Margarete Stokowski

Corona-Schicksale Ach ja, der Tod, da war doch was

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
»Ich will bald wieder in meine Stammkneipe«: Mit diesem Slogan wirbt das Gesundheitsministerium fürs Maskentragen. Ist es wirklich zu viel verlangt, aus Sorge um die Mitmenschen die Regeln einzuhalten?
Sarg für an Covid-19 Verstorbenen in Girona (Spanien)

Sarg für an Covid-19 Verstorbenen in Girona (Spanien)

Foto: Emilio Morenatti / dpa

Es gab diese Phase im Frühjahr, als klar wurde, dass ziemlich viele Menschen an Covid-19 sterben, und es war schon damals klar, dass verschiedene Menschen – logischerweise – unterschiedlich mit diesem Thema umgehen. Manche wurden so vorsichtig, wie es nur ging, manche lernten langsam dazu, manche lernten schockartig durch den Verlust eines geliebten Menschen, manche lernten gar nicht. Manche glänzten mit einer demonstrativen Lässigkeit bezüglich der eigenen Endlichkeit (Wolfgang Schäuble: »Wir sterben alle«), manche verzweifelten umso mehr.

Nun, da die Fallzahlen in der aktuellen Welle der Pandemie höher sind als zuvor, gibt es zwar einerseits immer deutlichere Rufe nach strengeren Maßnahmen, andererseits muss man feststellen, dass das Thema Tod in der Öffentlichkeit nur mäßig präsent ist. Während gleichzeitig alle paar Minuten jemand in Deutschland am Coronavirus stirbt. Was ist das, sind wir gelangweilt von Nachrufen und persönlichen Schicksalen ?

Das Gesundheitsministerium lässt Plakate aufhängen , die zum Masketragen, Lüften, Kontaktreduzieren auffordern. Auf einem der Plakate sieht man einen Mann, dazu das Zitat: »Ich will bald wieder in meine Stammkneipe. Dafür trag' ich jetzt Maske.« Auf anderen Plakaten sieht man andere Leute, sie sagen: »Ich will wieder reisen« oder »Ich will wieder in mein Lieblingsrestaurant«.

Alles nachvollziehbare Wünsche, ich teile das alles, aber: Ist es das? Wäre es sinnloser Alarmismus oder zu viel Pathos, zu sagen: Hallo, es sterben gerade richtig viele Menschen – wäre das nicht Motivation genug? Sind die Leute so kalt, dass sie die Aussicht auf Biertrinken und Sushi so viel mehr berührt als die Tatsache, dass jeden Tag Hunderte Menschen sterben?

Wenn man mit Leuten darüber redet, kommt oft das Argument der Verdrängung. Der Tod sei ein zu krasses Thema und wenn wir vor der Pandemie eine Trauerkultur hatten, die eher im Stillen funktioniert, wenn wir in der ersten Pandemiewelle das mit der Trauer irgendwie verdrängt haben, warum sollte es jetzt besser laufen?

Ich weiß es nicht. Aber in einem Land, in dem die beliebteste Sonntagabendbeschäftigung darin besteht, sich einen meist qualitativ mäßigen Film reinzuziehen, in dem in den ersten paar Minuten irgendwo eine Leiche liegt, kann da das Thema Tod an sich etwas sein, vor dem man die Leute beschützen muss – während gleichzeitig Zehntausende ihre Angehörigen verlieren?

Es ist ein klassisches ethisches Phänomen, dass uns entferntes Leid weniger mitfühlen und handeln lässt als Leid, das vor unseren Augen stattfindet. Ein Krieg, der in einem Land stattfindet, dessen Hauptstadt wir nicht nennen könnten, interessiert uns weniger als einer, der in einem Land stattfindet, in das wir regelmäßig in Urlaub fahren. Wir kaufen ein Smartphone, obwohl wir wissen, dass die Rohstoffe dafür unter menschenfeindlichen Bedingungen abgebaut wurden, und wir würden das vielleicht nicht tun, wenn der Verkäufer im Apple Store uns das Gerät mit blutigen Händen überreichen würde.

So sind wir, und das ist zwar bitter, aber schwer zu vermeiden in einer globalisierten Welt, in der man zumindest theoretisch den ganzen Tag damit beschäftigt sein könnte, die Brutalität nachzuverfolgen, die im Hintergrund eines Lebens in Mitteleuropa vonstattengeht.

Trauer um Kaugummi?

Verdrängung des Leidens anderer ist bis zu einem gewissen Grad ein Überlebensmechanismus. Sie ist aber, wenn sie zum Prinzip wird, ein Tötungsmechanismus.

Deswegen ist es ein schlechtes Argument, wenn rücksichtsloses Verhalten in der aktuellen Welle der Corona-Pandemie damit erklärt wird, dass die Leute Skireisen, Shoppen, Glühweintrinken in engen Gruppen, heimlich zu Hause treffen, Ausnahmen über »Ausnahmen«,... dass sie das ja bräuchten, um psychisch irgendwie noch klarzukommen.

Ja, sicher, es wird ihnen wohl schon guttun. Aber um welchen Preis? Wäre es für diejenigen, die sich jetzt trotz der extrem ernsten Lage immer noch unvorsichtig verhalten, nicht doch etwas sinnvoller, das Thema Tod irgendwie präsenter zu machen? Nicht, um den Leuten noch mehr Drama zuzumuten, sondern um die Leute besser zu schützen?

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»Der Schmerz über die Toten darf nicht länger beschwiegen werden wie ein lästiger Kollateralschaden. Es ist Zeit für eine große staatliche Geste, eine Gedenkstunde, irgendwas. Auch und gerade, wenn es wehtut«, schrieb Constanze von Bullion in der »Süddeutschen Zeitung« . Könnte es sein, dass immer noch viel zu viele Menschen – trotz der hohen Sterbezahlen, trotz aller verfügbaren Informationen – denken, dass Corona eh nur solche Menschen trifft, die sie für quasi verzichtbar halten?

Es ist ein faschistischer Gedanke, dass es einer Gesellschaft nicht schadet und im Gegenteil sogar guttut, wenn die vermeintlich Schwachen aus ihr »entfernt« werden, was eben heißen kann: sterben. Aber es ist obendrauf noch ein widersprüchlicher Gedanke, denn: Der Verlust der vermeintlich Schwachen kann deren Liebste brechen und – ebenfalls »schwach« machen. Es ist eine Todesspirale.

»Das weitgehende Verschwinden des Kaugummis aus dem Leben vieler Menschen ist noch nicht hinreichend betrauert worden«, stand neulich in der »SZ« , denn die Leute kaufen seit der Pandemie weniger Kaugummi. Ja gut, aber irgendwie ist es dann schon auch zynisch, weil etwas anderes hier auch noch nicht hinreichend betrauert wurde, und das sind Menschen. Menschen, die oft ohne die Möglichkeit eines Abschieds sterben mussten, und denen nun auch noch verwehrt bleibt, dass hinreichend um sie getrauert wird. Es gibt keine guten Gründe dafür, nur richtig schlechte.