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E.T.A. HOFFMANN Aderlaß in Posen

aus DER SPIEGEL 42/1965

»Warum denke ich schlafend oder wachend so oft an den Wahnsinn?« notierte der preußische Kammergerichtsrat, Komponist, Kapellmeister, Zeichner, Erzähler und Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann in seinem Tagebuch und hoffte, »geistige Ausleerungen könnten wie ein Aderlaß wirken«.

Und so ließ sich das zappelige, hagere Männchen aus Königsberg, von den Deutschen Goethe und Hegel mißachtet, von den Ausländern Baudelaire, Poe und Dostojewski verehrt, während seines kurzen Lebens (1776 bis 1822) recht oft mit der Feder zur Ader.

Vom Alkohol animiert, entwarf Hoffmann in seinen spätromantischen Romanen, Märchen und Geschichten mit viel Ironie eine groteske Nachtwelt, in der Gespenster und Doppelgänger spuken und psychopathologische Gestalten - Säufer, Bettler, Alchimisten, Goldschmiede, Mörder -, dem Irrsinn nah, das Gruseln lehren.

In diesen Wochen wird deutschen Lesern jedoch noch ein ganz anderes Produkt geistiger Ausleerung als mutmaßliches Hoffmann-Werk offeriert. Das

anonyme Romanfragment von 1815, das einige Hoffmann-Kenner Hoffmanns Erzählungen zurechnen, heißt »Schwester Monika erzählt und erfährt« und trägt den ironisch erläuternden Untertitel »Eine erotisch-psychisch physisch-philantropisch-philantropinische Urkunde des säkularisierten Klosters X. in S ...«

»Schwester Monika«, in Halbleder zu

68, in Leder zu 110 Mark zu haben, ist die neueste Attraktion des Hamburger »Gala«-Verlags, der zahlungskräftige Buch-Liebhaber mit literarischer Galanterieware versorgt - etwa mit einem »Indischen Liebesfest« (in Halbpergament 68 Mark), mit »Persischem Eros« (in Pergament 110 Mark) und mit einer »Reise nach Cythera« (in Leder 165 Mark).

Delikatessen dieser Art bietet Gala -Chef Wilhelm Krohn, 46, nun schon seit Jahren feil. Dabei hatte er zu Beginn seiner Verlagsherrschaft, 1959, keineswegs pikante Belletristik im Sinn gehabt. Krohn brachte unter anderem einen Almanach über »Die Juden in Deutschland« sowie einen KZ-Roman in den Handel. Resultat: Die Bücher mußten verramscht werden.

Seither appelliert der Hamburger Krohn, ähnlich dem Hamburger »Merlin« -Verlagsherrn Andreas Meyer und dem Hamburger »Verlag für Kulturforschung« (Buch-Anzeige: »Erotische Illustrationen französischer Klassiker - das Buch für den verwöhnten Geschmack"), gern an des Lesers Libido. Er appelliert mit Erfolg; ein Grundstück in Taormina jedenfalls ist schon erworben.

Konkurrenz hat Krohn zumindest von seinem hanseatischen Kollegen Meyer nicht zu fürchten: Während Merlins Meyer auf Abseits -Sex spezialisiert ist (Genet, de Sade), fördert Gala mit »gesunder Kalkulation« (Krohn) - geringe numerierte Subskriptions-Auflagen bei höchsten Preisen

- vornehmlich Hetero-Frivolitäten der

Weltliteratur zutage; ein Gala-Ableger, Kala-Verlag genannt, öffnet in einer Serie von bisher zwölf Titeln (Beispiel: »Venus im Kloster") eine zusätzliche Schatzkammer der galanten Literatur.

Die fragmentarischen Abenteuer der »Schwester Monika« freilich sind gar nicht galant. Krohns Faksimile-Ausgabe, die seitengetreu einen Wiener Privatdruck aus dem Jahr 1910 wiedergibt, bietet vielmehr ein Sammelsurium sadistischer Greulichkeiten nebst philosophischen Abschweifungen, pseudowissenschaftlichen Fußnoten und zahlreichen Cicero-, Voltaire-, Goethe- und Wieland-Zitaten. Zwischendurch wird auch Schillers »Braut von Messina« gründlich parodiert.

In verschachtelten Rahmenerzählungen berichtet die Titelheldin von klösterlichen Orgien und erotischen Halluzinationen, von Liebesseufzern und Leidensheulern, von einer grausamen Madame Chaudelüze und einem erotomanischen Zwitter namens Fredegunde, von Voyeuren, Lesbierinnen und wüsten Mönchen. Mit Vorliebe wird vergewaltigt und gebüßt, gepeitscht und verstümmelt, und auch der derbe Soldatenspaß des Schinkenklopfens ist beliebt. Effekt solcher Verstiegenheiten nach der Manier des Marquis de Sade: Sie wirken erheiternd.

Der Wiener Literaturprofessor und Casanova-Forscher Gustav Gugitz, der das lang verschollene »kuriose Wunder« 1910 wiederentdeckte und herausgab, mutmaßte denn auch angesichts des »dämonischen Humors«, daß der anonyme Autor in seiner »Schwester Monika« nur »eine Satire auf den Weltschmerz der Romantiker schrieb, obwohl er selbst schon gewissen Formen der Romantik anhing«.

Doch Gugitz vermutet in seinem von Krohn faksimilierten Vorwort noch mehr: Er glaubt im »Monika«-Roman die Schriftzüge des Romantikers Hoffmann zu erkennen. Gleichen Glaubens ist im Gala-Nachwort auch der bei Basel lebende Regisseur und Literat Rudolf Frank, der einst »E. T. A. Hoffmanns Sämtliche Werke, Tagebücher, Briefe« in elf Bänden herausgab.

Denn hoffmannisch sind laut Gugitz beispielsweise Monikas sprunghafte Erzählweise, literarische Anspielungen, juristische und musikalische Fachausdrücke und stilistische Eigenheiten; hoffmannisch ist nach Frank das ganze »Monika«-Vokabular. Hoffmannisch, so deuteten Gugitz wie Frank, seien außerdem Monikas »Spielarten der Hysterie, der Hypnose, der Suggestion«.

Gugitz fand heraus, daß das Buch

1815 von einem Schundverleger namens Kühn in Posen publiziert wurde. Im damals preußischen Posen war ebenfalls der 24jährige Jurist Hoffmann als. Beisitzer am Obergericht tätig - allerdings anderthalb Jahrzehnte früher, von 1800 bis 1802. Dort heiratete er seine anspruchslose Mischa Rohrer, dort bekannte er, »Ausschweifungen aus Grundsatz« zu begeben, und beklagte sich erstmals über eine »Verhärtung der Leber«, dort »punschte« und »bischoffte« er allem Anschein nach auch mit dem Verleger Kühn.

1806 bereitete der Preußen-Besieger Napoleon der preußischen Beamten -Karriere Hoffmanns ein Ende. In Berlin schlug sich der arbeitslose Richter als Porträtmaler und Zeichner durch, in den »Lehr- und Marterjahren« zu Bamberg versuchte er sich auch als Rezensent und Notenhändler und, begann seine wesentliche Schriftstellerei.

Hoffmanns Tagebuch aus dieser »bösesten Zeit« registriert »höchste Not« ("Den alten Rock verkauft, um nur fressen zu können!!"), zugleich aber auch alkoholische Exzesse und eine ebenso leidenschaftliche wie entsagungsvolle Zuneigung zur 14- bis 16jährigen Musikschülerin Julia Marc, die im Tagebuch als »Ktch« (= Käthchen von Heilbronn) chiffriert ist - Ehefrau Mischa sollte nichts merken.

In diesen fortdauernden Armutsjahren, um 1814, so meint Gugitz, könnte Hoffmann sehr wohl die »Schwester Monika« verfaßt und seinem alten Freund Kuhn überlassen haben, um zu Geld zu kommen. Seine Vermutung glaubt Gugitz noch dadurch bestärkt, daß ein Hoffmann-Werk auf dem gleichen Jahr - der erste Teil der ebenfalls erotisierenden und ebenfalls in katholischem Klostermilieu spielenden »Elixiere des Teufels« - entfernte Ähnlichkeit mit der »Schwester Monika« aufweist.

Gugitz: »Die Noten, die in den 'Elixieren' verstärkt wurden, klingen in der 'Monika' im fortissimo aus.«

Tatsache ist, daß Hoffmann, der die letzten acht Jahre seines Lebens als Jurist, berühmter Zecher (berühmter Zechkumpan: der Schauspieler Ludwig Devrient) und berühmter Schriftsteller In Berlin zubrachte, neben großer Literatur ("Klein Zaches«, »Meister Floh") vielerlei Kolportage lieferte. Er beutete sein Schreibtalent rücksichtslos aus, wenn es galt, Geld zu machen. Und das galt es immer.

Hoffmann starb im Alter von 46 Jahren. Der Krankheitsbefund der Literaturhistoriker variiert zwischen Nervenentzündung und Rückenmarksschwindsucht. Seine Freunde ließen auf den Grabstein metzen: »Ausgezeichnet im Amte, als Dichter, als Tonkünstler, als Maler«. Als Erotiker war er, wenn »Schwester Monika« nicht trügt, kaum weniger potent

Schriftsteller Hoffmann (l.), Hoffmann-Freund Devrient*: Nach den »Elixieren des Teufels« Liebesseufzer von »Schwester Monika«?

Hoffmann-Skizze: Mit dem Verleger gepunscht?

Hoffmann-Zeichnung

Mörder, Bettler und Gespenster

* Im Weinlokal Lutter & Wegner in Berlin.

Zeitgenössisches Gemälde nach einer Skizze von E. T. A. Hoffmann (untenstehendes Bild).

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