was wie der Turm nur auf den Zendan zutrifft.

Ebenso erzählte Aristobul, in der Grabkammer habe ein goldener Sarkophag von zwei mal drei Meter gestanden. Zudem ließ Alexander dort ein Liegebett sowie einen Tisch mit medischen Schwertern, Dolchen und Purpurgewändern aufstellen.

All das hätte, erklärt Demandt, in der Meshed-Grabkammer von 3,16 mal 2,18 Meter nicht Platz gehabt, zumal noch Raum für Kulthandlungen bleiben mußte. Die Grabkammer des Zendan sei hingegen »viel geräumiger« gewesen.

Seine Entdeckungen und seine neue Hypothese hatte Demandt schon 1968 mi »Archäologischen Anzeiger« publiziert. Doch Demandt: »Bis die Auffassung von einem so jungen Spund wie mir akzeptiert wird, vergehen in der Regel 30 Jahre.«

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