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"... aber man kann ihm nicht böse sein«

Werner Burkhardt über den Münchner Generalintendanten August Everding Werner Burkhardt, 55, lebt als Musik- und Kulturkorrespondent in Hamburg. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Wenn Sie nicht wieder die alten Geschichten vom ''Hansdampf in allen Gassen'' aufwärmen, rede ich gerne mit Ihnen. Ich bin es nämlich leid inzwischen«, sagt August Everding, Münchens Generalintendant. Zuvorkommend, mit ruderndem Eifer, hat er sich aus der Menschenmenge gelöst, die im Gärtnerplatztheater die Premiere von »My Fair Lady«, einer August-Everding-Inszenierung, feiert. Anderthalb Minuten verweilt er neben mir am Bierhahn der Kantine, freundlich und verhetzt wie fast immer. Dann läßt er sich wieder von der Menge verschlucken.

Eine Woche später sitzt er mir dann in seinem Büro gegenüber; nur unwesentlich entspannter, aber mehr als auskunftsbereit, gut aufgelegt und listig.

Wie man sich denn so nach anderthalb Jahren Generalindendanz fühlt. Was man erreichen konnte und bewirkt hat als frischgebackener Herr über die drei Münchner Staatsbühnen, das Nationaltheater (Oper), das Residenztheater (Schauspiel) und das Gärtnerplatztheater (Spieloper/Operette/Musical), nicht über die Kammerspiele, denn die sind städtisch. Treuherzig frage ich das und will natürlich wissen, ob so viel Pracht nun auch mit Macht verbunden sei, was sie dem Bürger nütze und was der Typ Sinnvolles leiste für die dicke Kohle, die er einsackt.

Sofort greift sich Everding, was unausgesprochen in der Luft liegt: die allgemeine Vermutung nämlich, man habe die Generalintendanz eigens für ihn geschaffen, da er, seinerzeit noch Opern-Intendant, mit seinem Generalmusikdirektor Sawallisch nicht harmoniert habe und deshalb nach oben ins luxuriös Unverbindliche gehievt worden sei.

Er kontert, wiegelt ab - nein, nicht geschaffen habe man den Posten ... nur wiederbelebt. »Damit hat man mich ja 1974 von Hamburg nach München gelockt. Es ist eine alte Münchner Institution. Wir beide, Sawallisch und ich, sind überzeugt, daß hier die einzige Möglichkeit ist, auf die Zukunft mit Koordinierung und Kooperation zu antworten und das aufzufangen, was man nicht mehr einsparen kann.«

Und nun entrollt er ein wahres Panorama von Rationalisierungsmaßnahmen, Plänen und Ideen, hebt ab auf Medienzukunft und Freizeitgesellschaft, räumt ein, daß er zwar zentral und fürs Ganze denkt, aber keinerlei Einfluß auf den Spielplan seiner drei Häuser nimmt.

Seine Sache ist die langfristige Planung. »Ich bin 20 Jahre Intendant. Ob morgen abend Herr Pavarotti oder Herr Domingo singt ... dessen habe ich mich begeben. Das will ich nicht mehr. Dagegen die langfristige Planung! Wann kommt ein neuer ''Ring''? Kommt ein neuer ''Ring''? Wie sieht es aus mit der slawischen Tradition am Gärtnerplatztheater? Was plant das Residenztheater? Das sind Überlegungen, die mir obliegen. Und vor allem eins: Der Generalintendant macht jedes Jahr zwei Inszenierungen. Was los ist, kann man doch nur vor Ort sehen.«

Er hat eine »Singschul''« eröffnet, in der weltberühmte Opernstars ihre Auffassung der Königin der Nacht, des Ochs dem Nachwuchs tradieren. Er will die Münchner Opernfestspiele ums Sprechtheater erweitern, die Kunst der Bühnenmalerei wiederbeleben, eine Akademie der darstellenden Künste begründen, die alles unter einem Dach zusammenführt, was in München für den künstlerischen Beruf gelehrt und gelernt wird, was es aber bisher nur einzeln gab, an der Falckenberg-Schule für Schauspieler, anderswo für Regisseure oder Bühnenbildner.

Ein Musical-Studio schwebt ihm vor. Im April gibt es ein Symposium über Kulturpolitik. Ein übergreifendes Staatsballett will er einrichten, rekrutiert aus den Kräften der Oper, des Gärtnerplatzes und der Bosl-Stiftung; neugeordnet nach »Anfängern und Aufhörern« für die Holzschuhtanz-Einlage des Opernalltags und den Könnern für den abendfüllenden »Schwanensee«. Durchlässigkeit zwischen den Gruppen soll walten, Aufstieg locken, Abstieg drohen.

Aber die Sache selbst, verdammt noch mal! Mit dem »Ick bün all hier« des Swienegels, dem »Ohne ihn da geht es nicht« Wilhelm Buschs will der ständig Ideen heckende, Fruchtbarstes anregende _(Vor seinem Wohnsitz Schloß Grünwald. )

Mann nicht in Verbindung gebracht werden. Nun will ich wissen, wie sich seine Aktivitäten denn direkt auf seine drei Theater auswirken, ob die nicht ganz gut leben könnten, auch wenn es ihn nicht gäbe.

Da jauchzt er richtig. »Aber die haben ja gut gelebt, bevor es mich gab. Wir stehen vor einer neuen Zeit mit neuen Aufgaben. Wenn in fünf Jahren das Parlament die Subventionen nicht mehr erhöht, müssen wir eine neue Logistik entwickeln. Die Theater müssen wohl selbständig und einzeln bleiben. Aber ein Koordinierungswille, eine Koordinierungsfähigkeit muß da sein, für die schlechten Zeiten, die kommen. Wichtig ist mir, daß hier drei verschiedene Perlen da sind, die als Perlen selbständig und aus sich selbst heraus ganz wunderbar leuchten. Doch wenn man sie in ein schönes Etui bettet, können sie nebeneinander noch besser leuchten.« Allerdings: »Jeder Vertrag, der über einen längeren Zeitraum geht als über zwei Jahre, obliegt mir ... an allen drei Theatern.«

»Everdings Möglichkeiten greifen kurz«, meint Jürgen Kolbe, Kulturreferent der Stadt München. »Er wird sich hüten, von seinem Einspruchsrecht bei Zwei-Jahres-Engagements Gebrauch zu machen. Immer wieder stoßen seine Zentralismen auf Interessengegner. Wohl entspricht seine große Idee, eine allen darstellenden Künsten gewidmete Akademie nach östlichem Vorbild zu schaffen, seinem imperialen Denken. Aber ihr steht die föderale Wirklichkeit entgegen. Die Falckenberg-Schule ist so renommiert, weil sie den Schauspielernachwuchs für die Münchner Kammerspiele liefert. Als Teil irgendeiner Hochschule für Musik wäre sie nichts mehr.«

Autark wollen die jungen Komödianten sein, und auch Wolfgang Sawallisch, der Opern-Chef, macht bei all seiner noblen, sorgfältig zurechtgelegten Behutsamkeit nicht den Eindruck eines Mannes, der sich die Butter vom Brot nehmen läßt. »Ich mache alle meine Verträge vier Jahre im voraus. Da kann ich nach anderthalb Jahren noch kein Fazit ziehen, wie sich die Generalintendanz auswirkt. Das Ballett ist unabdingbarer Bestandteil des ganzen Spielbetriebs. Ich kann nicht zulassen, daß es außer Haus kommt. Beim Abschluß der Sängerverträge bin ich absolut unabhängig, habe sie früher von meinen beiden übergeordneten Behörden - dem Kultusministerium und dem Finanzministerium - direkt genehmigen lassen und verständige nun auch Everding, um die Generalintendanz zu beleben.« Ich nutze die Fermate und frage: »Um ihr Daseinsberechtigung zu verleihen?« Er lächelt fein. »Das haben Sie gesagt.«

Kein Wunder, daß dieser Generalintendant, der mit so phantasievoller Geschmeidigkeit auf mürbe Kompetenzen reagiert, der mit flankierenden Maßnahmen ein Vakuum an Exekutive fast vergessen macht, in München zum »talk of the town« geworden ist. Man weiß, daß er nicht gerade darbt, flüstert sich zu, daß er mit seinem monatlichen Festgehalt, den je 40 000 Mark für seine beiden Inszenierungen und dem Eingezahlten für die Altersversorgung den Freistaat Bayern so an die 530 000 Mark im Jahr kostet. Gestrenge Beobachter der Szene sprechen vom »General-Dilettanten«, der sich schlitzohrig - sein Etat erlaubt ihm das - jeweils die leuchtendsten Stars vor seinen Regie-Karren spannt und es so zum Schlimmsten gar nicht erst kommen läßt.

Er provoziert Bilder und Bonmots. »Fabelhaft, wie da einer mit so miesen Aktien so hoch pokert«, hört man, und: »Fest knüpft er das Netz, das ihn hier hält.« Kammerspiel-Intendant Dieter Dorn wird genauer: »Er kann aus dem Stand eine Rede halten, ganz rasch einen Plan durch den nächsten ersetzen. Er gehört zu den Beabsichtigern, die in ihrer Haltungslosigkeit nichts zu verbergen haben und deshalb über keine Kunstschwelle fallen oder stolpern können.«

Helmut Griem, der Professor Higgins in der umjubelten »My Fair Lady«-Inszenierung (der ersten in München, für die der Regisseur kein Buh entgegennehmen mußte), schreibt loyal auf einen Zettel: »Ich mußte sehr viel zusätzliche Kraft aufwenden, um Everding zum Probieren der Sprechszenen zu zwingen. Seine phänomenale Energie, sein innerer Drive, aber auch seine daraus resultierende Schwierigkeit zuzuhören und auch die Kraft der Stille zu begreifen ... all das hat zwischen uns zu Spannungen geführt, die aber letzten Endes doch wohl fruchtbar geworden sind.«

Daneben allüberall in der Stadt ein Stoßseufzer wie: »Er lügt ja nicht. Das ist das Faszinierende und Unheimliche. Er entwaffnet. Es hat zwar mit Kunst überhaupt nichts zu tun. Aber man kann ihm nicht böse sein.«

Und nun hat sich Everding das Prinzregententheater ausgeguckt. Wie gerufen kommt ihm dieses Haus, um die Jahrhundertwende als Münchens Antwort auf Bayreuth errichtet, im Trümmerfeld nach dem Zweiten Weltkrieg glanzvolles, unvergessenes Opern-Provisorium und nun seit zwanzig Jahren wegen Baufälligkeit geschlossen. Das Haus wiederzueröffnen, wiederzubeleben ist eine Aufgabe so recht nach Everdings Gusto. Er wirbt, knetet Politiker weich, macht Mäuse locker.

Im ehemaligen Salon des Prinzregenten residiert er, weiß bei nur kleinem Mitarbeiterstab die Aura barocker Fülle zu schaffen und spart sich seinen stärksten Trumpf für das Ende des Gesprächs auf. Er geht - »Bitte, kommen Sie mal mit!« - aus dem Zimmer, überquert einen Flur und öffnet eine Tür.

Der Besucher findet sich in einem riesigen dunklen Raum, im leeren Theater. Knabenträume reifen. Der Zauber wirkt. Ich vergesse fast, daß Everding für die Wiedereröffnung 1987/88 vorerst nur die kleine Lösung mit überdachtem Orchestergraben und reduzierter Spielfläche anzubieten hat. Ein Knopfdruck - das »Meistersinger«-Vorspiel rauscht auf. »Knappertsbusch?« pokere ich erfolgreich. Die mulmige Wiedergabe läßt zwar kaum Rückschlüsse auf den Dirigenten zu, aber wer in München wagnerfreundlichen Mäzenen Geld abluchsen will, muß zum »Kna« greifen.

Das war Everdings schönste Inszenierung. Auch seine am sorgfältigsten Probierte. »Hat er dir auch die Nummer mit dem Meistersinger-Vorspiel geboten?« fragen mich am nächsten Tag 3 - in Worten: drei - Menschen unabhängig voneinander. Und während mir das C-Dur noch um die Ohren braust, höre ich im Hinterkopf die Worte, mit denen der Kulturreferent Kolbe mich verabschiedet hat: »Er verhandelt ja nun mit der Met. Wenn er ginge, wäre es beschissen, und ich weiß nicht warum.« _(Cornelia Froboess und Helmut Griem. )

Vor seinem Wohnsitz Schloß Grünwald.Cornelia Froboess und Helmut Griem.

Werner Burkhardt
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