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Film Abschiede in Schwarzweiß

aus DER SPIEGEL 1/1996

Sterben ist ganz leicht bei Jim Jarmusch, fast zu leicht für manche. »Stell dir vor, du seist eine Marionette«, schärfte der Filmemacher jedem ein, den die Kugel als nächsten treffen sollte. Anstatt umherzutaumeln, dekorativ gegen die Wand zu kippen oder in kunstvollen Zuckungen zu verröcheln, durften die Darsteller bloß umknicken. »Jemand zerschneidet die Fäden. Plötzlich ist deine Muskelspannung weg. Eben warst du ein hochkompliziertes Lebewesen, nun liegt da nur noch ein Haufen Haut und Knochen.«

Tot zu sein bedarf es wenig: Das könnte tatsächlich ein Motto sein für »Dead Man«, den neuen Film des New Yorker Regisseurs. Auf der Strecke der schwarzweißen Wildwestwelt um 1870, in die Jarmusch den jungen Büromenschen Bill aus Cleveland hineinwirft, bleiben jedenfalls Leichen genug - ein Mädchen, ihr Ex-Liebhaber, vier Trapper, drei Revolvermänner, zwei Marshals, ein Missionar und ein Indianer.

Dennoch ist »Dead Man«, der diese Woche, noch vor dem US-Start, in Deutschland anläuft, alles andere als ein Schützenfest im Cowboymilieu. Eher schon, wie die Fans es von Jarmusch kennen, ein verschmitztes Experiment mit dem Genre, das Todesartenprojekt eines melancholischen Humoristen, der beim Interview so selten die Miene verzieht, als probe er gerade für einen seiner eigenen Filme. Kaum Zufall, daß der Titel seines sechsten Großwerks, übrigens des bislang teuersten Jarmusch-Filmes, sich auf »Deadpan« reimt, jenen Begriff, der im Amerikanischen für Pokerface-Komik steht.

Sobald Bill Blake - großartig gespielt von Johnny Depp - nach tagelanger Bahnreise das kleine Kaff Machine erreicht hat, bekommt er wahrhaftig nichts mehr zu lachen. Auf dem Buchhalterposten eines Walzwerks, den er übernehmen sollte, sitzt längst ein anderer und feixt. Aus dem Saloon muß er sich nach zwei Minuten mit einer viel zu kleinen Whiskyflasche trollen. Als er dann, pleite, arbeitslos und ohne Dach _(* Mit Neil Young und Johnny Depp auf ) _(den Filmfestspielen in Cannes im Mai ) _(1995. )

überm Kopf, ein Mädchen kennenlernt, ist das erst recht nicht Bills Glück.

Kaum hat er neben Thel, die so hübsche Kunstblumen machen kann, in ihrem weichen Bett (samt harter Pistole unterm Kopfkissen) einen kleinen Teil der Nacht überstanden, steht Thels früherer Freund in der Tür. Ein Wort gibt das andere. Blake, angeschossen, läßt die zwei durchlöcherten Leichen, wo sie sind, klettert im Schlafanzug aus dem Fenster, rutscht vom Vordach, stürzt auf die Straße und bleibt bewußtlos im Dreck liegen, umgeben von Papierrosen.

Die Tragikomödie vom kleinen Mann, der in den wildesten Westen verschlagen wird, nach dem Rhythmus einer Flipperkugel überall aneckt und doch stets mit knapper Not davonkommt, bis er zum steckbrieflich gesuchten Outlaw geworden ist - diese Geschichte hatte Jarmusch sich schon vor über sieben Jahren ausgedacht. Wie immer hatte er mit Figurenskizzen begonnen, auch ein Drehbuchentwurf war schon da. Nur an der Finanzierung haperte es.

Also verfaßte Jarmusch vor lauter Ärger in acht Tagen ein anderes, verkäuflicheres Skript, den Episodenfilm »Night on Earth« (1991): skurrile Geschichten aus dem Innern von Taxis an fünf Orten auf dem nächtlichen Globus, Kino mit vielen guten Freunden, gedreht jeweils als Hommage an den Regiestil seiner eigenen Leitbilder - von Martin Scorsese bis Aki Kaurismäki. Noch rhythmischer, noch märchenhafter als in »Mystery Train« (1989) spielte er darin mit dem Motiv des Road Movie, das seit dem Überraschungserstling »Permanent Vacation« (1980) eines seiner Markenzeichen geworden ist.

Märchenhaft? Jarmusch, ein Studio-Gegner, der sich von niemandem in seine Arbeit hineinreden läßt ("Aus ,Dead Man'' hätte der Verleiher gern alle lyrischen Passagen rausgeschnitten"), bewundert Scorsese, den Studio-Präzisionsarbeiter: »Seine Menschen sind real.« Auch er würde in den eigenen Leinwandgeschichten am liebsten nur komplexe Figuren zeigen. Aber dann geht im ehemaligen Zyniker doch wieder der Komödiant durch, der »Comic Strip Beckett«, wie die legendäre amerikanische Kritikerin Pauline Kael ihn einmal genannt hat.

Die Kopfgeldjäger beispielsweise, die sich nach Blakes Flucht auf seine Fährte setzen, bilden ein grimmiges Dreikönigsgrüppchen von Schweiger, Schwätzer und kleinem Mohren; zugleich aber stammen sie geradewegs aus dem Slapstick-Arsenal. Ihren Auftraggeber, den Fabriktyrannen Dickinson, darf der große alte Robert Mitchum genüßlich als polternden Fiesling vorführen, der am liebsten noch vom Chefsessel aus die Flinte sprechen läßt - wieder ein Spaß für Cineasten.

Aber sind Jarmuschs Hauptfiguren nicht genauso grotesk? Wirkt Bill, der hübsche Ahnungslose, der plötzlich aus dem Fenster ins Nichts stürzt, etwa realer als die verkommenen Draufgänger um ihn herum, die für ein bißchen Tabak jeden umlegen würden? Selbst Nobody, sein indianischer Retter, der ihn vom Straßenrand aufsammelt, in die Wälder mitnimmt und pflegt, könnte ja eine gut verkappte Version des edlen Wilden sein, wie sie spätestens seit »Little Big Man« gängig wurde.

Nebeneinander sehen die beiden jedoch plötzlich wirklicher aus als viele Westernhelden zuvor - wohl auch, weil Jarmusch ihrer rauhen Welt alle Fremdheit läßt.

»Nobody sollte weder heimtückisch noch herzensgut sein«, erklärt er, »sondern einfach anders.« Darum ließ er Gary Farmer, einen Aktivisten der Indianerbewegung, Bills Schutzengel spielen: einen dicklichen, grinsenden Mischling mit Sprachtalent, der als Kind von den weißen Eroberern bis nach Europa verschleppt, als Eingeborener im Käfig ausgestellt und zuletzt sogar auf die Schule geschickt worden war.

Ausgerechnet dieser Nobody, den die eigenen Leute nach seiner Rückkehr »Xebeche« ("Der-der-viel-redet-undnichts-sagt") genannt hatten und davonjagten, horcht nun auf beim Namen seines neuen Kumpans. William Blake, war das nicht der Dichter, dessen beschwörende Verse er damals in der Alten Welt in einem Buch entdeckt und nie mehr vergessen hatte?

Bill selbst weiß nichts von seinem berühmten Namensvetter, für dessen Neuausgabe ihn der Indianer ganz ernsthaft hält. Doch Nobodys Einfall, daß der auferstandene Poet jetzt wohl besser mit der Waffe dichten sollte, leuchtet auch ihm ein, spätestens als die nächste Gewehrmündung sich auf ihn richtet. »Ich bin William Blake«, sagt er da langsam. »Kennt ihr meine Dichtkunst?«

»Niemand braucht über den echten William Blake Bescheid zu wissen, um meinen Film zu verstehen«, beruhigt Jarmusch alle, die ihn nach diesem Teil der Geschichte fragen. Auch müsse keiner merken, wie getreu Kleidung, Lebensart und Wohnsitz der Indianer, bei denen Bill und Nobody auf ihrer Fahrt schließlich landen, historischen Vorbildern folgen. Für Jarmusch, den heimlichen Intellektuellen, ist Realismus nur ein anderer Weg zur Poesie.

Bewußt hat er in all seinen Filmen Erklärungen ausgespart und Einzelszenen durch harte Schwarzblenden voneinander getrennt, um der Phantasie Platz zu lassen. Ein Bilderdichter, allenfalls ein Marionetten-Spielmeister möchte er sein, kein Illusionist oder gar Historienmaler. Darum entläßt er Bill, den Antihelden seines Antiwesterns zur Musik von Neil Young, am Ende seiner Reise durch das brutale Ur-Amerika auch nicht mit einem klassischen Showdown, sondern läßt ihn Abschied nehmen: vom Leben, vom Töten, von der Erde selbst.

»Diese Welt wird dich nun nichts mehr angehen«, sagt Nobody, bevor er William Blake im Boot vom Ufer abstößt. Ein Zeichen, daß auch Jarmusch, stets auf Neues aus, einmal ganz die Erde und die kleinen Einzigartigkeiten ihres Alltags hinter sich lassen könnte? Unter den neun Projekten, für die er Szenen und vor allem Figuren in seinen Notizbüchern gesammelt hat, ist auch ein Science-fiction-Stoff. »Aber den«, meint der Regisseur nüchtern, »drehe ich wahrscheinlich nie.«

Johannes Saltzwedel

* Mit Neil Young und Johnny Depp auf den Filmfestspielen in Cannesim Mai 1995.

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