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FERNSEHEN / Telemann ABENDGRAUEN

aus DER SPIEGEL 24/1960

Wenn deutsche Fernsehverbraucher am Abend auslöffeln, was ihnen ein verantwortlicher Fernsehdirektor in seinen Amtsstunden eingebrockt hat, dann mögen sie einen schwachen Trost darin finden, daß auch er, der Direktor, noch immer kein anderes Programm einschalten kann als das von ihm verschuldete. Doch leider entbehrt diese Aufrichtung solider Grundlage: Falls kein häßlicher Zufall ihn daran hinderte, sitzt der Verantwortliche gerade in London und studiert das BBC-Fernsehprogramm.

Ist er dann, voll der lehrreichen Eindrücke, zurückgekehrt und hat wieder in seinem Sorgenstuhl Platz gefunden, kann man ihn bis hinaus auf den Korridor schwärmen hören: von »Tonight«, dem werktäglichen BBC-Fernseh-Magazin.

Und wenn man sich erkundigt, warum das Deutsche Fernsehen, das doch sonst nicht zimperlich ist, von einer Nachahmung dieser berühmten Sendereihe so hartnäckig Abstand nimmt, erlebt man, wie des Befragten Gesichtszüge von väterlicher Langmut übersonnt werden, und bekommt zu bedenken: »'Tonight' bei uns? - Wie stellen Sie sich das vor?«

Bevor Telemann sagt, wie er sich das vorstellt, darf er erläutern, was BBC-Londons »Tonight« ist. Es ist im Prinzip dasselbe wie Berlins »Telemagazin«, Hamburgs »Nordschau«, Kölns »Hier und Heute« und die »Abendschauen« von München, Frankfurt, Stuttgart und Baden -Baden; es ist eine vom Tagesgeschehen bestimmte Mischung aus Information, Kritik und gefälliger Zutat; es ist, wenn man so will, das »Regionalprogramm« für das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland.

Verstünden Deutschlands Fernseh -Obere nicht nur in den Augen ihrer geistlichen und weltlichen Beiräte, sondern auch in den Herzen ihrer Kunden zu lesen, erführen sie: Nicht die regionalen Darbietungen sind es, was ihnen so häufig Unehrerbietigkeit und Mißurteil einträgt, es ist der gemeinschaftlich ersonnene Bundesspielplan. Das einzige, wofür es sich verlohne, einen Fernsehapparat zu kaufen, seien die bayrischen, die norddeutschen, die westdeutschen Regional-Ergüsse - erklären Münchner, Hamburger und Düsseldorfer.

Läßt man außer acht, daß Sendungen des frühen Abends vom Sehervolk als willkommene Gratiszuwendungen empfunden werden (weil sie ja nicht in die Kino- und Theaterstunden fallen), gründet dieses günstige Pauschalurteil wohl vornehmlich auf der Tatsache, daß Live -Übertragungen innerhalb einer TV -Region weit häufiger vorkommen als im Wirkungsbereich der überregionalen Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten.

Wenn also Fernsehdirektoren vom britischen »Tonight« schwärmen, sollten sie nicht übersehen, daß eine bundesdeutsche siebenseitige Abend -Illustrierte, wenn auch nur in losen Blättern, bereits vorhanden ist. Was stünde dagegen, diese Blätter zu einer täglichen 45-Minuten-Ringsendung zusammenzuheften, zu der jede der sieben Anstalten ihr Teil beizusteuern hätte? Mal ein Interview mit dem interessantesten Durchreisenden, mal einen Ausstellungsbericht, ein Stückchen Theaterprobe, eine Umfrage - je nachdem, was die diensthabende Lokalredaktion für bedeutsam und zeigenswert hält. Immer. Live, immer mit dem Blick über den jeweiligen Landesgrenzzaun hinaus, aber ohne allzu große Scheu vor ortsüblichen Eigenheiten. (Daß Dialektunterschiede kein Hindernis bedeuten, zeigt die Resonanz auf Millowitsch- und Ohnsorg-Zerstreuungen.)

Und wenn die Arbeitsgemeinschaft ein übriges tun und von der Viertelmilliarde Mark, die sie jährlich einnimmt, so viel abzweigen wollte, daß außer idyllisch gelegenen Immobilien auch ein paar Fernseh-Übertragungswagen und - für Flughäfen, Bahnhöfe und andere denkbare Brennpunkte des Interesses - feste Kamerastandplätze heraussprängen, würde aus dem fernen Wunschtraum bald ein brauchbares Leitbild werden. Stellt Telemann sich vor.

Freilich, der zart - provinzielle Schmetterlingsflügelstaub, der manchen Regionalsendungen anhaftet, die Reiter-über-den-Bodensee-Sicherheit, die besonders bayrische Nachwuchs -Ansagerinnen dazu befähigt, ihr frühes Sprachstudium statt vor'dem häuslichen Spiegel vor den Augen potentieller Hochzeiter zu betreiben, die Intimsphäre des Dilettantismus schließlich - dies alles ginge dabei leider verloren, ja, möglicherweise schwände sogar jener liebenswerte Aberglaube dahin, der da besagt, daß es einen Unterschied mache, ob bei einer Sendung zehn Millionen oder nur Hunderttausende zuschauen.

Dafür aber wäre man als feiner empfindender Abonnent der Beschwerlichkeit enthoben, um spärlicher Live-Labsal willen die Geheimnisse der holsteinischen Wasserfauna oder den Sangesfrohmut eines Oberinntaler Trachtenvereins kennen und fürchten zu lernen.

Merke: »Es gibt Wanzen, die ein schlichtes Grau oder Schwarz beziehungsweise eine prächtige Rottönung zeigen ...« (Die »Nordschau« am 30. Mai 1960 über Freizeit -Studien des Oberlehrers Hans Heinrich Weber aus Schülp.)

telemann
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