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Musik Ab geht der Dvorak

Der Dirigent Sergiu Celibidache bricht einen Schwur: Nach 38 Jahren Boykott kehrt er ans Pult des Berliner Philharmonischen Orchesters zurück.
aus DER SPIEGEL 14/1992

Seine Auftritte verlaufen adagio. Mit schweren Beinen schleppt sich der Greis über die Bühne; manchmal schafft er den Weg zum Podium ohne Hilfe, meist aber muß er sich unterwegs auf den Schultern seiner Musiker abstützen.

Mit den weißen, pomadig gesträhnten Haaren, seinen Adleraugen, den buschigen Brauen und den fülligen Lidern sieht er aus wie der alte Franz Liszt. Und tatsächlich ist der Münchner Generalmusikdirektor Sergiu Celibidache, 79 - Tsche-li-bi-daa-ke gesprochen und Celi genannt -, ein Dinosaurier der Zunft.

Mit imperialer Strenge pflegt der Herr Kapellmeister seine Allüren, aber genauso kompromißlos pocht er auf Perfektion. In der verödeten Szene der stabführenden Potentaten ist er die letzte lebende Kultfigur - ein Fossil voll Feuer.

Bei Celibidache klingen romantische Sinfonien, als würden sie gesungen. Philharmonische Klunker veredelt er zu hinreißend ausgefeilten Preziosen. Beim Farbenzauber der französischen Impressionisten flimmert sein Orchester vom Feinsten. Und wenn er Bruckner, seinem Hausgott, frönt, dann wuchtet er die Akkordtürme »fast mystisch« (Süddeutsche Zeitung) und mit Engelsgeduld zu einem »Klangdom« (FAZ) auf.

Seit letztem Freitag studiert Celibidache im Berliner Schauspielhaus Bruckners siebte Sinfonie ein, und diesmal hat er sich eine besonders schwere Aufgabe vorgenommen - er probt seinen eigenen Widerruf: Am Dienstag dieser Woche will er einen Schwur brechen und erstmals seit 38 Jahren wieder das Berliner Philharmonische Orchester dirigieren, das er eigentlich lebenslang ächten wollte.

Anstifter zum Wortbruch war Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Im November 1990 hatte das Staatsoberhaupt dem »Verehrten Maestro« die »herzliche Bitte« übermittelt, ob sich der alte Herr »in der Lage sehen könne«, wieder einmal die Berliner zu dirigieren. Das, entzückte sich von Weizsäcker im voraus, könne »ein wirkliches Fest« werden: »für mich, für das Orchester, für Berlin und die gesamte musikalische Welt«.

13 Tage später ließ der Hofierte, der bis zur deutsch-deutschen Vereinigung seinen Berliner Paß besaß und in Ehren hielt, den Bonner Bittsteller wissen, daß er sich »herzlich bedanke": »Es ist mir eine hohe Ehre, auf Ihre Einladung hin zuzusagen.«

Der Fürsprache des Bundespräsidenten verdanken die Berliner ein musikalisches Großereignis, an dessen Zustandekommen zuletzt niemand mehr glaubte: Jahrelang hatten Intendanten, Agenten, Politiker und Musiker immer wieder bei Celibidache antichambriert, um den Starrkopf umzustimmen und vom Orchester-Boykott abzubringen - vergebens.

Der Maestro pflegte lieber sein Trauma. Verbittert hielt er sich an sein Gelöbnis aus dem Jahre 1954, niemals mehr ans Pult jenes Orchesters zu treten, von dem er sich - als dessen Chefdirigent in den ersten Nachkriegsjahren - schmählich hintergangen fühlte.

Dabei verdankt Celibidache seinen ersten Ruhm dem Berliner Abenteuer. 1936 war der Rumäne aus Roman über Paris in Hitlers Olympia-Metropole gekommen. Dort studierte er neben Musik Mathematik und Philosophie, sang in der Hochschulkantorei, machte sich in Kammermusik-Zirkeln nützlich, vertiefte sich in den Zen-Buddhismus und aß, wenn er kriegen konnte, Müsli mit Milch. Dirigieren konnte er nicht.

Um es zu lernen, hatte er bis Kriegsende eifrig alle Konzerte der Philharmoniker besucht. Doch die waren plötzlich herrenlos: Chefdirigent Wilhelm Furtwängler hatte, als Nazi-Sympathisant verdächtigt, Auftrittsverbot; sein Ersatzmann Leo Borchard war am 23. August 1945 auf offener Straße von einem amerikanischen Besatzungssoldaten irrtümlich erschossen worden. Was tun?

In ihrer Not erinnerten sich ein paar Orchestermitglieder an Celi, den hochbegabten Studenten vom Balkan. Der fuhr zum Antrittsbesuch mit dem Fahrrad nach Zehlendorf, sprach dort mit den Musikern die Partitur durch, und ab ging der Dvorak: Über Nacht, sechs Tage nach Borchards Tod, machte der Einspringer mit der »Sinfonie aus der Neuen Welt« Furore und wurde - »politisch eine Jungfrau« (Celibidache) - mit dem Segen der vier Besatzungsmächte neuer Chefdirigent: ein Nobody von 33 Jahren am philharmonischen Gral.

Für Celibidache war der Ritterschlag auch Auftakt zur großen Schau. »Er tobte, sang und tanzte die Musik«, erinnert sich der Philharmoniker und spätere Star-Flötist Aurele Nicolet. Galant drehte der Neuling auf den Berliner Podien seine Pirouetten, sprang hoch in die Luft, wiegte sich in den Hüften, summte, sang und schrie alles mit, was er dirigierte.

Während sich die Konzertgängerinnen rasch in den schwarzlockigen Feuerkopf verguckten, stöhnten die Philharmoniker unter der Knochenarbeit, die der junge Mann ihnen zumutete. In einem aber waren sich alle einig: Der Typ war ein As.

Nach insgesamt 414 gemeinsamen Auftritten häuften sich indes die Kräche. Intrigen vermiesten die Stimmung. 1952 war der entnazifizierte Furtwängler zurückgekehrt, Celibidache, wie versprochen, ins zweite Glied zurückgetreten. Die Notgemeinschaft bröckelte.

Als Furtwängler 1954 starb, rechnete sich Celibidache trotz der angespannten Lage Chancen als Thronfolger aus. Aber die Philharmoniker wählten nicht ihren Zuchtmeister, sondern den Edelmann Herbert von Karajan, der sie bis dahin nur ein paar Mal dirigiert hatte. Celibidache schmiß hin und schlug sich fortan als Dirigent ohne längerfristige Bindungen durch den ihm so verhaßten Musikbetrieb.

Erst nachdem der rastlose Gastarbeiter 1979 in München seßhaft geworden war und den dortigen Philharmonikern mit den Jahren die weltberühmte Spielkultur der Berliner eingepaukt hatte, wurde er für das Bittgesuch aus der Villa Hammerschmidt empfänglicher: Nun konnte er in Berlin bestehen.

Bei den Bedingungen für sein Comeback zeigte sich der Spätheimkehrer allerdings noch genauso stur wie damals: Obwohl Berlins routinierte Weltkläßler sich zutrauen, die populäre Bruckner-Sinfonie gleichsam aus dem Frackärmel zu schütteln, bestand der Maestro auf sechs Proben - mehr, als je ein Gast vor Ort verlangt hat. Um neue Mißtöne zu vermeiden, gaben die Philharmoniker klein bei.

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