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KUNST Abschied von Momma

Frauen formen Frauenkörper: In einer Chemnitzer Ausstellung zeigen 32 Künstlerinnen ihre sensiblen und bizarren Plastiken.
Von Jürgen Hohmeyer
aus DER SPIEGEL 5/1999

Aufgepumpt oder abgeschlafft - das wechselt. So prall, wie er gewöhnlich an Strippen von der Decke hängt, könnte der blaue Latexballon mit den verlockend weiblichen Rundungen und Kerben und dem einschnürenden Korsett ein Riesenspaß für Fetischisten sein. Nur passiert es eben auch, daß dem Kunstweib-Torso mal die Luft ausgeht; deswegen liegt im Museum jederzeit eine Ersatzhülle parat.

Bei der verschleierten Frauenfigur, die unter ihrem seidenen Ganzkörperüberwurf eine Krone ahnen läßt, ist eine solche Verwandlung sogar Programm: Nähert sich jemand, dann bläht ein Ventilator mit Bewegungsmelder den Balg auf straffe zweieinhalb Meter, und die Gestalt der Herrscherin entschwindet dem Blick. Sobald der Betrachter Abstand nimmt, legt sich die Erektion.

Zugegeben: Das wirkt ein bißchen mühsam ausgedacht und konstruiert. Aber gemeinsam stehen oder schrumpfen die »Königin« der Russin Irina Nachowa, 43, und der »Bluemoon« der Amerikanerin Nancy Davidson, 55, beispielhaft für Flexibilität und Witz, für Formsinn und Materialgefühl, mit denen Künstlerinnen Körper und Körperteile des eigenen Geschlechts plastisch darstellen. 32 von ihnen sind jetzt mit je einem Werk an einer Ausstellung namens »Skulptur - Figur - Weiblich« beteiligt; nach einer ersten Station im österreichischen Linz wird sie von kommendem Samstag an in den Kunstsammlungen Chemnitz gezeigt*.

* Bis 5. April. Katalog 212 Seiten; 30 Mark.

»Mein Körper ist meine Skulptur«, hat die Doyenne der Riege, die Franko-Amerikanerin Louise Bourgeois, 87, schon längst proklamiert - und ist mit vatermörderischer Erbitterung in den Geschlechterkampf gezogen.

Aber auf feministische Rhetorik ist ihr vor 50 Jahren modellierter »Frühling« in seiner organisch-phallischen Knospenform keineswegs festzulegen. Erst recht lassen die meisten ihrer jüngeren Kolleginnen den Ritt gegen die Windmühlenflügel morscher Macho-Bastionen spielend hinter sich.

Und bestimmt haben sie kein Katalog-Gefasel verdient, laut dem sie »entgegen der informatorischen Visualität kommerzieller Bilderwelten auf ,Vermitteltheit'' pochen mittels eines Verfahrens, mit dem die rezeptive Verschiebung der Wertschätzung von der Darstellung weg auf das Darstellungsverfahren gerichtet« werde.

Wahr ist: »Momma«, die urtümliche Magna Mater mit üppig-schlaffem Rumpf und unerheblichem Kopf, kauert - in Gips geformt von Jeanne Silverthorne, 48 - wie zum baldigen Abtransport auf einem Möbelkarren.

Dafür wimmelt es von bizarren Zwittergebilden und verselbständigten Körperfragmenten. Ein schwer atmendes Amöbenwesen im Pelz aus rosa Wattestäbchen beschwört den Alptraum einer »Verpatzten Hochzeitsnacht«; mit Sofakissen ausgestopfte Strumpfhaltergürtel treten zur Parade mehlsackartiger Unter-Leiber an; bunte Figuren-Scherenschnitte hängen schlabbrig wie Konfektionsware im Kaufhaus über Kleiderbügeln.

Und Kuhzitzen, auf Kugeln aus Granit geschnallt, verwandeln diese in massive, pro Stück 38 Kilo schwere Brüste - Beitrag der Irin Dorothy Cross, 42, die sich in der Verarbeitung von Eutern zu einer rechten Virtuosin ausgebildet hat.

Den lüsternen männlichen Röntgenblick narrt die Italienerin Alba D''Urbano, 43, mit mehrschichtigem Witz. Sie stellt die eigene Haut zur Schau - aber so, daß sie ihr digitalisiertes Aktfoto auf fleischfarbene Bekleidungsstücke druckt und diese Hülle dann einer anderen Frau überstreift.

Für Fotos darf das gern ein hübsches Model sein. In der Ausstellung aber, darauf besteht die Künstlerin, ist es eine Schneiderpuppe ohne Kopf. JÜRGEN HOHMEYER

* Bis 5. April. Katalog 212 Seiten; 30 Mark.

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