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Animateure Aggressive Berieselung

Auf die Ausbildung der Ferien-Animateure, der oft nervtötenden Muntermacher, wird beträchtlicher Aufwand verwendet.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Für wenige Minuten ist Tanja, 25, ein Star, allein im weißen Scheinwerferkegel auf nachtdunkler Freiluftbühne.

Marlene Dietrichs Stimme ertönt aus zwei Lautsprecherboxen, und Tanja wird, von Kopf bis Fuß, zum blauen Engel. Kokett fallen die blonden Locken in den Nacken, weit öffnen sich ihre rotgeschminkten Lippen zum Vollplayback, lasziv schlägt sie die mageren, netzbestrumpften Beine übereinander.

Es ist der Höhepunkt, wenngleich nicht das Ende ihres heutigen Arbeitstages. Vormittags, am Swimming-pool, hat sie Tennisbälle in Trinkbechern auffangen lassen und den Geschicktesten einen Curacao spendiert. Spätabends, nach der Theatershow, tanzt sie noch mit nachtschwärmenden Singles in der Disco. Ihr Feierabend: um Mitternacht.

Tanja hat, im Club Aldiana auf Kreta, einen sogenannten Traumjob. Als festangestellte Animateurin des Frankfurter NUR-Touristic-Konzerns ist sie wie ihre derzeit 163 Kollegen wichtigster Faktor im Konzept des Kluburlaubs, das einer stetig wachsenden Kundschaft vor allem Geselligkeit und pausenloses Entertainment verspricht.

Was einst, leicht und französisch, vom Club Mediterranee erdacht wurde, haben die beiden deutschen Marktführer gründlich perfektioniert. Mit Hilfe der Animateure vermarkten die Hannoversche Touristik Union International (TUI), in ihren 15 Robinson Clubs, und NUR, in 8 Aldiana-Filialen, erfolgreich ein soziales Defizit. Die professionellen Muntermacher ersetzen für viele Urlauber die rare Spezies des anregenden, unternehmungslustigen Mitmenschen.

Robinson-Geschäftsführer Johann-Friedrich Engel, dem 409 hauptamtliche Animateure unterstehen, erwartet erneut ein »Riesenjahr«. In dieser Saison soll sein Umsatz um 30 Prozent auf 179 Millionen Mark steigen.

Nachwuchsprobleme kennen NUR und TUI nicht. 1989 bewarben sich bei ihnen etwa 6000 Interessenten, viele mit der blauäugigen Vorstellung von bezahltem Müßiggang unter südlicher Sonne. Doch angesichts der vor Ort üblichen 15-Stunden-Schichten, an sechs Wochentagen, gewährleistet nur rigorose Zucht eine gleichbleibende Qualität der Dienstleistung Animation. Die Veranstalter können aus dem vollen schöpfen; das bekommen die Kandidaten schon in den Auswahlverfahren zu spüren.

Zuerst flattern ihnen von Psychologen erarbeitete Fragebögen ins Haus, in denen sie auf Widerborstigkeit und Belastbarkeit abgeklopft werden. »Sind Sie ab und zu dickköpfig?« will etwa Robinsons Frankfurter Personalbüro wissen oder, sibyllinischer: »Sind Sie der Typ, der sowohl hart arbeitet als auch gerne bummelt?«

Extrovertierte Naturen und Betriebsnudeln bis zu 30 Jahren, mit zweckdienlicher Berufserfahrung als Lehrer, Sportler oder Tänzer, haben gute Chancen, in die Endauswahl zu praxisnahen Seminaren eingeladen zu werden.

TUI-Engel bevorzugt »fidele, weltoffene und unkomplizierte Typen, bunte Menschen mit guten Manieren«, die »sportlich und aufnahmedurstig« sind. Der Diplom-Pädagoge Gerd Igel, bei Aldiana für die Ausbildung verantwortlich, nennt ergänzend »fachliche Ausbildung und Teamfähigkeit«.

Man müsse »vor allem das Wort Animation fehlerfrei buchstabieren können«, spottet dagegen ein Robinson-Insider. Er bezeichnet die Schulungen als »eindimensionale Ausrichtung zum Pausenclown«. Kritische Geister seien »absolut fehl am Platz«.

»Die Leute gehen in die Seminare mit einer wahnsinnigen Euphorie rein«, hat ein Berliner Animateur bei der Robinson-Ausbildung beobachtet, »und werden dann täglich zwölf Stunden lang unter Power gehalten.« Fangfragen eruieren zusätzlich, im klubtypischen Duzton, etwaige Reste von Eigensinn: »Wenn dich dein Klubchef beleidigt, wie reagierst du dann?«

In der Aldiana-Kaderschmiede, im abgeschiedenen Ferienwohnpark Silbersee in der Nähe des hessischen Frielendorf, diktiert Ausbilder Igel seinen Kandidaten die »Gebote« des Klublebens in den Notizblock. Kostprobe: »Einziges Ziel meiner Arbeit ist der zufriedene Gast. Er ist für mich der wichtigste Mensch auf der Anlage.«

Um die pauschalreisenden VIPs näher zu charakterisieren, werden unverblümt nationalistische Klischees aufgetischt. Der Deutsche, heißt es, sei »egoistisch, scharf auf Sehenswürdigkeiten und kennt seine Rechte«, der Niederländer hingegen »lebhaft, laut und kompromißfähig«. Besondere Vorzüge haften angeblich dem Belgier an. Er »beschwert sich nicht so schnell und macht gerne bei Gästeshows mit«.

In Rollenspielen geht es darum, Kunden im Reisepreis nicht enthaltene Extras aufzuschwatzen oder notorische Nöler und aufdringliche Quasselstrippen elegant abzuwimmeln. Bester Zeitpunkt für den »Gesprächsausstieg« sei, wenn der Gast »sich positiv geäußert oder gelacht« habe, notfalls helfe der Vorschlag einer Aktivität, die er »hundertprozentig nicht mitmacht«.

»Wer Gäste als nervig auffaßt«, erklärt Ausbilder Igel die Marschroute, »der paßt sowieso nicht zu uns.« In solchen Fällen macht er kurzen Prozeß und fährt die Gescheiterten schnurstracks zum nächsten Bahnhof.

Solch forsche Selektion garantiert ein Personal, das selbst unter Streß noch mit zusammengebissenen Zähnen lacht. Wie ein personifiziertes Aufputschmittel geriert sich das 18köpfige Team, das Aldiana-Clubchef Kurt Tiefenberg Paaris auf Kreta frisch angereisten Gästen vorstellt: hampelnd, grimassierend, eine flippige Rasselbande mit Pferdeschwänzen, Nasen- und Ohrringen, Stirnbändern, verwegenen Sonnenbrillen und Jogginganzügen in knallrosa phosphoreszierender Neonfarbe.

Die Gazette, ein täglich neu verfaßtes Flugblatt, an dem die zuständigen Animateure zuweilen bis morgens um halb drei tippen, verkündet das aktuelle Frohsinns-Programm: »Ssssstretching und Rrrrrelaxing« oder »Interviews am Pool«, die gelegentlich ins Zotige abdriften, zum Beispiel wenn nachzusprechende Zungenbrecher so konstruiert sind, daß aus »pieksen« schon mal »wichsen« wird.

»Wir versuchen, mit allen Mitteln die Gäste glücklich zu machen«, sagt der * Bei einer »Gästeshow« in Antalya, Türkei. schnauzbärtige Klubleiter Tiefenberg Paaris. Mitmachzwang gebe es bei Aldiana »schon lange nicht mehr«, statt »aggressiver Animation« laute »die Tendenz Berieselung«. Anderswo, das hat er erlebt, würden »die Leute morgens um vier Uhr aus den Betten getrommelt«.

Durchschnittlich zwei bis drei Jahre dauert die Karriere eines Animateurs. Anschließend, sagt ein Ehemaliger, »fühlt man sich, als ob die einen Schwamm ausgedrückt haben«. Wer länger bleibt, riskiert den Verlust sozialer Kontakte in der Heimat und Schwierigkeiten bei der beruflichen Wiedereingliederung.

Das ständige Leben auf dem Präsentierteller, die fehlende Rückzugsmöglichkeit aufgrund der Unterbringung in Doppelzimmern verleiten manchen Langzeitunterhalter zur inneren Emigration. »Insgeheim total geladen, völlig animationsgeschädigt«, bezeichnet ein Neuling auf Kreta seinen 32jährigen routinierten Mitbewohner. Ein Kollege mit ausgedehnter Erfahrung in der »Knochenmühle Fuerteventura«, einem besonders stressigen, weil ganzjährig geöffneten Klub, »greift nur noch in die Antwortschachtel«, wenn Urlauber die immergleichen Fragen stellen.

Die heitere Fassade jedoch muß gewahrt bleiben, denn das Urteil der Gäste ist den Klubs »sehr wichtig«. Vor der Abreise darf bei Aldiana jeder Kunde die Leistung der Animation, von der Abendveranstaltung bis zum Squash, in drei Kategorien einordnen.

Noch differenzierter sind interne Bewertungsbögen, die, in Robinson Clubs, jeden Animateur »zur Person« und »zur Arbeit« nach ingesamt 19 Kriterien beurteilen. Das Notenspektrum, »auffallend gut« bis »nicht ausreichend«, bezieht sich unter anderem auf die »äußere Erscheinung«, auf »Ehrgeiz/Ambition« und »das Verhältnis zwischen Auftreten, Leistung, Können und den daraus abgeleiteten Ansprüchen - dienstlich und persönlich«.

Die Auswertung der Zensuren ist Verschlußsache. Ballen sich in der »Welt aus Licht und Farben« (Robinson-Werbung) dunkle Wolken der Unzufriedenheit, »dann sind die Chefs«, so ein Ehemaliger mit dreijähriger Erfahrung, »rasch mit Vorwürfen bei der Hand, um so schneller kriegen die jemanden tot«.

Höchste Alarmstufe droht, wenn aus Frankfurt Troubleshooter anreisen und notfalls eine in die Kritik geratene Bühnenshow umkrempeln. Die Proben für die neue Aufführung werden dann nach Dienstschluß, ab Mitternacht, angesetzt; morgens zum Frühstück muß die Crew wieder kregel sein und an den Achtertischen mit verschlafenen Gästen Small talk betreiben.

Die Aldiana-Truppe auf Kreta blieb von solchen Aufräumaktionen bisher verschont, lediglich eine renitente belgische Animateurin wurde kurz vor Saisonstart fristlos gefeuert.

Unter Beifall verschwindet Tanja hinter der Kulisse des klubeigenen »Amphitheaters«, zum Abschluß der einstündigen Touristen-Gala betritt Kurt Tiefenberg Paaris federnden Schrittes die Bühne und präsentiert noch einmal, sichtlich stolz, sein gesamtes Ensemble.

»Bleibt, wie ihr seid - natürlich!« sagt er, und seine sonore Stimme bebt vor Schmelz: »Wir wollen doch einfach nur Spaß.«

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