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SPIEGEL-Leser Anny Yiu, Karl-Heinz Groth und Daniel Perschke

SPIEGEL-Leser Anny Yiu, Karl-Heinz Groth und Daniel Perschke

Das sagen Leserinnen und Leser zum 75. Magazin-Jubiläum »Deswegen ärgere ich mich über den SPIEGEL. Und lese ihn weiter«

Wir schreiben, Sie lesen. So war das immer. Jetzt haben wir die Sache umgedreht: Wir haben Sie reden, erzählen, kritisieren lassen – und zugehört. Mehr als ein Dutzend Mal. Aber lesen Sie selbst.
aus DER SPIEGEL 2/2022

Ein Spannungsverhältnis ist es wohl immer zwischen denen, die ein Blatt machen, und denen, die es lesen. Manchmal ist es wie in einer Beziehung: Man verkracht sich und findet wieder zueinander, entfremdet sich oder beschließt, dass man sich trotz gelegentlichen Ärgers die Treue hält. Wie sehen uns die Leserinnen und Leser? Wir haben nachgefragt, bei den Treuen, den Kritischen, bei denen, die uns verloren gingen: was ihnen dieses Blatt bedeutet oder bedeutet hat, was sie sich wünschen, was sie stört. Wir sprachen Abonnentinnen und Abonnenten an, Menschen, die uns häufig schreiben, und solche, die mit uns diskutiert haben, 2018 auf einer Konferenz bei uns in Hamburg. Hier sind 13 Antworten, beginnend im Wohnzimmer eines Mannes, der einen wichtigen Moment in seinem Leben mit dem SPIEGEL teilt.

Am Tag der ersten Ausgabe des SPIEGEL, dem 4. Januar 1947, kam auch Jürgen Abraham aus Essen-Kettwig auf die Welt. Es war ein Samstag.

Knapp 75 Jahre später sitzt er neben seiner Frau in ihrem kleinen Haus am Tisch, draußen liegt Heiligenhaus, nahe Kettwig, wo sie ihr Leben geführt haben mit zwei Jungs, die mittlerweile groß sind.

Abraham, ein großer Mann, noch sportlich, war 38 Jahre lang Mathe- und Physiklehrer und warnt deshalb, seine Betrachtungen seien eher »kurz und knapp«.

Dabei hatte er dem SPIEGEL einen Brief geschrieben, der fast emotional war. Er »hänge« am SPIEGEL. In Urlauben mussten sie schon kilometerweit fahren, um ihn zu kaufen, einmal zehn Kilometer in Griechenland, dann Ägypten, »da war es auch schwierig gewesen«. Er sagt das alles mit dem Dialekt der Gegend, »schwierrrich«.

Journalismus für die Zukunft

DER SPIEGEL hat Geburtstag! Deshalb diskutieren wir, wie Journalismus künftig sein sollte und wie sich die gesellschaftliche Debatte verändert.

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»Kann ich bestätigen«, sagt seine Frau, sie stammt aus Frankreich, Haarreif, Pagenkopf, feine goldene Ohrringe, eine eher ruhige Frau.

Es gibt feste Rituale im Hause Abraham. Mit dem SPIEGEL wird wie folgt verfahren: Jürgen Abraham kauft ihn samstags, liest darin bis Donnerstag oder Freitag, gibt ihn weiter an seinen Sohn, der ihn aber wieder abgeben muss, weil der Vater eventuell noch etwas nachlesen möchte, und, das ist die Hauptsache, weil er das Titelblatt braucht.

Er reißt es dann vorsichtig ab, legt es auf einen Stapel, den er oben in seinem Zimmer unterm Dachboden hat. Vier Stapel sind es mittlerweile, und zwei hat er heruntergetragen ins Wohnzimmer für den Besuch.

Aus: DER SPIEGEL 2/2022

Unbequem seit 1947

Der erste SPIEGEL erschien am Samstag, dem 4. Januar 1947. Die Medienwelt hat sich seither verändert: Vertrauen ist heute nicht mehr selbstverständlich, Fake News und Hate Speech beeinflussen die Debatten. Anlässlich des Jubiläums fragen wir: Was können, was müssen wir besser machen?

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Sie liegen auf dem Regal in der Schrankwand, links die Stereoanlage. Obendrauf: »Die 100.000 Augen des KGB«, 2. Juli 1984. Er greift mitten in den Stapel: »Die große Pleite – Wirtschaften im Kommunismus«, 25. Januar 1982. Greift noch mal hinein: »0 % Lohnerhöhung?«, 9. März 1981.

Er setzt sich zurück an den Tisch. »Vielleicht machen wir eine Glasscheibe auf den Tisch und legen ein paar Titel drunter«, sagt er. Seine Frau schüttelt stumm den Kopf.

Abrahams Eltern hatten ein Baugeschäft, es war die Nachkriegszeit, sie arbeiteten viel. Mit 16 Jahren, als der Junge Probleme im Fach Deutsch hatte, bekam er Geld, um den SPIEGEL zu kaufen. Gleich in einer der ersten Ausgaben war ein Bericht über den Zweiten Weltkrieg, und in der Oberstufe im Gemeinschaftsunterricht half ihm das. »Konnte ich glänzen«, sagt er zufrieden am Tisch.

Er liest ihn von hinten nach vorn, beginnt mit dem Hohlspiegel, sein Sohn schneidet die besten Hohlspiegel aus und sammelt sie.

Sammler Abraham inmitten seiner SPIEGEL-Titel

Sammler Abraham inmitten seiner SPIEGEL-Titel

Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Hatte er nie eine Krise mit dem SPIEGEL?

»Ich bin nicht krisenanfällig«, sagt Abraham, wie angekündigt, kurz und knapp.

Auch nach Relotius nicht?

»Sagen wir so: fand ich entsprechend nicht so gut.«

Nie fremdgegangen, etwa mit der »Zeit«?

»Liest sich schlecht im Bett wegen des Formats.«

»Focus«?

»Sind mir die Artikel zu kurz«, sagt er.

Seine Frau hat er vor 54 Jahren in Südfrankreich kennengelernt, er war als Student mit einer Gruppe an der Côte d’Azur, sie machte Urlaub. Seit 48 Jahren sind sie verheiratet.

»Wenn ich mich für etwas entscheide, ziehe ich es möglichst durch«, sagt Jürgen Abraham.

Solche Treue ist selten; in den meisten Fällen ist die Bindung zwischen Lesenden und Lesestoff ja eher volatil. In den Protokollen, Texten und Interviews, die jetzt folgen, machen sich Ärger oder Zustimmung oft an bestimmten Themen fest. Eines davon, selbstverständlich in diesen Zeiten: Corona.

»2015, während der Flüchtlingskrise, war ich zum ersten Mal verwundert über die Berichterstattung. Auch beim Thema Klimawandel habe ich Artikel vermisst, die Kritiker angemessen zu Wort kommen lassen. Zum Bruch zwischen der SPIEGEL-Redaktion und mir kam es in den vergangenen zwei Jahren, während der Pandemie. Meiner Meinung nach wird berechtigte Kritik, auch von Experten, unterdrückt. Zu oft fehlt es an der nötigen Distanz zur Arbeit der Regierung. Natürlich leugnet niemand, der halbwegs bei Verstand ist, die Existenz des Virus und der Krankheit, aber über ihre Gefährlichkeit für den Einzelnen wird fast schon hysterisch berichtet. Ich selbst bin nicht geimpft, habe mich infiziert und bin recht gut durch die Krankheit gekommen, ohne Krankenhausaufenthalt. Mittlerweile lese ich den SPIEGEL und die Artikel auf SPIEGEL.de kaum noch. Wenn Sie mich fragen, was geschehen müsste, damit ich den SPIEGEL wieder häufiger lese, kann ich Ihnen darauf keine Antwort geben. Ich glaube momentan nicht, dass die Kluft zwischen Ihnen und mir zu überbrücken ist.«

»Als alleinerziehende Mutter habe ich nicht viel Zeit, um in Ruhe zu lesen. Ich arbeite im Schichtdienst. Je nachdem, wann ich arbeiten muss, schaffe ich es manchmal morgens, ein paar Seiten im SPIEGEL zu lesen, manchmal abends – statt fernzusehen. Ich bin gebürtig aus Polen und erst seit 1999 in Deutschland. Ich möchte mich einlesen. Dabei interessiere ich mich eigentlich für alle aktuellen Themen aus Deutschland, aber auch aus ganz Europa, wie zum Beispiel für die Lage an der polnisch-belarussischen Grenze. Ich möchte mir eine Meinung bilden können.

Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Manchmal sind in den SPIEGEL-Texten sehr viele schwere Wörter drin. Ich schlage die Bedeutung dann während des Lesens nach. Ich sehe das einerseits als Herausforderung, andererseits kostet mich das zu viel Zeit. So bleibt einiges ungelesen. Bis ich die Hefte wegwerfe, dauert es aber. Wenn mein Freund da ist, gebe ich sie an ihn weiter oder lese selbst später noch mal etwas nach. Zwischendurch habe ich aber auch schon mal gekündigt. Der SPIEGEL ist nicht günstig, und wenn ich es nicht schaffe, ihn zu lesen, frage ich mich immer, ob es sich lohnt, so viel Geld auszugeben. Ich habe zurzeit ein Probe-Abo.

Jetzt, in der Coronazeit, fand ich viele Berichte furchtbar interessant. Ein Artikel über die Lage auf den Intensivstationen hat mir sogar bei der Impfentscheidung geholfen: Ich war schon geimpft, aber bei meinen Kindern war ich noch unsicher. Nachdem ich dann gelesen habe, wie die Situation auf den Intensivstationen der Krankenhäuser ist, habe ich gleich einen Termin gemacht. Das hat mich wirklich berührt und überzeugt. Gerade heute wurde mein jüngerer Sohn geimpft.«

Die Sprache des SPIEGEL – sie ist früher oft als arrogant kritisiert worden, sie hat sich aber verändert in den vergangenen Jahren, meinen wir. Es spricht nicht mehr die anonyme Instanz, die Sprache ist lockerer geworden. Nicht alle finden das gut.

SPIEGEL: Herr Morgenthaler, Sie schreiben uns fast täglich, manchmal auch mehrmals am Tag, um uns auf Grammatik- und Syntaxfehler hinzuweisen. Haben Sie das Gefühl, das bringt etwas?

Morgenthaler: Ehrlich gesagt, nein. Aber ich hoffe ja immer, dass meine Mails auf Dauer wirken. Bei der Grammatik stehen mir oft die Haare zu Berge. Ganz schlimm ist es in den Schlagzeilen, da wird regelmäßig der Genitiv mit dem Dativ verwechselt. Das kommt vor allem auf SPIEGEL.de vor, aber auch im Magazin fallen mir immer wieder Dinge auf.

SPIEGEL: Welche denn?

Morgenthaler: Da werden Windkraftanlagen als Windräder bezeichnet. Das ist ja grauenhaft. Das, was sich da dreht, ist doch kein Rad. Vor vielen Jahren wurde im SPIEGEL auch mal von Windmühlen gesprochen. Ja, was wird denn da gemahlen? Und alles, was mit der Kernphysik zu tun hat, wird mit Atom bezeichnet. Das führt dann zu komischen Anglizismen wie Atomdeal. Was kann man sich darunter vorstellen? Ein Deal zwischen geschäftlichen Atomen oder was? Aber auf so etwas reagiere ich schon gar nicht mehr.

SPIEGEL: Warum bleiben Sie dem SPIEGEL trotzdem treu?

Morgenthaler: Früher gab es dieses Bonmot: Vor welchem Tag haben Politiker Angst?

SPIEGEL: Und?

Morgenthaler: Vor dem Montag, weil da der SPIEGEL erschien. Heute ist das der Samstag. Im Investigativen hat der SPIEGEL großartige Sachen gemacht.

SPIEGEL: Was ist Ihnen da besonders im Gedächtnis geblieben?

Morgenthaler: Die Enthüllungen des SPIEGEL zur Flick-Affäre und zur Spendenaffäre unter Helmut Kohl. Aber der SPIEGEL hat sich auch ein paar Fehlleistungen erlaubt.

SPIEGEL: Welche?

Morgenthaler: Bei Christian Wulff hat der SPIEGEL leider mit draufgehauen. Meiner Meinung nach hatte sich Wulff aber nur Bagatellen erlaubt. Oder der SPIEGEL hat einmal mit einem wunderschönen Titelbild Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Frau hochgejubelt – im Boulevardzeitungsstil. Das ist mir sehr aufgestoßen.

SPIEGEL: Warum?

Morgenthaler: Weil ich ihn damals schon für eine Luftnummer hielt.

War der SPIEGEL früher, als der Student Hans Morgenthaler ihn zu lesen anfing, »im Zweifel links«, wie Rudolf Augstein es formulierte? Ist er nach links gedriftet, wie manche meinen? Oder keines von beidem? Haben sich eher die Lesenden verändert? Die Schreibenden? Oder die Welt?

»In der Familie meines Mannes war der SPIEGEL Standardlektüre, seit es den SPIEGEL gibt. Das waren und sind SPD-Wähler, egal was passiert. Das Heft lag immer auf dem Klo. In meiner Familie war es der Schreibtisch des Vaters, obwohl der sehr konservativ war, anders als mein Schwiegervater. Ich lese ihn seit Uni-Zeiten, und auch bei uns liegt er zuerst auf dem Klo, dann wandert er durchs Haus.

Wir haben drei Kinder, und Anfang der Achtziger war ich bei den Grünen aktiv, das war meine grüne Phase. Mein Engagement für die Umwelt ist aber immer noch da. Wir haben rund 20 Islandpferde, Schweine, Hühner, eine kleine Landwirtschaft, aber politisch stehe ich jetzt auf der anderen Seite. Mir fehlt im SPIEGEL die Gegenstimme. Mir fehlt etwa Jan Fleischhauer. Es gibt eine breite Themenvielfalt, aber das Heft ist einseitiger geworden. Deswegen konnte sich Claas Relotius so lange halten. Weil er das schrieb, was gewünscht wurde und ins Bild passte. Zum Beispiel: Bei der Coronakrise unter Trump wurden gern die absoluten Fallzahlen gezeigt, die natürlich sehr hoch waren. Der Sinn dahinter: Trump riskiert das Leben der Amerikaner. Mir fehlt es manchmal auch an Respekt vor den Beschriebenen. Wie kann man schreiben, ein Mainschiffer sei dick und habe fettiges Haar? Das muss nicht sein. Immer mal wieder tritt der SPIEGEL aus seiner Einseitigkeit, so wie kürzlich mit dem Essay von Jonathan Rauch über linke Cancel Culture. Dafür schätze ich den SPIEGEL.

In meiner Familie gibt es Impfskeptiker, und ich weiß, was sie an Hass und Hetze ertragen müssen. Man darf sie nicht stigmatisieren, es sind kluge Leute darunter. Deswegen ärgere ich mich über den SPIEGEL. Und lese ihn weiter.«

Lüder Gause, 69, Rechtsanwalt, hat gekündigt. Er weiß nicht mehr, wann genau, kurz nach dem Relotius-Skandal. Die Entscheidung sei aber bereits einige Monate davor gefallen.

Gause sitzt in seinem Büro unweit des Hamburger Hauptbahnhofs und erinnert sich an jene Zeit, als in Hamburg noch Innensenator Ronald Schill für Ordnung gesorgt habe, Anfang der Nullerjahre: »Die Drogendealer vor unserer Tür waren plötzlich weg.« Damals habe er noch regelmäßig den SPIEGEL gekauft, er sei nicht mit allen Texten einverstanden gewesen, aber er habe sich am SPIEGEL reiben können, wie einst sein Vater.

»Mein Vater war Prokurist in ei­nem Getreidehandel, er las den SPIEGEL von der ersten Ausgabe an. Nach seinem Tod blieben auf dem Dachboden die SPIEGEL-Stapel liegen, die Jahrgänge 1946 bis 1998. Sie stanken. Er hatte bei der Lektüre immer geraucht, Zigaretten der Marke ›Botschafter‹. Ich konnte die Hefte nicht wegwerfen. Bis zum Brand in unserem Haus. Danach musste ich SPIEGEL-Asche entsorgen. Sie war Sondermüll.«

Der Vater habe ihm eingeschärft: Wenn alle in eine Richtung laufen, lauf in die andere Richtung. »Der Spruch ist bis heute aktuell. Der SPIEGEL aber hat sich verändert. Er ist nicht mehr kritisch. Demonstrieren die Rechten, heißt es: Aufmarsch. Bei den Linken heißt es: Rangeleien, obwohl sie Gewalt anwenden. Der SPIEGEL haut auf Polens Justizsystem ein, ohne auf die Mängel des deutschen hinzuweisen. Er versucht, mich zu erziehen. Ich will weniger Haltung, mehr Information.«

Dieses Unbehagen habe auf einer Leserkonferenz 2018 seinen Höhepunkt erreicht. Ein Redakteur habe ihm an dem Tag in der SPIEGEL-­Zentrale an der Ericusspitze gesagt: »Selbstverständlich vermischen wir Meldung mit Haltung.« Er sei schockiert gewesen, habe zum damaligen Chefredakteur rübergeschaut. Der habe nicht widersprochen.

Seit 2019 liest Gause den SPIEGEL nur noch online und zahlt kein Geld mehr für Artikel. Auch die Art, wie der SPIEGEL über Covid berichte, gefalle ihm nicht.

Fakten und Haltung zusammenzubringen – darf man das? Muss man es? Der SPIEGEL hat es immer getan. So steht es im SPIEGEL-Statut von 1949: Das Blatt »beurteilt die Dinge zwar, aber die Bewertung soll möglichst in der Schilderung enthalten sein«. Um die Deutung, um die Gewichtung von Fakten und Ereignissen geht es. Aber die Wege dorthin müssen nachvollziehbar sein. Offenheit für die andere Seite, auch das zählt. Und kann, wie die nächsten beiden Begegnungen, bereichernd sein. Die erste findet in Berlin statt, zwischen Max Polonyi, der für den SPIEGEL schreibt, und einem Mann, der ihn liest.

Ich traf Steffen Stahnke an einem Mittag im Dezember in einem überteuerten Café in Mitte. Ich kannte nur Stahnkes Namen und seine E-Mail-Adresse, Anfang dreißig sollte er sein, genau wie ich. Ich erwartete ein entspanntes Gespräch mit einem Altersgenossen.

An einem Tisch in der Mitte saß ein Mann allein, in gebügeltem Hemd, Anfang sechzig, durchgestreckter Rücken, vor ihm auf dem Tisch lag eine Mappe. Ich setzte mich in eine Ecke und wartete. Stahnke schien noch nicht da zu sein. Plötzlich stand der Mann mit der Mappe auf, kam auf mich zu und sagte: »Herr Polonyi?« »Ja?«, antwortete ich. »Aha«, sagte der Mann. »Stahnke, angenehm.«

Er öffnete die Mappe. Darin lag ein Stapel ausgedruckter Texte aus dem Heft, viele Sätze waren gelb markiert. Ich sah, dass ein paar der Texte von mir waren. Ich bestellte einen dreifachen Espresso.

Stahnke erzählte, dass er 62 sei und aus Berlin-Tempelhof. Er arbeite im Vertrieb einer IT-Firma und habe einen großen Teil seines Berufslebens in Zügen verbracht. Er kaufe seit den Siebzigerjahren den SPIEGEL. Das Magazin sei für ihn oft alternativlos, um Bescheid zu wissen. Ich lächelte und lehnte mich zurück.

»Aber«, sagte Stahnke und zog einen Text aus der Mappe. Es war eine Geschichte über den Schlagersänger Heino, der sich mit der Tonhalle Düsseldorf über das Wort »Deutsch« gestritten hatte. Ich hatte Heino in Kitzbühel besucht, und er hatte mir erklärt, dass er eben Deutscher sei und deshalb gern mit den Nationalfarben für seinen »deutschen Liederabend« werbe. Ich hatte daraufhin geschrieben, dass Heino schon immer gern provoziert habe, etwa als er Stücke sang, die man auch in einem »Liederbuch der SS« findet. Stahnke schaute mich väterlich an. Er sagte: »Entschuldigung, aber was Sie hier schreiben, ist dummes Zeug.«

Er fragte mich, wie irgendjemand ernsthaft kritisieren könne, dass Heino das Wort »Deutsch« und die Nationalfarben verwende. Dann begann Stahnke einen Monolog. Er sagte, dass 16 Jahre Merkel dem Land schlecht getan hätten, und redete von Mehltau. Er lobte Gerhard Schröder, der auch mal angeeckt sei, aber bei dem man wenigstens gewusst habe, wofür er stehe. Er sagte, dass der SPIEGEL geschlafen habe in den vergangenen zehn Jahren, dass es zu wenig Kritik gegeben habe in der Finanz- und Flüchtlingskrise, bei der Griechenlandrettung und dem Leitzins. Dass er eine politische Korrektheit im Heft bemerke und dass die ihn nerve. Stahnke fand, dass die meisten deutschen Medien inzwischen dieselbe Meinung verträten, nämlich links und grün, und dass der SPIEGEL immerhin noch das letzte Magazin sei, dass man halbwegs lesen könne.

Ich dachte an den 30-jährigen Stahnke, auf den ich mich vorbereitet hatte. Ich stellte mir vor, wie wir uns beim Espresso einig gewesen wären über die Flüchtlinge und Europa und Heino. Es wäre einfach gewesen. Ein Mittag in Mehltau.

Stahnke und ich unterhielten uns fast anderthalb Stunden. Wir stritten. Wir gingen die Texte durch. Am Ende gaben wir uns die Hand und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Er würde sich melden, wenn ich wieder dummes Zeug schriebe. Ich sagte: »Danke, Herr Stahnke.« Und ich meine es so.

Zuletzt war Karl-Heinz Groth, 82, Schulleiter in Wyk auf Föhr und Eckernförde, 2003 wurde er pensioniert, er lebt nun in Goosefeld in Schleswig-Holstein. Den ersten SPIEGEL las er 1958, bei einem Schulausflug legte ihn ein Lehrer vor seine Tür, verbunden mit einer Mahnung: Er brauche ihn morgen früh zurück. In seinem Wohnzimmer: ein Stapel aus zehn, vielleicht zwölf Heften, er hat Artikel markiert, die er unbedingt noch lesen will. Auf einem Beistelltisch liegen Stift und Zettel bereit, für Notizen. Groth kann durchs Fenster hinausblicken in seinen Garten, aber wenn er den SPIEGEL liest, dreht er seinen Sessel zur Wand. Er möchte sich konzen­trieren.

Sein Verhältnis zum Blatt beschreibt er so: »Der SPIEGEL ist für mich, dank seiner beispielhaften Dokumentation, eine unverzichtbare Informationsquelle und zugleich auch Auslöser eigener Geschichten.

Vor ein paar Jahren beispielsweise, die Reportage über einen Obdachlosen, der bei­nahe in einem Müllcontainer umgekommen wäre. Das hat mich angerührt. Ich habe daraus eine Erzählung gemacht, auf Plattdeutsch. Sie ist später in einigen Büchern veröffentlicht worden. Ich kriege bei der SPIEGEL-Lektüre viele Ideen. Sie sind irgendwo im Heft versteckt. Ich habe immer Sorge, dass ich etwas übersehe.

Was mich zornig gemacht hat: der Umgang des SPIEGEL mit der Relotius-Affäre. Ich fand, die Redaktion hat sich zu stark das Büßergewand umgelegt.

Häufig schicke ich einen Leserbrief, weit mehr als 100 waren es in den vergangenen 20 Jahren. Außerdem schreibe ich manchmal an die Autoren. Ich habe noch keinen erlebt, der nicht reagiert hätte. Die Leserbriefe schreibe ich eigentlich für mich. Vielleicht auch für die Redaktion, nicht für andere Leser. Manchmal habe ich beim Schreiben ein komisches Gefühl. Dann lege ich den Brief beiseite, lese ihn am nächsten Tag noch einmal, ändere etwas oder streiche ihn ganz. Kritik sollte immer aufbauend sein.«

Der SPIEGEL kommt aus Westdeutschland, war aber auch wichtig für diejenigen in der DDR, die ihn bekommen konnten. Er begleitete nah und ausführlich die Wiedervereinigung 1989 – und wird trotzdem dem Osten nicht gerecht, das ist der Vorwurf seit Jahren. Wie sehen das Leserinnen und Leser im Osten?

SPIEGEL: Sie sagen, Sie seien eine treue Leserin, die aber ab und zu nicht mehr so treu ist. Sie gehen also manchmal fremd am Kiosk?

Däberitz: Ich bin – vielleicht ist das der bessere Ausdruck – eine kritische Leserin. Ich suche mir allerdings keine Alternative mehr, ich finde sie nicht. Jeden Samstag gehe ich zum Kiosk, greife zum SPIEGEL und gucke ins Inhaltsverzeichnis. Und bin immer traurig, wenn ich das Heft nicht mitnehme.

SPIEGEL: Wovon hängt die Entscheidung ab?

Däberitz: Ich lege das Heft zurück, wenn die Politikthemen mehr als die Hälfte einer Ausgabe füllen.

SPIEGEL: Der SPIEGEL ist ein Nachrichten-Magazin.

Däberitz: Ich weiß, aber Politikerporträts und Interviews dienen oft der Selbstdarstellung, egal wer sie führt oder wie man sie führt. Davon wünsche ich mir weniger im Blatt.

SPIEGEL-Leserin Marlies Däberitz mit Ehemann Bernd

SPIEGEL-Leserin Marlies Däberitz mit Ehemann Bernd

Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sagen wir, der SPIEGEL bringt weniger über Politik – was sollte stattdessen ins Heft? Mehr Gesundheitsthemen?

Däberitz: Um Gottes willen, nein. Ich habe aufgehört, den »Stern« zu lesen, weil er mittlerweile zu sehr auf Wellness und Selbstfindung abhebt. Was ich vermisse, ist der ostdeutsche Alltag. Wenn über den Osten berichtet wird, geht es meist ums sogenannte Dunkeldeutschland. Man sollte den Osten nicht nach denen beurteilen, die laut sind. Ich beginne die Lektüre immer von hinten, lese den Hohlspiegel, dann die Leserbriefe. Da habe ich so eine Marotte, ich zähle jedes Mal, wie viele Briefe aus den östlichen Bundesländern dabei sind.

SPIEGEL: Und?

Däberitz: Manchmal sind es weniger als die aus Österreich oder der Schweiz. Da frage ich mich, gibt es im Osten keine SPIEGEL-Leser, haben sie keine Meinung, oder regen die Themen zu wenig zum Schreiben an? Oder Ihre Rubrik »Familienalbum«, die ich sehr mag.

SPIEGEL: Was ist damit?

Däberitz: Da kommen das ostdeutsche Leben, die DDR-Zeiten kaum vor.

SPIEGEL: Die Rubrik lebt größtenteils von den Zuschriften, die wir von Leserinnen und Lesern bekommen. Haben Sie uns mal was reingeschickt?

Däberitz: Nein. Ich verstehe Ihren Punkt.

»Meinen ersten SPIEGEL habe ich 1967 gelesen, mit 22 Jahren, da war ich noch Student. Ich hab mich mit meinem Bruder am Balaton in Ungarn getroffen, er kam aus West-Berlin, ich kam aus Ost-Berlin. Er kam mit einem VW-Bus angefahren und hatte 20 alte SPIEGEL-Hefte dabei. Die habe ich mitgenommen in die DDR und sie alle gelesen.

Später beim »Magazin«, für das ich geschrieben habe, hatten wir dann auch immer eine Ausgabe. Die bekam zuerst der Chefredakteur, und dann ging sie rum. Ich habe immer mit einer gewissen Ehrfurcht gelesen. Das Aufmüpfige, Rotzige, Distanzierte, das gefiel mir. Das ist heute nicht mehr so, schade.

Als ich Rentner wurde, sind wir nach Kuhhorst gezogen, 100 Einwohner. Aber ein sehr lebendiges Dorf, wir haben einen Ökohof, eine Dorfkneipe und einen Kulturverein, in dem ich mitarbeite. Eine Weile habe ich den SPIEGEL immer mit zwei oder drei Tagen Verspätung bekommen. Das hat mich ge­ärgert, aber unsere Postzustellerin kennt einen Trick. Auf meinem SPIEGEL-Abo steht jetzt ein anderes Dorf als Adresse. Nun bekomme ich jeden Samstag meinen SPIEGEL.

Wenn der SPIEGEL sich dem Osten zuwendet, wird es zuweilen onkelhaft. Dass der SPIEGEL ein westdeutsches Medium ist, merkt man auch an der Berichterstattung über das deutsch-russische Verhältnis. Der Kalte Krieg steckt dem Heft noch in den Kleidern. Mit nicht differenzierter und einseitiger Darstellung kennt sich ein Ostler aus.«

Daniel Perschke ist 50 Jahre alt und Einkäufer für einen Automobilzulieferer. Er hat den SPIEGEL gekündigt und das nicht zum ersten Mal. Er wohnt in Brandenburg, 50 Meter hinter dem Ortsschild von Berlin. Als wir ihn fragen, ob wir ihn fotografieren dürfen, lacht er laut und sagt: »Ja klar. Ich war gerade beim Friseur. Ich sehe gut aus.«

Daniel Perschke ist bestens gelaunt. Ist er fast immer. Seit den Neunzigerjahren liest Perschke den SPIEGEL. Er ist »Ossi«, so sagt er selbst. Bei jeder Preiserhöhung des SPIEGEL hat er bisher gekündigt. Also fast gekündigt. Er hat angerufen. Über die Preiserhöhung gemurrt. Irgendwas von Kün­digung gemurmelt. Und auf ein Angebot gewartet.

»Das ist mein Einkäufer-Gen«, sagt er. »Ich war immer zufrieden mit dem SPIEGEL. Aber das muss ich machen: ein besseres Angebot verhandeln.« Hat immer geklappt. Mal gab’s einen Warengutschein, mal eine kleine Prämie, mal Aufschub, ein Sonderheft – irgendwas war immer drin, und Perschke war wieder dabei. Bis zum letzten Mal. Da haben sie ihn einfach gehen lassen. »Dann müssen Sie eben kündigen«, hieß es. Er war richtig enttäuscht. »Der SPIEGEL hat mir direkt gefehlt«, sagt er.

Er liest alles, jeden Artikel. Zu einigen Themen hat er andere Meinungen, andere Erkenntnisse, aber das findet er gerade gut: »Was ich selbst denke, brauche ich ja nicht noch mal zu lesen«, sagt er. »Spannend ist doch gerade das andere.«

Wenn er irgendwas bemängeln sollte: »Das Gendern«, sagt er. »In einem Artikel hieß es: Die Leser sollten dazu befragt werden, wenn ich mich recht erinnere. Aber dann wurde nicht gefragt. Vielleicht habe ich es verpasst. Glaub ich aber nicht.« Jetzt sei die Regelung undurchsichtig. »Mir scheint, jeder Redakteur macht es anders.« Er ist gegen das prinzipielle Gendern: »Die Frauen sind doch selbstverständlich mitgemeint.« Ein anderer Kritikpunkt: Der Osten komme zu wenig vor. »Und wenn, dann nur als Gegenstand der Betrachtung, nicht als Subjekt.« Kann man nicht genauso sagen: Wenn wir schreiben, ist der Osten immer mitgemeint? Er lacht.

Vor Kurzem ist der SPIEGEL dann doch weich geworden. Hat ihn angerufen. Ihm ein Angebot gemacht. Jetzt ist er wieder dabei.

Der Auftrag des SPIEGEL, so sah es Rudolf Augstein, war von Anfang an nicht nur die Berichterstattung – er sollte mehr sein, ein »Sturmgeschütz der Demokratie«. Das klingt nach Nachkriegsdeutschland. Braucht es das heute noch?

»Meines Erachtens ist der SPIEGEL im Laufe der Zeit zahmer geworden. Ich vermisse die Auseinandersetzung mit den Parteien, die Auseinandersetzung mit der bundesstaatlichen Ordnung. An eine Kün­digung meines Abos habe ich aber nie gedacht. Ich halte den investigativen Journalismus für unabdingbar. Denken bedeutet für mich auch Verknüpfung. Und verknüpfen kann man nur, was man verinnerlicht hat. So gesehen dient der SPIEGEL auch der Per­sönlichkeitsbildung und der Demokratisierung der Gesellschaft.«

»Ich denke oft an Hongkong zurück, an den Regen und die Wolkenkratzer, an meine Familie und an das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin in Hongkong geboren. Als ich noch Studentin war, vor elf oder zwölf Jahren, schlen­derte ich oft durch die internationalen Buch- und Presseläden in der Innenstadt. Ich las Überschriften in fremden Sprachen, sah Bilder von Orten, an denen ich nie war. Ich kaufte manchmal amerikanische Zeitschriften, das ›Time Magazine‹ und den ›New Yorker‹, hin und wieder kaufte ich den ›»Guardian«‹ aus London. Immer öfter kaufte ich den SPIEGEL.

Der SPIEGEL kostete damals 100 Hongkong-Dollar, das waren etwa zehn Euro. Ich besuchte Deutschkurse und las das Magazin von vorn bis hinten. Natürlich verstand ich nicht alles, am Anfang fast gar nichts. Aber ich lernte die Sprache durchs Lesen. Mir gefiel das Seriöse am SPIEGEL. Er ist wie ›Time‹ aus Amerika, nur ernster, humorloser, viel politischer. Ich saß in meinem Hongkonger Zimmer und stellte mir vor, dass die Deutschen so wie der SPIEGEL sind.

Leserin Anny Yiu

Leserin Anny Yiu

Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Nach meinem Jura-Studium arbeitete ich in einer Wirtschaftskanzlei in Hongkong, aber der Wunsch, Deutschland kennenzulernen, verließ mich nie. Ich bewarb mich auf ein Stipendium und zog vor zwei Jahren nach Berlin. Und es stimmt schon ein wenig: So wie der SPIEGEL ist, sind auch die Deutschen.

Oft ernst, kompromisslos seriös, immer diskussionsfreudig. Gut, manchmal fehlt ihnen der Blick fürs Kulturelle, genau wie dem Magazin. Warum gibt es im Kulturteil so oft Texte über Rapper oder irgendwas auf Netflix und so wenig über Theater, Literatur oder Ausstellungen? Das können Sie mal ändern.

Ich bin keine Abonnentin, ich kaufe mir das Heft fast jede Woche am Kiosk. Als Corona kam und ich in Berlin kaum noch vor die Tür ging, schloss ich mich mit dem Magazin ein. Ich erinnere mich an einen großen Artikel über den Virologen Christian Drosten. Die ganze Welt war in Panik, aber dieser Mann schien mir so vernünftig. Ein Akademiker. Das Heft hat mir Hoffnung gegeben. Die Ausgabe habe ich immer noch.

Inzwischen arbeite ich als Juristin in Berlin. Ich lebe mit meinem Mann und unseren zwei Katzen in Charlottenburg. Wir sind asiatische Immigranten, eine Minderheit, aber wir fühlen uns als gleichwertige Bürger. Manchmal, wenn ich in letzter Zeit an Hongkong denke, werde ich traurig. Dort wird jetzt nicht mehr diskutiert, China verbietet es. Was kostet der SPIEGEL inzwischen in Hongkong? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, wie lange man ihn dort noch kaufen kann.«

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