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FILM Ab ins Reich der Sinne

»Eine Flamme in meinem Herzen«. Spielfilm von Alain Tanner. Frankreich 1987; 110 Minuten; schwarzweiß. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Die Liebe, die große, die allumfassende und absolute, auf Leben und Tod: Davon spricht Racines Berenice in schön schwingenden Versen. Doch die Pariser Schauspielerin Mercedes, die diese Berenice spielen soll, kommt mit den Versen nicht klar und läßt die Rolle sausen denn sie geht völlig in ihrer eigenen Liebesutopie auf. Auch sie will das Absolute aber nicht in Versen sondern im Fleisch, als Glücksrausch, als immerwährendes Von-Sinnen-Sein.

Einen Liebhaber der diesem Traum offenbar nicht gewachsen war, einen anhänglichen, doch auch zupackend herrischen Proleten nordafrikanischer Herkunft, stößt sie zu Beginn des Films von sich - und wirft sich gleich mit ihrer ganzen Maßlosigkeit von Bereitschaft und Anspruch auf einen neuen, diesmal einen gutartigen Intellektuellen. Erst reißt es ihn hin, auf der Höhe der Zustände aber hält man sich nicht lange, und bald beharrt er gegen ihren Liebes-Totalitarismus wieder stur männlich auf einer gewissen Trennung zwischen Kopf- und Geschlechtsleben, schließlich hat man auch einen Beruf. Am Ende ist Mercedes also wieder allein, so verloren, vielleicht aber auch so glücklich wie eine Schlafwandlerin in ihrem Wahn.

Die Schauspielerin Myriam Mezieres hat diese Figur, diese Geschichte entworfen, für sich, und der Regisseur Alain Tanner hat einen kleinen zarten Schwarzweißfilm mit Musik von Johann Sebastian Bach daraus gemacht, sehr eigensinnig und geradezu rettungslos fasziniert von der Inbrunst, mit der Myriam Mezieres sich selbst als Anarchistin der Leidenschaft feiert.

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