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Zeitschriften Abi, warum tust du das?

Die Redaktion eines neuen jüdischen Magazins legt sich mit den Repräsentanten der Juden in Deutschland an.
aus DER SPIEGEL 39/1989

Onkel Jaakow glaubte, dem kleinen Abi auf die Schliche gekommen zu sein. Im März, bei der jüngsten Buchmesse in Jerusalem, trat der Ex-General der israelischen Armee an den Stand des Frankfurter Verlegers Abraham Melzer, 44, beugte sich vor und flüsterte: »Gib es doch zu, Abi, du wirst von der PLO bezahlt.«

Verleger Melzer streitet dies entschieden ab, doch der Fehlschluß des Generals kommt nicht von ungefähr: Neffe Abi produziert ein »jüdisches Magazin« (Untertitel) in Deutschland, das den Palästinensern wohlgesinnt ist und der israelischen Regierung äußerst kritisch gegenübertritt.

Semit heißt das forsche Blatt, das seit Ende letzten Jahres in den jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik für Aufregung sorgt. Aufgemacht wie das US-Nachrichtenmagazin Time, liefert Semit im Zwei-Monate-Rhythmus aggressiven Journalismus. Die Regierung Schamir zum Beispiel wird vom Magazin zum »Kabinett der Schwachköpfe« erklärt, und Israel behandle die Palästinenser »brutal, arrogant und fanatisch«.

Noch härter gehen die Semit-Redakteure gegen jüdische Funktionäre in der Bundesrepublik vor. Dem Zentralrat der Juden wird ein »antidemokratischer Herrschaftsanspruch« vorgeworfen, seinem Vorsitzenden Heinz Galinski, 76, sogar »totalitäre Machenschaften«. »Wir wollen polemisch sein«, verteidigt Chefredakteur Oswald LeWinter, 58, den scharfen Ton, »denn wir wollen das Blatt auch verkaufen.«

So extrem wie das Magazin sind die Reaktionen der zumeist jüdischen Leser. Von Begeisterung über das »großartige Projekt« bis zur Bestürzung über die angeblich »maßlose Verleumdung israelischer Soldaten« reichen die Meinungen. Vor allem die erbitterte Kritik am grausamen Vorgehen gegen die palästinensische Intifada polarisiert die Leserschaft. Sogar Melzers Mutter Miriam schrieb kürzlich: »Abi, das sind schlimme Lügen, warum tust Du das?«

Abraham Melzer folgt einer jüdischen Tradition scharfzüngiger und zuweilen selbstzerstörerischer Kritik, die einst Ludwig Börne und Karl Kraus geschaffen haben. Diese Autoren zählten auch zum Verlagsprogramm von Joseph Melzer, dem Vater Abis, der 1958 samt Familie aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt war.

Um 1970 bereicherte Abraham das väterliche Repertoire um heiße Ware. Neben den Klassikern Martin Buber und Leo Baeck standen nun Comics und Pornos im Melzer-Katalog. »Softgirls« und der US-Sex-Report machten »Porno-Abi« (Branchen-Name) populär.

Abis neuester Streich, das Magazin Semit, trifft eine Marktlücke, die der Monopolist im jüdischen Medienmarkt, die Allgemeine jüdische Wochenzeitung, längst freiwillig geräumt hat. Kritik an Israel, gar an Galinski findet in der betulichen Allgemeinen nicht statt - schließlich ist der Zentralrat Herausgeber der offiziösen »Schlaftablette« (LeWinter).

»Die Schwäche der Allgemeinen ist die Stärke des Semit«, meint Ury Popper, 44, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe. Mit 4000 Heften Auflage steht der Semit noch auf äußerst wackligen Beinen. »Wir werden uns nicht auf die 40 000 Juden in der Bundesrepublik verlassen«, erklärt Melzer seine Strategie, »wir wollen den Dialog mit der Außenwelt.« Eben das gilt als Erfolgsrezept des amerikanischen Vorbilds für den Semit. Das Magazin Tikkun (Verbesserung) kämpft seit drei Jahren gegen die »Big Machers« in den USA, gegen die konservativen jüdischen Funktionäre, die sich als kritiklose Lobbyisten Israels gebärden. Semit-Chefredakteur LeWinter kommt selbst aus den USA und weiß: »Die Juden in Deutschland haben da noch viel nachzuholen.«

Der Semit attackiert denn auch das gesamte jüdische Establishment. Erich Fried und Ephraim Kishon werden verspottet, eine Jubelfeier für den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal wird als »richtige Sauerei« niedergemacht, und der Kulturdezernent der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, Michel Friedman, sitzt laut Semit »mit Faschisten in einem Boot«, weil er bei der letzten Kommunalwahl erneut für die CDU kandidierte.

Besonders hart trifft es den Zentralrat, das repräsentative Gremium aller Jüdischen Gemeinden der Republik. Dem »kleinen Kreis von Oberbonzen« wird die Selbstauflösung empfohlen, da er abweichende Meinungen unterdrücke, um nach außen hin »ein verlogenes Bild der Eintracht« zu wahren. Der Vorsitzende Heinz Galinski absolviere in Bonn nur ein »Hofjudentheater« und möge zurücktreten, um den Weg für »jüngere Kandidaten freizumachen«.

Zumindest für ältere Juden sind solcherlei Schmähungen starker Tobak. Galinski selbst läßt sich zwar auf keine Diskussion ein, er ist »nicht bereit, innerjüdische Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit auszutragen«.

Doch unter jüngeren Mitgliedern des Zentralrats stößt der Semit durchaus auf wohlwollendes Interesse. Michael Fürst, 42, aus Hannover, ein Kontrahent Galinskis im Zentralrat, lobt die »lebendigen Berichte«. Der Karlsruher Ury Popper findet das Konzept ebenfalls gut, auch wenn ihm manche »Schweinerei« des Newcomer-Blatts mißfällt.

Die Semit-Redakteure brüten derweil neue Enthüllungen aus, etwa zur Rolle des Zentralrats in der Nachmann-Affäre. Manchen Leser stimmt soviel Chuzpe schon bedenklich.

»Wer an einem Baum rüttelt«, warnte kürzlich ein Jude aus der DDR, »muß damit rechnen, daß ihm eine Frucht auf die Birne fällt.« f

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