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»Ach, du dickes Ei«

aus DER SPIEGEL 6/1976

Im Strahlungsraum des WDR ist er schon seit einem Jahr Lokalmatador. Da befragt er, im Dritten Programm, deutsche Menschen, denen zum Glück nur eines fehlt, ein Partner fürs Leben.

»Spätere Heirat nicht ausgeschlossen«, so der Sendungs-Titel, zeigt einen Reinhard Münchenhagen, 35, der korrekt Und cool in einsame Herzen stochert, auch einem Schwulen Chancen gibt und einen mehrfach Geschiedenen so angeht: »Möchten Sie Ihre Frau sein?«

Vorletzten Samstag kam der große Blonde mit den schwarzen Stiefeletten bundesweit live an, als Talk-Master. Alternierend mit Hansjürgen Rosenbauer, debütierte Münchenhagen in »Je später der Abend« und riß die Nation hin -- und her:

»Große Klasse«, »schöne Pleite«, »einsame Spitze«, »totale Katastrophe«, schaute es aus Zuschauerbriefen. »Ihr Verhalten kann uns nur weiter nach rechte bringen«, drohte ein alter Kamerad, Und eine Dame murrte: »Vielleicht wechseln Sie doch mal den Friseur.« Über Münchenhagens Haartracht, einen semmelgelben Belag nach Art eines Friesendaches, hatte sich nämlich der Star-Gast der Show alteriert. Rosita Serrano, die chilenische Nachtigall versunkener Reichs-Tage, ließ ringbeschwerte Händchen flattern und foppte Münchenhagen: »Pontius Pilatus in Blond.«

Der Master, von der aufgekratzten Alten längst genervt. drosch erbarmungslos zurück: »Ich habe, im Gegensatz zu Ihnen, diesen Herrn nicht kennengelernt.« Und mit diesem Hieb hat Münchenhagen eine neue Epoche der Talk-Show eingeläutet.

In rosiger Ferne liegt das Anbiedermeier Dietmar Schönherrs; der Primaner-Flapsigkeit Hansjürgen Rosenbauers gedenkt man mit Rührung. Jetzt wird Kleinholz gemacht und in den Clinch gegangen, und das Ohr vernimmt das elektrisierende Geräusch von krachenden Schienbeinen.

Mit der schlichten Frage, was ein Pfund Butter koste, schickte Münchenhagen den zweiten Talk-Gast, den volksnahen Ex-Forschungsminister Ehmke, auf einen Serpentinenpfad verlegener Erklärungen. Und der dritte in der Runde, der österreichische Ski-Heros Karl Schranz« fand sich auch bald auf einer buckligen Piste.

Erst mal stellte Münchenhagen klar, daß er die rasenden Kerle auf ihren klappernden Brettin für »bekloppt« halte; sodann kommentierte er einen Schranz-Unfall -- eine Slalomstange traf ihn »am Unterleib«, sehr unten -- mit der anschaulichen, wenngleich nicht feinfühligen Bemerkung: »Ach, du dickes Ei.«

Man muß sagen, warum man derlei befreiend findet. Das deutsche Fernsehen wird immer mehr Bericht von Hof, In einem imaginären Versailles rollen ewig gleiche Rituale ab; Stars, sie sind von unseren Gnaden, werden gehöfert und gedünsert; Hofschranzen spreizen sich, aus vollen Mündern dröhnen leere Worte; Rätsel löst Columbo.

Nun erhebt sich einer aus der Demuts-Hocke, und schon wird das Medium kregel; zwar hätte man auf die NS-Nachtigall gern verzichtet, aber der WDR plant offenbar eine »Macheth«-Inszenierung und testet deshalb in seiner Talk-Show -- nach Evelyn Künneke und Valeska Gert -- die Besetzung der Hexen.

Pilatus Münchenhagen sieht sich gar nicht als neuen Bösewicht. Freilich, manches war »nicht sehr fein«, gesteht er. Aber die Sache mit dem dicken Ei etwa »kam nicht so spontan, wie sie wirkte«; er hatte vorher ein Dossier über Schranz studiert. Und beim Bier nach der Show vertraute ihm Ehmke« der Master habe ihn »viel zu weich angefaßt«.

Das Gros der Talk-Fragen denkt Münchenhagen, Journalist mit abgebrochenem Betriebswirtschaftsstudium« sich selber aus; einen kleinen Teil leiht er sich bei Max Frisch, aus dessen »Tagebuch 1966-71«. Dem da eingestreuten »Fragebogen« entnahm er etwa den Satz »Tun Ihnen Frauen leid?« und gab ihn Ehmke zum Kauen.

Auf dem Schirm will er »sympathisch sein«, aber wenn er sich dort sieht, »mag ich mich nicht«. Beim Gehen klappert er lässig mit seinen Stiefeletten-Absätzen; daß ihn in der Talk-Show »einer vom Hocker haut«, kann er sich nicht vorstellen.

Gern möchte er auch mal wissen, »was Lampenfieber ist«; er kennt es nicht. Selbst im Schlafe wandeln ihn keine beruflichen Chimären an; da träumt er höchstens, »mir zerfallen alle Zähne zu Mehl«. Freudianer wissen, das meint nur Angst vor Impotenz.

Kein schwacher Punkt? Er hält sich »mehr für eitel als ehrgeizig«, aber beim Journalisten sei das ein Stück Notwendigkeit: »Uneitle Journalisten, zumal gute, kenne ich eigentlich nicht.« Die Branche dankt.

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