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ORFF-PREMIERE A Wuzl

aus DER SPIEGEL 1/1961

Dreizehn Hexen klettern aus der Bühnenversenkung ans düstere Rampenlicht und stoßen, begleitet von zahlreichen Schlaginstrumenten, wüste Verwünschungen aus. Aufgeregt zucken die Höllenwesen in gräßlichen Masken über die Bühne, ihre langfingrigen Krötenhände fuchteln beschwörend durch die Luft.

Nur die Hexen sehen in einer Art Zauberspiegel, was sonst in Weihnachtsspielen Gegenstand der Handlung und allen Zuschauern vor Augen ist: Maria und Joseph auf einem Esel unterwegs nach Bethlehem. Dem Höllenvolk paßt das nicht.

»Spannts Netzer, legts Schlingen, legts Fallstricker aus! Daß sie si derfallt, ... derfallt und dersteßt, ... krepiert und verreckt im Schneeloch drin, eh s'n wirft, ... den gfahrlichn Balg«, schreit der Hexenchor und steigert sich immer mehr in Rage. Wetterzauber setzt ein - »Laßts d' Schneewinder treibn, werfts di Windschaufeln auf!«-, und schon treten Wind- und Donnermaschine hinter dem Rundhorizont der Bühne in Aktion. Es bläst und schneit und friert, bis Maria samt Mann und Esel vom Weg abkommen und die Hexen befriedigt verschwinden.

Ein solch furioses Hexeninferno bildet den ersten Teil des Weihnachtsspiels von Carl Orff, das in der Stuttgarter Oper Premiere hatte. Damit konnten die Württembergischen Staatstheater ihre vierte Orff-Uraufführung buchen. 1947 war die »Bernauerin« erstmals in Stuttgart zu Tode gekommen, 1957 folgte das Osterspiel »Comoedia de Christi Resurrectione«, im Dezember 1959 »Oedipus der Tyrann« (SPIEGEL 52/1959).

Daß die jüngste Uraufführung des 65jährigen bayrischen Komponisten Carl Orff, »Ludus de nato Infante mirificus« - Das wundersame Spiel von der Geburt des Kindes-, ebenfalls nach Stuttgart verlegt worden war, wirkte deswegen besonders eigentümlich, weil die Darsteller des Weihnachtsspiels außer dem bei Orff, dem Komponisten der »Carmina burana« (1937), beliebten Lateinisch ein oft derbes, wurziges Bayrisch sprechen.

Die jüngste Weihnachtspremiere nötigte denn auch die Stuttgarter Bühne, wie schon beim Osterspiel im Jahre 1957, ihr Schauspieler-Ensemble durch Kräfte von Münchner Theatern zu bajuwarisieren, zumal das altertümelnde Bayrisch des Münchners in den letzten drei Jahren noch originärer geworden ist.

Im Gegensatz zum üblichen Personal und zu den üblichen Stationen des Weihnachtsspiels - Verkündigung des Engels an die Hirten auf dem Felde, Geburt des Kindes, Anbetung durch die Könige aus dem Morgenland - treten in Orffs Spiel nicht die Personen der Heilsgeschichte auf, sondern nur die, denen die Geschichte bekannt wird. Die Hexen sehen die Wanderung dank ihres Hexengeräts; einer der Hirten, die dem im Schnee verirrten Paar den Weg nach Bethlehem gewiesen haben, erlebt Geburt und Königsbesuch in einer Art Traum; im dritten und letzten Bild halten Kinder mit »schlafenden Blumen« eine Art chorischer Zwiesprache, und auch die Hexen geben noch einmal ihren scharfen Senf dazu.

Insgesamt 181/2 Seiten des 20 Seiten dünnen Textbuchs werden gesprochen, nur der Rest wird gesungen. »Man tut Orff unrecht, wenn man ihn als Musiker bewertet«, kommentierten die »Stuttgarter Nachrichten«. Dennoch wurde das Weihnachtsspiel von dem Opernregisseur Paul Hager inszeniert, den Karajan kürzlich aus Heidelberg ohne Umweg an die Wiener Staatsoper verpflichtet hat.

Als unbestrittener Höhepunkt des Spiels wurde von den Kritikern die Traumerzählung des Hirten empfunden, der seinen Kameraden von einer Freude erzählt, »wo dir dei Herz s'läutn anfangt«, und ihnen das im Stall liegende Christkind schildert: »A Wuzl, a wunderwinzigs kloans Wuzl. A goldigs Speranzl.«

Aber, weihnächtliches Wunder, auch die bayrischen Hirten sind durchaus des Lateinischen mächtig. So kündet der jüngste Hirte von den ihm im Traum erschienenen Engelchören, die vom »pax für die hominibus« gesungen hätten, worauf der Skeptiker unter den Fünfen den Träumer anfährt: »Solang auf der Welt hominibus san, gibt's aa bei dene ... koan pax.«

Nachdem die Hirten ihre Lagerstätte geräumt haben, kommt ein Dutzend blond-bleicher Kinder, in Nachthemden gehüllt und mit brennenden Kerzen, auf die Bühne, um teils lateinisch, teils deutsch zu verkünden: »Eia, eia, o res miranda! Lux amatissima« (O wunderbare Geschichte! Geliebtestes Licht), und »Wir bringen das Licht; wir bringen den Schein...« Den unisono singenden Kindern antworten die noch unterm Gebirgsschnee schlafenden Blumen, auch sie mal lateinisch, mal deutsch.

Eine Erdmutter erhebt ihre Stimme, die Engelchöre bleiben hinter der Bühne - ihr Gesang kommt vom Tonband -, noch einmal mucken die Hexen auf: »Na könnt's z'sammspinna, anspinna des, was's Liecht nia net z'sehng braucht...« Und für sie, die Höllendamen, die einsehen müssen, was ihnen angetan wurde - »Schneebrunzer! Wegsaicher! ..Angschissn samma! angschissn, tratzt und derbleckt« -, hat Orff die schönsten Effekte des Orchesters aufgespart, dem mehr als 30 Schlag- und Geräuschinstrumente beigeordnet sind, darunter Guiro, Angklung, Ruto, Bongo und Konga. Man reibt über Glasränder und schlegelt mit Bambusstäben übers Xylophon.

Noch vor der Premiere bezeichnete der Tübinger Altphilologe Wolfgang Schadewaldt Orffs Weihnachtsspiel als »Bollwerk gegen die Barbarei«. Der Intendant der Württembergischen Staatstheater und Prermieren-Hausherr, Walter Erich Schäfer, kommentierte liberaler: »Orff ... vermeidet das Heikelste: Weihnachten selbst mit Christkind, Maria, Ochs und Esel.«

Komponist Orff

»Pax für die Hominibus«

Stuttgarter Szenenbild »De nato Infante«. Krippenspiel ohne Christkind

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