Magnum-Fotograf Thomas Hoepkers 9/11-Bild in New York, 2001
Magnum-Fotograf Thomas Hoepkers 9/11-Bild in New York, 2001
Foto: Thomas Hoepker / Magnum Photos

Agentur Magnum wird 75 »Fotografen brauchen Respekt. Und man muss sie ganz viel loben«

Ihre Bilder haben oft den Blick auf die Welt verändert – die Agentur Magnum hat ästhetische Standards gesetzt. Margot Klingsporn machte sie in Deutschland bekannt und erzählt, wie sich der Job verändert hat.
Ein Interview von Susanne Koelbl

Auf der Berlin Photo Week  vom 2. bis 9. September präsentiert Magnum eine Bilderauswahl aus 75 Jahren Agenturgeschichte. Nanna Heitmann, Yael Martínez und Paolo Pellegrin zeigen zudem in der Arena eigene Ausstellungen . Der SPIEGEL ist in diesem Jahr Kooperationspartner von Magnum und veranstaltet in dieser Eigenschaft am Samstag, 3. September eine Reihe von Talks.  

SPIEGEL: Frau Klingsporn, was beschäftigt Sie gerade?

Klingsporn (sichtbar irritiert): Dass ich Salgado seit Tagen nicht erreiche ...

SPIEGEL: ... den berühmten Fotografen Sebastião Salgado, der seit Jahrzehnten den Schmerz der Armen und Elenden der Welt in seiner poetischen Schwarz-Weiß-Fotografie festhält?

Klingsporn: Genau der, wir müssten dringend ein paar Dinge zu einem möglichen Auftrag besprechen. Aber er ist unauffindbar, wohl wieder in Südamerika unterwegs oder sonst wo auf einem fernen Kontinent.

Zur Person
Foto:

Anja Oltmanns

Margot Klingsporn wurde 1945 in Heidelberg geboren. 1979 gründete sie zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Marita Kankowski in Hamburg die Fotoagentur Focus. 1983 übertrug ihr die internationale Fotoagentur Magnum die Alleinvertretung für Deutschland. Aus dem Tagesgeschäft hat sich Klingsporn nach vierzigjähriger Agenturleitung zurückgezogen, sie betreut aber noch einige wenige Fotokünstler wie Sebastião Salgado, Konrad R. Müller und Michael Ruetz.

SPIEGEL: Sie selbst wurden 1945 in Heidelberg als Kind zweier Chemiker geboren. Gut drei Jahrzehnte später hatten Sie als Chefin der Bildagentur Focus die Exklusivrechte für die Magnum-Fotografen, die gelten als die besten der Welt. Wie kam’s?

Klingsporn: Als Kind fielen mir in der Lokalzeitung Bilder eines gewissen Herrn Schnabel auf – es war das Pseudonym von Robert Lebeck,  der später als »Stern«-Fotograf sehr bekannt wurde. Ich hatte wohl schon immer ein ganz gutes Auge.

SPIEGEL: Das erklärt noch nicht Ihre Kontakte in die internationale Fotoszene.

Klingsporn: Ich hatte mein Volkswirtschaftsstudium abgebrochen und sattelte auf Fremdsprachensekretärin um, das führte mich direkt in die »Stern«-Redaktion, wenig später zum »Zeit-Magazin«. Mehr als von den schreibenden Journalisten war ich dort von der Bildredaktion fasziniert. 1979 gründete ich dann mit einer Kollegin, Marita Kankowski, die Foto-Agentur Focus. Marita war zuvor Bildredakteurin für Burda in New York, sie kannte Annie Leibovitz , Eddie Adams  und andere US-Fotografen, deren Bilder wir in Deutschland bestens verkauften. Wir mieteten uns in der Hamburger Schlüterstraße ein, in einer Kanzlei, unser Startkapital waren 5000 Mark. Die gingen komplett für die Garantie des Telex-Geräts drauf, damit wir international kommunizieren konnten. Drei Jahre später klopfte Magnum bei uns an.

Fotograf Stuart Franklins Bild Mann auf dem Tiananmen-Platz, Peking 1989: »Dokumentiert, dass die Chinesen damals mutig Widerstand leisteten gegen die geballte Staatsmacht«

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Foto: Stuart Franklin / Magnum Photos

SPIEGEL: Warum sind Fotos stärker als Texte?

Klingsporn: Ich war immer schon ein visueller Mensch. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Mich interessiert das Bild, seine Erzählung, seine Kraft.

Jones Griffiths Bild der Schlacht um Saigon, 1968, Vietnam: »Das Bewusstsein in der amerikanischen Bevölkerung geweckt, sich aus dem Krieg zurückzuziehen«

Jones Griffiths Bild der Schlacht um Saigon, 1968, Vietnam: »Das Bewusstsein in der amerikanischen Bevölkerung geweckt, sich aus dem Krieg zurückzuziehen«

Foto: Philip Jones Griffiths / Magnum Photos

SPIEGEL: Was können Bilder bewirken?

Klingsporn: Bilder sollen Emotionen wecken und sie können unter Umständen das Weltgeschehen beeinflussen, zum Beispiel das berühmte Bild von dem Mädchen in Vietnam, das vor der amerikanischen Napalmbombe flieht. Das hat das Bewusstsein in der amerikanischen Bevölkerung geweckt, sich aus dem Krieg zurückzuziehen. Oder das Foto von dem Mann auf dem Tiananmen-Platz, der sich den Panzern entgegenstellt, von Magnum-Fotograf Stuart Franklin . Das hat konkret nicht geholfen, aber es dokumentiert, dass die Chinesen damals mutig Widerstand leisteten gegen die geballte Staatsmacht.

SPIEGEL: Warum ragen die Arbeiten der Magnum-Fotografen so heraus?

Klingsporn: Magnum gelang es immer wieder, die besten Fotografen an sich zu binden. Deutsche Fotografen waren eine andere Klasse, sie hatten Fotografie studiert, ihnen fehlte aber der Weitblick, die Leidenschaft. Salgado zum Beispiel fand schon früh sein Thema, die Armut, und er verfolgte es hartnäckig, jahrzehntelang. Jeder kennt heute die Bilder von Kriegsfotograf James Nachtwey  oder die von Jill Perez , der Krieg und Gewalt in einer ganz anderen, reduzierten Bildsprache erzählte, oder von Bruno Barbey , er fotografierte herrliche, emotionsstarke, kraftvolle Reisereportagen.

SPIEGEL: Immerhin, zwei Deutsche haben es zu Magnum geschafft, Thomas Hoepker  und Thomas Dworzak .

Klingsporn: Ja, Hoepker lebt bis heute in New York, 84-jährig, und Dworzak in Paris.

SPIEGEL: Was haben die Gründer von Magnum anders gemacht als herkömmliche Agenturen?

Klingsporn: Magnum ist ein Kollektiv von Fotografen für Fotografen. Die vier Gründer, George Rodger , David Seymour , Robert Capa  ...

SPIEGEL: ... bis heute der berühmteste Kriegsfotograf der Welt ...

Klingsporn: ... und Henri Cartier-Bresson  taten sich 1947 zusammen. Sie wollten sich nicht länger dem Diktat von Agenturen oder Redaktionen ausliefern. Sie wollten die Kontrolle über ihre Bilder haben, über ihre Erlöse verfügen, aber auch ihre eigenen Themen realisieren. Capa hatte in den Dreißigern in Berlin gelebt, er kam aus Budapest, Robert Seymour war Pole. Beide waren Juden und flohen vor den Nazis nach Paris, dort lernten sie Henri Cartier-Bresson kennen. Die Kombination dieser sehr unterschiedlichen Charaktere machte Magnum zu etwas Besonderem. Keiner von ihnen ist je reich geworden, aber sie arbeiteten alle weithin selbstbestimmt, unterstützten sich gegenseitig und verliehen einander Selbstbewusstsein. Sie hatten viel Spaß. Der Agentur-Name ist übrigens der Magnum-Champagnerflasche entliehen: Es ging ihnen um gute Laune, gute Geschäfte und ein exklusives Produkt.

Magnum-Fotograf Thomas Hoepkers 9/11-Bild in New York, 2001

Magnum-Fotograf Thomas Hoepkers 9/11-Bild in New York, 2001

Foto: Thomas Hoepker / Magnum Photos

SPIEGEL: Wie wird man eigentlich Magnum-Fotograf?

Klingsporn: Einmal im Jahr treffen sich die Eigentümer, sie gehen die zahllosen Bewerbungen durch und beraten, wer zu ihnen passen könnte. Wer aufgenommen ist, darf zwei Jahre lang unter dem Label Magnum seine Bilder vertreiben, nach zwei weiteren Jahren können er oder sie sogenannte Associates werden und nach weiteren zwei Jahren möglicherweise Mitglieder. In den 75 Jahren des Bestehens von Magnum hat es aber gerade mal 99 feste Mitglieder gegeben.

»Cartier-Bresson war auf freundliche Weise extrem durchsetzungsstark.«

SPIEGEL: Unter diesen 99 sind nur zwölf Frauen, warum?

Klingsporn: Die erste Magnum-Fotografin war Eve Arnold , eine US-Amerikanerin. Sie kam 1951. Von ihr stammt der Satz: »Wenn ein Fotograf mit den Menschen vor der Linse mitfühlt, wird viel zurückgegeben. Nicht die Kamera ist das Instrument, sondern der Fotograf.« Sie hatte Zugang zu Stars wie Marilyn Monroe. Ihr folgte 1953 Inge Morath , die Frau des Schriftstellers Arthur Miller, dann Martine Franck , die Frau von Cartier-Bresson, und Susan Meiselas.  Sie kam aber erst 1980, in der Magnum-Männerwelt hatten die Frauen keinen Platz, zumindest nicht als Kolleginnen. Man traute ihnen die Arbeit an den Frontlinien auch nicht zu.

SPIEGEL: Leben Magnum-Mitarbeiter gefährlicher als andere Fotografen?

Klingsporn: Nicht alle der bisher 22 Verstorbenen kamen gewaltsam in ihren Einsätzen ums Leben, aber doch einige. Capa trat 1954 im Indochinakrieg auf eine tödliche Mine. Seymour wurde 1956 in Ägypten erschossen.

Magnum-Fotograf Guy Le Querrec vor den Gründerporträts in Paris, 2005: »Gute Laune, gute Geschäfte und ein exklusives Produkt«

Magnum-Fotograf Guy Le Querrec vor den Gründerporträts in Paris, 2005: »Gute Laune, gute Geschäfte und ein exklusives Produkt«

Foto: Patrick Zachmann / Magnum Photos / Agentur Focus

SPIEGEL: Magnum-Gründer Cartier-Bresson feierte das Leben, seine Bilder zeigen die Schönheit von Paris. Jeder kennt das bekannte Bild des lachenden Jungen, der zwei Weinflaschen transportiert. Cartier-Bresson starb 2004. Was für ein Mensch ist er gewesen?

Henri Cartier-Bressons Paris-Bild von 1932: »Natürlich kämpfen die Fotografen dort mit der Veränderung«

Henri Cartier-Bressons Paris-Bild von 1932: »Natürlich kämpfen die Fotografen dort mit der Veränderung«

Foto: Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos

Klingsporn: Henri Cartier-Bresson war ein schlanker, gepflegter, blonder Mann mit außergewöhnlichen Manieren, ein Herr, und sein elegantes Auftreten verschaffte ihm Autorität. Ich erinnere eine Ausstellung seiner Paris-Bilder in den Hamburger Deichtorhallen, 1994. Alles war fertig gehängt. Der damalige Direktor fragte Henri, ob er einverstanden sei, Cartier-Bresson lächelte fein und sagte, alles sei wunderbar, er bitte lediglich um zwei, drei kleine Änderungen, die ihm gerne gewährt wurden. Drei Stunden später hing kein Bild mehr auf seinem Platz. Er hatte die gesamte Choreografie geändert. Auf sehr freundliche Weise war er extrem durchsetzungsstark.

Fotograf Sebastião Salgados Goldsucher in Brasilien, 1980: »Wundervolle Besessenheit«

Fotograf Sebastião Salgados Goldsucher in Brasilien, 1980: »Wundervolle Besessenheit«

Foto: Sebastião Salgado

SPIEGEL: Die Medienwelt ist heute eine andere als Ende des 20. Jahrhunderts. Was bedeutet das für die Fotografie?

»Die Zusammenarbeit zwischen Bildredakteur und Fotografen war ein Vertrauensverhältnis. Heute ist das ein Machtverhältnis.«

Klingsporn: Magnum ist noch immer führend, aber natürlich kämpfen die Fotografen dort ebenfalls mit der Veränderung am Markt. Der Kostendruck in den Verlagshäusern bedeutet, dass Geschwindigkeit und Verfügbarkeit häufig wichtiger sind als das prägnante Bild, als eine bestimmte Handschrift. Die Beschleunigung der Produktion lässt keine Zeit für den Fotografen und den Bildredakteur, eine Geschichte zu entwickeln.

SPIEGEL: Was fürchten Fotografen mehr, die Frontlinie oder ihre Auftraggeber?

Klingsporn: Früher gab es häufiger die Furcht vor technischem Versagen, vor einer Panne, zum Beispiel, dass der Film nicht belichtet ist. Heute ist es die Furcht, den Auftrag nicht erfüllen zu können, weil man ja auch sofort ersetzt wird. Dieser redaktionelle Erwartungsdruck war vor einiger Zeit noch weniger groß, die Zusammenarbeit zwischen Bildredakteur und Fotografen war viel enger. Das war ein Vertrauensverhältnis. Heute ist das ein Machtverhältnis.

SPIEGEL: Welchen Umgang pflegen wiederum die Agenten mit ihren Fotografen?

Klingsporn: Meine Hauptaufgabe war es, zuzuhören. Fotografen brauchen Respekt, den bekommen sie fast nirgendwo. Und man muss sie ganz viel loben.

SPIEGEL: Empfehlen Sie heute noch, in die Fotografie zu gehen?

Klingsporn: Es bedarf großer Leidenschaft, man sollte wissen, dass man kein normales Leben führen wird. Diese Berufswahl ist für Ehen gefährlich und für Familien nicht kompatibel. Und sie ist brotlos.

SPIEGEL: Warum ist es trotzdem ein Traumberuf?

Klingsporn: Wenn ich Fotografen frage, sagen sie immer, sie wollen nichts anderes machen, es sei großartig. In ihrer wundervollen Besessenheit erschaffen sie etwas – ein Bild, damit sich andere ein Bild machen können.

Offenlegung: Die Mutter der Autorin Susanne Koelbl, die Fotografin Herlinde Koelbl, wird von Margot Klingsporn vertreten.

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