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INTENDANTEN Abgestandenes Bier

In Hamburg ist wieder mal Schauspielhaus-Krise: Intendant Niels-Peter Rudolph will nicht mehr. *
aus DER SPIEGEL 43/1984

Ein Recht auf Geliebtwerden ist schwer einzuklagen. Irgendwann muß man aufgeben. Der Hamburger Schauspielhaus-Intendant Niels-Peter Rudolph hat ein letztes Mal vor drei Wochen, bei der festlichen Wiedereröffnung des renovierten Theaters, den Gram des Ungeliebten öffentlich vorgelitten und um Liebe geworben. Es hat nichts gefruchtet, und so hat Rudolph nun seine Demission zum Ende der eben begonnenen Spielzeit erklärt: Er habe »nicht mehr das ausreichende Vertrauen der Stadt, ihrer Repräsentanten und der Öffentlichkeit«. Mit anderen Worten: Meine Mutter ist selber schuld, wenn ich an den Händen friere, warum zieht sie mir keine Handschuhe an.

Schuld sein soll Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Der verhehlte schon bei der Eröffnungsfeier nicht, daß ihm Rudolphs Auftritt mit einer Hölderlin-Schelte der rohen und herzlosen Deutschen eher selbstherrlich als liebenswert erschien.

Als Dohnanyi in der folgenden Woche noch einmal als ganz normaler Besucher ins Schauspielhaus ging, stieß er auf mancherlei - von der Schwierigkeit, die bestellten Eintrittskarten überhaupt zu kriegen, über das abgestandene Bier im Theaterrestaurant bis zum Zustand der Toiletten -, was ihm die Lust an dem frisch vergoldeten Schmuckstück vergällte. Dohnanyi gab seinen gesammelten Groll in einem Brief an den Hausherrn Rudolph weiter, »persönlich/vertraulich«, Kopie an die Kultursenatorin Helga Schuchardt. Und das war es dann. Rudolph gab sich geschlagen.

Krisen-Fieber wirkt belebend: Wer soll den Karren aus dem Dreck ziehen? Der Beste natürlich, der zu haben ist, und auch wenn er genaugenommen überhaupt nicht zu haben ist. Und wie geht man vor? Ein paar Städte haben ja in letzter Zeit demonstriert, wie man die Intendantenfindung besser nicht anpackt.

In Berlin hat der Kultursenator Volker Hassemer mit raschem Mut die Zukunft der Staatlichen Schauspielbühnen einem Außenseiter anvertraut, dessen Amtsantritt man nun eher entgegenzittert, als daß man sich darauf freut. In Köln hat der Kulturdezernent Peter Nestler mit stillem Geklüngel und öffentlichem Gerede Kandidat um Kandidat zur Strecke gebracht, bis kaum noch was blieb. Und in Frankfurt, wo seit nunmehr acht Monaten bekannt ist, daß der Schauspieldirektor sich im Juni 1985 verabschiedet, scheint Kulturdezernent Hilmar Hoffmann nach der Parole zu handeln: Man

ist am sichersten, sich keinen Korb zu holen, wenn man erst gar niemanden fragt. Im Kulturamt herrscht Funkstille, Hoffmann - kommt Zeit, kommt Rat - packt erst mal die Koffer zu einer mehrwöchigen Australienreise.

Wie soll es die Hamburger Kultursenatorin Helga Schuchardt besser machen? Und ist sie überhaupt am Zug, da ihr doch der Bürgermeister ihren Rudolph weggeschossen hat? Inzwischen pokert die Lokalpresse mit Nachfolger-Namen drauflos.

Es sind die bekannten. Gibt es nicht gleich zwei verdiente Ex-Intendanten, die man vor ein paar Jahren aus der Stadt vergrault hat und denen man jetzt Wiedergutmachung bieten könnte - sei es Ivan Nagel (aber der beginnt 1985 in Stuttgart), sei es Boy Gobert (aber der geht 1986 nach Wien)? Oder könnte man nicht - da spitzt die Sparkultur-Fronde der SPD die Ohren - den kommenden Thalia-Theater-Chef Jürgen Flimm aufs Schauspielhaus umbuchen und endlich die Schließung des teuren kleineren Ladens anpeilen? Oder soll man versuchen, Claus Peymann dem Wiener Burgtheater wieder abspenstig zu machen, da der Minister, der ihn für 1986 dorthin engagiert hat, schon nicht mehr im Amt ist?

Während die Spekulationen blühen, ist im Hamburger Schauspielhaus ein Macher in aller Ruhe bei der Probenarbeit, der dort im November mit zwei Premieren hintereinander so auftrumpfen will, daß niemand mehr von Krise redet: Peter Zadek, den die Fachzeitschrift »Theater heute« eben zum »grand old young man« des deutschen Theaters ernannt hat. _(Bei der Schauspielhaus-Wiedereröffnung. )

Bei der Schauspielhaus-Wiedereröffnung.

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