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BLUES 17 Gitarren, 15 Kinder

Seine Gitarre war die Nummer eins, aber fast genauso wichtig waren ihm die Frauen: Der Bluesmusiker B.B. King erzählt sein Leben.
aus DER SPIEGEL 40/1998

Abgesehen von »richtigem Sex mit einer richtigen Frau«, sagt B.B. King, »gibt es nichts, was mir solch eine innere Ruhe gibt wie Lucille«. Diese innere Ruhe hat er in seinem bewegten Leben immer wieder gesucht - Lucille ist bereits Nummer 17, und die richtigen Frauen hat King nicht gezählt. Lucille ist eine Gitarre.

Der Gitarrist und Sänger B.B. King, inzwischen 73, gehört längst zu den großen Gestalten des Blues, der Urform des Jazz. Er spielt und singt den Blues, so wie er ihn als Kind im Mississippi-Delta von schwarzen Musikern gehört hat. Heute wird er selbst als Legende verehrt und von jüngeren Musikern, auch Weißen wie Eric Clapton oder John Mayall, voller Ehrfurcht zitiert.

»Der Blues ist eine einfache Musik«, sagt King, »und ich bin ein einfacher Mann.« Er tue sich schwer mit Worten. Und doch hat er sich überreden lassen, dem Musik-Journalisten David Ritz in langen Gesprächen - unterwegs im Bus, im Hotel, hinter der Bühne - sein Leben zu erzählen und ein Buch daraus machen zu lassen, das nun in deutscher Übersetzung erscheint*.

Was er am meisten an King schätze, so sein Schreib-Helfer Ritz, sei dessen Aufrichtigkeit. Ritz ist es gelungen, die schlichten Erzählungen druckreif zu machen, ohne den Eindruck des mündlichen Bekenntnisses zu verwischen.

Geboren wurde der Musiker am 16. September 1925 als Riley B. King, das »B.«, so sagt er selbst, stand eigentlich für gar nichts. Am Beginn seiner Karriere, als er bei einem Radiosender arbeitete, wurde er Blues Boy genannt, dann verkürzt nur noch Bee Bee, und daraus wurde B.B.

Rileys Mutter, die ihren Mann verlassen hatte, starb sehr früh. Der Junge war damals zehn, er wollte nicht zu einer Tante oder Großmutter ziehen, sondern sich von nun an lieber allein durchschlagen.

Das hat er dann auch mit bemerkenswerter Zähigkeit geschafft, immer die Musik von Blind Lemon Jefferson oder Lonnie Johnson im Kopf, immer von dem Wunsch getrieben, so gut wie sie zu sein.

* B.B. King: »Ein Leben mit dem Blues«. Palmyra Verlag, Heidelberg; 380 Seiten; 49,80 Mark.

Er hat auf Plantagen gearbeitet, Baumwolle gepflückt, Traktoren gefahren - und, sobald er konnte, eine Gitarre gekauft.

Als junger Schwarzer im Süden Amerikas lernte er, wenig überraschend, die Brutalität rassistischer Weißer kennen, die Armut und das Elend der Schwarzen auf dem Lande. Für ein paar lausige Dollar spielte er in Kaschemmen; als er während des Zweiten Weltkriegs erlebte, wie deutsche Kriegsgefangene besser behandelt wurden als Schwarze in der Uniform der US-Armee, spürte er Wut.

Überraschend wirkt Kings Lebensbeichte vor allem dann, wenn er über die beiden Themen spricht, die sein ganzes Leben bestimmt haben: seine Musik und die Frauen. Ohne Umschweife berichtet er, daß es ihm immer schwergefallen sei, Lust von Liebe zu unterscheiden. Sex sei für ihn das Wichtigste auf der Welt: »Falls es etwas Besseres gibt als Sex, dann hat man es den Menschen bisher vorenthalten.«

Seine beiden Ehen scheiterten, zum einen wohl, weil er das Wichtigste auf der Welt ständig suchte, zum anderen weil er immer auf Achse war. Dafür blickt er mit väterlichem Stolz auf seine 15 Kinder, die er mit 15 verschiedenen Frauen zeugte - keine von ihnen war im übrigen je mit ihm verheiratet.

Seltsam anrührend wirken Kings Bekenntnisse, wenn er von seiner Musik, seinen eigenen Fähigkeiten und dem Können anderer spricht. Ganz offensichtlich hat dieser begabte Gemütsmensch sein Leben lang unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten. Obwohl der Blues sein Leben war, hat es ihm zu schaffen gemacht, »nur« als Bluesmusiker geschätzt zu werden.

»Blues-Sänger zu sein ist so, als ob man gleich zweimal schwarz wäre«, sagt King. Gerade deshalb tat es ihm wohl, als Beatle John Lennon öffentlich gestand, er möchte gern Gitarre spielen wie B.B. King.

King kannte die großen Jazz-Kollegen fast alle und bewunderte die Musik von Dizzy Gillespie, Miles Davis und Charlie Parker. Was die machten, so King, »ging schlicht über meinen Horizont«.

Mit wachsender Irritation beobachtete er, wie die Jugend sich in den fünfziger Jahren für den Rock''n''Roll begeisterte. Obwohl diese Musik aus dem Blues entstand, war der Blues-Mann King kaum noch gefragt. Little Richard und Chuck Berry rissen die jungen Leute in Begeisterungstaumel. »Ich habe den Zug verpaßt«, gesteht King im nachhinein.

Als Außenseiter fühlte er sich auch, als der Soul aufkam. Es trieb ihm die Tränen in die Augen, wenn das Publikum ihn ausbuhte, ehe er auch nur einen einzigen Ton gespielt hatte. Bis heute grämt er sich, daß er damals, anders als etwa Ray Charles oder Sam Cooke, keinen einzigen Hit zustande brachte.

Erst die Hippies jubelten King auf ihren Rockfestivals wieder zu, als sei er immer einer der Ihren gewesen: »Sie gaben mir das Gefühl, akzeptiert zu werden.« Ende der sechziger Jahre schaffte er mit »The Thrill Is Gone« seine erste große Erfolgsnummer - und alle Welt wollte plötzlich seinen Blues hören.

Er wurde zur Gartenparty der britischen Queen eingeladen und zum Empfang im Weißen Haus. Heute fährt er Mercedes und Rolls Royce, ein Firmenimperium vermarktet unter seinem Namen Barbecue-Soße, Freizeitkleidung und Gitarrensaiten. Der einstige Blues Boy ist Millionär geworden.

Immer noch geht er auf Tournee, auch seine Leidenschaft für Frauen, sagt B.B., sei »ungebrochen": Mit seinen 73 Jahren würde er gern noch einmal heiraten.

* B.B. King: »Ein Leben mit dem Blues«. Palmyra Verlag,Heidelberg; 380 Seiten; 49,80 Mark.

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