Samira El Ouassil

Recht auf Mobilität Verlängert das 9-Euro-Ticket!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Einige werten es als Misserfolg, dass nur wenige vom Auto auf den Zug umgestiegen sind. Aber: Viele Menschen konnten es sich erstmals leisten zu reisen, weil es bezahlbar war. Das ist ein riesiger sozialer Erfolg.
Reisezentrum der Deutschen Bahn im Berliner Hauptbahnhof

Reisezentrum der Deutschen Bahn im Berliner Hauptbahnhof

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Carsten Koall / dpa

In der berühmten Biographie »The Power Broker« (Der Machtmakler) über Robert Moses, einen der einflussreichsten Stadtplaner der amerikanischen Geschichte, der die Form New Yorks entscheidend geprägt hat, findet man eine These, welche Techniksoziologen und Historiker bis heute beschäftigt. Denn auf einigen seiner insgesamt 1200 Seiten behauptet der Autor Robert A. Caro, der für dieses Werk mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, dass der Planer Moses einige besondere Brücken über New Yorker Straßen bauen ließ, die zu den umliegenden Stränden führten.

Das Sonderliche daran: diese Brücken wurden mutmaßlich extra niedrig errichtet, sodass der Schwarzen und puertoricanischen Bevölkerung der Zugang zum sandigen Stadtrand erschwert wurde; denn, so die Erklärung, durch die eindeutige tiefere Lage konnten keine öffentlichen Busse, die damals hauptsächlich von nicht-weißen Menschen benutzt wurden, mehr unter ihnen hindurchfahren. Und somit ließ Moses angeblich absichtlich eine rassistische wie armenfeindliche Architektur konstruieren, um eine Bevölkerungsschicht, die er bekanntermaßen verachtete, von den Stränden fernzuhalten, und um dafür zu sorgen, dass diese vor allem von wohlhabenden weißen Menschen besucht werden.

Einige Theoretiker:innen und Einrichtungen wie die New-York Historical Society bestätigen diese rassistische Stadtplanung , andere Wissenschaftler:innen, wie beispielsweise der deutsche Informatikprofessor Lutz Prechelt  oder der Soziologe Bernward Joerges, kommen zum Schluss, dass die Brücken zwar in der Tat für Busse zu niedrig sind, aber die Gründe dafür ästhetischer und auch ökonomischer Natur – die hohen Brücken waren einfach viel teurer – zudem durften auf diesen Straßen, den sogenannten Parkways, ohnehin keine großen Fahrzeuge fahren; und außerdem können die Strände über andere Wege dennoch via Bus erreicht werden. Ein Faktencheck der Washington Post aus dem Jahre 2021 wiederum kommt jedoch zu keinem so eindeutigen Ergebnis und lässt die Sache weiterhin offen .

Unabhängig davon, ob Moses nun durch eine bewusste Stadtplanung versucht hat, eine Gruppe von Menschen von Naherholungsgebieten fernzuhalten, oder ob der schwierigere Zugang ein unbeabsichtigter negativer Nebeneffekt einer allgemeinen Pkw-zentrierten Verkehrsplanung war, so zeigt dieses Beispiel: Infrastruktur ist immer soziopolitisch, weil sie durch die Art, wie sie Mobilität ermöglicht, oder eben nicht, und durch die Weise wie sie Räume verfügbar macht, oder eben nicht, Bevölkerungsteile systematisch ausschließen kann – insbesondere bei Freizeiträumen. Und das Heimtückische daran: diese Exklusion kann unbemerkt erfolgen.

Es wurde insgesamt mehr mit dem Zug gefahren

Das bringt mich zum 9-Euro-Ticket, dessen erste vorsichtige Nutzungsauswertung nach zwei Monaten Folgendes sichtbar gemacht hat: Viele Menschen möchten mobil sein dürfen, und wenn es bezahlbar ist und eine Alternative zum »Garnichtfahren«, dann wird das Ticket auch genutzt. Das zeichnet sich zumindest in einer neuen Studie des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen ab. Die Daten müssen noch mit Vorsicht betrachtet werden, will man Schlussfolgerungen über eine längerfristige Veränderung in Bezug auf das Mobilitätsverhalten der deutschen Bevölkerung treffen, denn der Betrachtungszeitraum ist mit zwei Monaten zu kurz, aber was jetzt schon bemerkt wurde: Es wurde insgesamt mehr mit dem Zug gefahren; genauer: Menschen, die bestimmte Reisen normalerweise nicht gemacht hätten, waren unternehmungslustiger als zuvor, sind also offenbar auch mehr gereist, weil es jetzt bezahlbarer war.

Wenn das 9-Euro-Ticket jedoch dazu dienen sollte, dass mehr Menschen ihr Auto stehen lassen und lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, dann wurde dieses Ziel anscheinend nicht erreicht. Diesen ersten Ergebnissen zufolge sei kaum jemand vom Auto auf den Zug umgestiegen, weshalb keine Wirkung eingetreten sei, die das Klima entlastet. Dementsprechend muss den Grünen widersprochen werden, wenn sie auf ihrer Seite schreiben, »dass durch das 9-Euro-Ticket tatsächlich Menschen vom Auto auf Bus und Bahn umgestiegen sind, es also positive Effekte auch fürs Klima gibt 

Manche halten das für einen Misserfolg des Tickets, weil mehr Verkehr die ökologische Entlastung konterkariere. Ich persönlich sehe die große Resonanz allerdings vor allem als einen großen sozialen Erfolg, der dem Klimaschutz nicht widerspricht. Das Problem ist nicht, dass das 9-Euro-Ticket zu mehr Bahnreisen führt. Sondern, dass die Infrastruktur noch zu sanierungsbedürftig ist, als dass es für Autofahrende attraktiver wäre, den Zug zu nehmen, das wird durch das vermehrte Fahrtenaufkommen, das durch das Ticket ermöglicht wird, einfach nur umso ersichtlicher. Dafür kann aber das Ticket nichts, die Fahrenden umso weniger, und die Lösung gegen schlechte Infrastrukturen ist nicht, Menschen diese Mobilität wieder zu nehmen, sondern nun ja: eine bessere Infrastruktur. Dementsprechend ist die Umsetzung der Idee noch ungenügend, zumal eben noch nicht alle Menschen davon profitieren konnten, insbesondere auf dem Land. Das macht die Idee aber nicht schlechter oder zu einer gescheiterten.

Bewegungsfreiheit als demokratische Errungenschaften

Wenn das Ticket aber etwas gezeigt hat, dann dass man ein Recht auf Mobilität für alle realisieren kann und sollte. Ein Satz wie dieser hier in einer dpa-Meldung zu den Studienergebnissen vermittelt die gedankliche Weichenstellung, die noch notwendig ist: »Das Problem: Rund ein Viertel der im ÖPNV angetretenen Fahrten wäre ohne das Ticket gar nicht erst gemacht worden, ermittelte der VDV. Es handelt sich also um zusätzliche Reisen und nicht um Ersatzfahrten, die sonst mit dem Auto gemacht worden wären.«

Es klingt, als wolle man ökologische Ziele und soziale Erfolge hier gegeneinander ausspielen. Dass armutsbetroffene Menschen nun umweltverträgliche Reisen unternehmen, die sie sich vorher nicht leisten konnten oder zu leisten trauten, ist nicht das Problem, es ist ein Fortschritt.

Und auch wenn Finanzminister Christian Lindner es »nicht fair« findet, das Ticket zu verlängern, weil es dann auch von Menschen subventioniert werden würde, »die keinen Bahnhof in der Nähe haben« und daher das Auto nehmen müssen, scheint mir ein interessantes Derailing (im wahrsten Sinne des Wortes) in Anbetracht der Tatsache, dass Autos ebenso subventioniert werden, auch von Menschen, die keines fahren wollen oder sich keines leisten können. Dass die Infrastruktur noch zu lückenhaft ist, um allen Menschen in Deutschland funktionale Zugverbindungen zu gewährleisten, damit sie eben nicht auf das Auto angewiesen sind, kann ja nicht als Grund herhalten, warum man armutsbetroffenen Menschen ein leistbares Ticket verwehrt, vor allem wenn man mit Fairness argumentieren möchte.

Bewegungsfreiheit und der Zugang zu wichtigen Funktionen und Orten sind demokratische Errungenschaften – und übrigens somit fundamentale liberale Gedanken – und bilden den ethischen Rahmen für das Verständnis von Mobilitätsungleichheit. Die Fortbewegungsmöglichkeiten zu teuer zu machen und damit einen Teil der Bevölkerung auszuschließen – das ist unfair. Und finanzierbar wäre das Ticket durchaus auch weiterhin. Eine Möglichkeit, darauf wird gegenwärtig von vielen hingewiesen, liegt beispielsweise in der Umverteilung der Dienstwagensubventionen, die ein paar Milliarden ausmachen.

Zwar geht es hier nicht wie in New York um Konstruktionen aus Stahl und Beton, jedoch um Konstruktionen aus Ökonomie und Politik, die Menschen – willentlich oder unbewusst – den Zugang zu den Stränden der Gesellschaft erschweren. Ein bezahlbares Zugticket dauerhaft zu realisieren, das allen Menschen ermöglicht, auf klimaschonende Art durch das eigene Land zu reisen, kann Brücken bauen, die hoch genug sind, sodass alle problemlos darunter durchfahren können.

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