AfD-Dokumentation »Volksvertreter« »Ich will das noch mal sehen, bis ich ausflippe«

Der Dokumentarfilmer Andreas Wilcke hat vier Bundestagsabgeordnete der AfD in ihrem Alltag begleitet. Das Ergebnis ist ein leiser Film, der das weltvergessene Biedermeier der Rechtspopulisten ans Licht bringt.
AfD-Bundestagsabgeordneter Enrico Komning: Was zählt, ist nicht der Inhalt, sondern die Präsentation

AfD-Bundestagsabgeordneter Enrico Komning: Was zählt, ist nicht der Inhalt, sondern die Präsentation

Foto: wilckefilms

Zwei Männer in der Hauptstadt, umweht vom Mantel der Geschichte, der deutschen Geschichte: Wartburg, Paulskirche, Spiegelsaal von Versailles. »Da war die Welt noch in Ordnung«, sagt der eine, als er dem Preußenkönig Wilhelm ins Auge blickt in jenem Moment, als der zum deutschen Kaiser Wilhelm I. proklamiert wird. Und weiter: »Der Bismarck sieht ja ein bisschen wie ein Nachfahre von Dschingis Khan aus.« Der andere sagt: »Der soll ja auch eine russische Freundin gehabt haben.«

Die beiden Herren, die da so ein wenig fachsimpeln über das Jahr 1871, sind Bundestagsabgeordnete der AfD, mitten in der Legislaturperiode nach ihrer Wahl im Jahr 2017. Damals zog die AfD zum ersten Mal mit einem zweistelligen Ergebnis in den Bundestag ein. Die beiden inspizieren den Fraktionssaal, der gerade mit glorreichen Momenten der deutschen Geschichte dekoriert wurde.

Der eine heißt Armin-Paulus Hampel, ist Journalist, hat für den MDR aus Bonn und Indien berichtet, ist stolz darauf, dass sein Vater Burschenschafter bei der Breslauer Arminia war, und weiß, dass eine gute Geschichte »einen Kopp und einen Arsch braucht«. Der andere heißt Götz Frömming, ist Lehrer für Deutsch und Geschichte, redet gern über Kultur, deutsche Identität und warum People of Color seinen »Kleist nicht auf Steuerzahlers Kosten verhunzen« dürften.

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Dokumentarfilm »Volksvertreter« – AfD-Politiker in ihrer Selbstinszenierung

Foto: wilckefilms

Frömming und Hampel sind zwei der vier Protagonisten, die die AfD-Dokumentation »Volksvertreter« des Berliner Filmemachers Andreas Wilcke tragen. Der eineinhalbstündige Film kommt Ende Mai in die Kinos. Es ist ein leiser Film über eine Partei, in der es oft laut zugeht und deren Töne schrill sind. Die Frontmänner und -frauen spielen bestenfalls eine Randrolle. Im Zentrum von Wilckes Film stehen anachronistische Figuren, Menschen, die oft wie aus der Zeit gefallen wirken und die in der AfD einen Platz gefunden haben, an dem sie sich einer komplizierten und oft widersprüchlichen Realität ungestraft verweigern dürfen.

Wie Norbert Kleinwächter. Der schmale, immer ein wenig fahrig wirkende Mann ist von Brandenburg aus in den Bundestag gewählt worden. Eigentlich kommt er aus dem Westen und war früher mal bei der linken WASG. Jetzt ist er in der AfD-Fraktion für Europapolitik zuständig, spricht in flüssigem Französisch mit einer Schülergruppe aus dem westlichen Nachbarland. Er kann seine Reden mit Rousseau-Zitaten spicken oder freudsche Begriffe einbauen oder so richtig ausflippen, wenn es um die CDU und Angela Merkel geht.

»Ich will das noch mal sehen, bis ich ausflippe«, sagt Kleinwächter. Seinen inszenierten Gefühlsausbruch hat ein Mitarbeiter gefilmt, gleich geht er viral. Auch das zeigt Wilckes Film: Inhalte sind bestenfalls zweitrangig, was zählt ist die Präsentation mit möglichst hohem Erregungspotential. Überall stehen Kameras bereit, wird mit Smartphones gefilmt. Unentwegt inszenieren sich die Abgeordneten und laden hoch auf Twitter, Instagram, Facebook.

Enrico Komning, der Vierte im Bunde, ein Rechtsanwalt aus Neubrandenburg, starrt neugierig auf sein Smartphone. Wie viele haben heute geklickt, wie viele seine regelmäßige Videobotschaft gelikt. Diesmal ist es ein Ballaballa-Satz zu einer angeblichen faschistischen Antifa. 2400 Klicks in zwei Stunden. Komning ist zufrieden.

Fraktionskollege Frömming muss unterdessen seinen Twitter-Account pflegen. Er steht vor dem Hambacher Schloss in der Pfalz: einem Schauplatz des revolutionären Vormärzes im 19. Jahrhundert, der aber längst von rechten Geschichtsrevisionisten als nationale Weihestätte gekapert wurde. Ein Student soll schnell noch ein Foto vom Abgeordneten machen. Nein, keine Polizeiautos, das stört. Schnell zoomt Frömming sein Konterfei bildfüllend aufs Display, im Hintergrund das Schloss. Einen Klick später sind die Follower wieder gefüttert.

Wilcke liefert wenig Spektakuläres, mitunter wirkt es auch mal zäh und hätte den ein oder anderen Schnitt vertragen. Seine Protagonisten bewegen sich in Räumen und an Orten, wo sich Politiker*innen nun einmal aufhalten: viel in Büros und Sitzungssälen, auf Landesparteitagen, im Bundestag und im Wahlkreis, manchmal auf der Straße bei den Wähler*innen. Ganz selten dort, wo die Konsequenzen politischer Entscheidungen sichtbar werden, und selbst dann verschwindet die Wirklichkeit hinter der Inszenierung.

Armin-Paulus Hampel besucht mit seinen Mitarbeitern, nur Männern, ein Flüchtlingslager in Griechenland. Einem Mitarbeiter ist unwohl, er wirkt so, als wolle er den schützenden SUV am liebsten gar nicht verlassen. Hampel: ganz anders. Als alter Reporter stürmt er mitten rein und auf die Menschen zu. Immer mit der gleichen Frage auf Englisch: Woher kommt ihr? Wohin wollt ihr? Einer sagt »Deutschland«. Die anderen sagen, sie wollen in Griechenland bleiben oder nennen gar kein Ziel in Europa.

Dann bringt sich Hampel in Position: ein letzter Zug aus der Zigarette, die Kippe locker weggeschnippt, im Hintergrund ein Meer von Zelten. Ein Mitarbeiter richtet die Kamera ein, Hampel beginnt seinen Aufsager im dramatischen Tagesschau-Sonor: »Das ist ein Lager auf der großen Route nach Europa, auf der großen Route nach Deutschland.« Dann folgt noch mal ein besorgter Blick des Abgeordneten in die Kamera, und die Wirklichkeit ist für die AfD wieder mal erledigt. »Und Abfahrt, Männers.«

»Volksvertreter« von Andreas Wilcke. 94 Minuten, bundesweit in 13 Kinos ab 27. Mai.