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Weltausstellung Aha, die Deutschen

Krach um den deutschen Expo-Pavillon für 1992: Bonn tauscht ein preisgekröntes Modell gegen einen Ladenhüter.
aus DER SPIEGEL 34/1990

Als die Bundesregierung im vergangenen Herbst, ein Jahr zu spät, zwölf renommierte Architektenbüros zu einem Wettbewerb für den deutschen Expo-Bau auf der Weltausstellung 1992 in Sevilla einlud, vermochte sie den Baukünstlern keinerlei Konzept für das darzustellende Deutschlandbild zu geben.

Sie erbat sich lediglich ein »Beispiel für unser modernes heutiges Bauen«. Immerhin sollte der Pavillon »nicht nur Behälter« sein, sondern - allerhand - auch »Repräsentant unserer Nation«. Erwünscht war eine »Dominante, die dem Besucher ein nachhaltiges Aha-Erlebnis vermittelt«.

Gleich ein zweifaches Aha-Erlebnis bescherten die Bonner schon jetzt den spanischen Expo-Managern: *___Am 26. März präsentierten sie vor Ort den siegreichen ____Entwurf der Architekten Auer + Weber - eine luftige, ____filigrane Schaubude aus wassergekühlten Stahlträgern ____und schwenkbaren Sonnensegeln in einem künstlichen See. *___Am 2. August rückten sie mit einem völlig neuen, ganz ____andersgearteten Modell in Sevilla an - einem ____gigantischen Ufo, aufgehängt an einem stählernen Mast; ____Urheber, laut offizieller Verlautbarung: »Der ____Fachberater«. Dahinter verbarg sich der Starnberger ____Architekt Lippsmeier.

Ähnlichkeiten gab es nur noch bei den Abmessungen: 90 Meter lang, 40 Meter breit, 23 Meter hoch. An der Begründung für den Designer-Wechsel gibt es nichts zu deuteln: Der Entwurf von Auer + Weber sei zu kostspielig, die Alternative koste nur rund die Hälfte. Doch die Umstände, unter denen der verantwortliche Wirtschaftminister Helmut Haussmann und die mitverantwortliche Bauministerin Gerda Hasselfeldt den Austausch vornahmen, werden vom Fachblatt Bauwelt als »krumme Tour« gedeutet und vom Berliner Tagesspiegel als »Skandal« eingestuft.

Als die eingeladenen Architekten sich im letzten Herbst daranmachten, der Nation zu einer Dominante zu verhelfen, hatten sie als noch immer leuchtende Vorbilder die Klassiker deutscher Expo-Architektur vor Augen: Mies van der Rohes elitären Jahrhundertbau 1929 in Barcelona, Egon Eiermanns eleganten Kubus 1958 in der Parklandschaft von Brüssel, Frei Ottos beschwingtes Zelt 1967 in Montreal.

Längst gewöhnt an den Bonner Brauch, bei Bauten des Bundes Kostenvorgaben zu ignorieren, hatten sie weniger das tief angesetzte Limit als vielmehr das hohe Ziel im Blick - des Kanzlers vaterländisches Vereinigungsbetreiben war ihnen zusätzlicher Ansporn.

Elf der zwölf Konkurrenten mißachteten den Punkt neun auf der 48. und vorletzten Seite des Auslobungsschreibens: »Das zur Verfügung stehende Baubudget beträgt DM 27 000 000 und darf nicht überschritten werden.«

Auch Auer + Weber überzogen, kräftig. Doch daran nahmen weder die Vorprüfer des Verfahrens noch die Sachpreisrichter aus den zuständigen Ministerien Anstoß - allesamt unter dem sachkundigen Beistand des »projektbegleitenden Beraters« Georg Lippsmeier. Auer + Weber wurde einstimmig der 1. Preis zuerkannt - weil ihr Entwurf »in besonderer und hervorragender Weise die gestellte Aufgabe erfüllt«. Die Kostenfrage tauchte im Protokoll nicht auf.

Mit dem Projektbegleiter Lippsmeier hatte sich Bonn einen erfahrenen Mann geholt. Er ist auf Pavillons für Messen und Industrieausstellungen in aller Welt spezialisiert und arbeitet seit 35 Jahren für die öffentliche Hand; dem Bundeswirtschaftsministerium ist er als Berater und Auftragnehmer verbunden. Eines seiner jüngeren Werke sollte 1988 für eine Gemeinschaftsschau deutscher Industriefirmen in Neu-Delhi entstehen; doch die Inder versagten ihm die Genehmigung.

Auer + Weber, die Gewinner des Expo-Wettbewerbs, kommen aus einer anderen Welt. Die Stuttgarter Architekten Fritz Auer und Carlo Weber haben als Partner von Günter Behnisch maßgeblich am epochemachenden Münchner Olympiapark und an den gleichfalls preisgekrönten Entwürfen für die Bonner Parlamentsbauten mitgewirkt. Letztes Jahr wurde ihr Landratsamt in Starnberg mit dem großen Deutschen Architekturpreis bedacht.

Ersten Unmut der deutschen Expo-Macher zog Auer sich mit einem Konzept für die Ausgestaltung seines Pavillons zu. In der Erkenntnis, daß die Zeit der patriotisch geprägten Weltausstellungen vorüber sei, hatte er für den Lunapark von Sevilla ein ironisches Szenario entworfen und als künstlerischen Mitarbeiter den Münchner Blech-Bildhauer Albert Hien vorgeschlagen. Hien sollte eine »Deutschlandschaft« aus genietetem Blech gestalten, aus deren Tiefen unentwegt Hausgemachtes hervorbrechen sollte - vom Transrapid bis zu den leibhaftigen Fischer-Chören, Strandburgen, Matjes und Fichtennadelextrakt aus dem Bayerischen Wald.

Als Souvenirs sollte es wohlgenährte Bundesadler zum Ausschneiden geben. Nachts sollte das Land von Tausenden von trauten Lichtern überzogen sein, bestückt mit Hunderten von Fernsehgeräten - ungerade Tage ARD, gerade Tage ZDF.

Derartige unpatriotische Flausen wurden Auer gründlich ausgetrieben: Hans-Gerd Neglein, Siemens-Manager vor dem Ruhestand und Generalkommissar für den deutschen Expo-Beitrag, nahm den Bildhauer überhaupt nicht zur Kenntnis; statt dessen wurde der Berliner Bühnenbildner Manfred Gruber, Ausstattungsleiter der Staatlichen Schauspielbühnen, als Gestalter engagiert. Diktum des Generalkommissars über den Auer-Entwurf für den Pavillon: »Hülle ja, Inhalt nein.«

Doch bald darauf erregte auch die Hülle Anstoß: Die Bonner errechneten Baukosten in Höhe von 61 Millionen Mark - statt der vorgegebenen 27 Millionen. Zwar richtete der Bund Deutscher Architekten zugunsten des Auer-Vorschlags an den Bundeskanzler einen offenen Brief: Der große Deutsche möge mit dem »Gewicht seiner Persönlichkeit« die Bauherrenverantwortung für eine angemessene Darstellung seines Landes selbst wahrnehmen.

Doch die Bonner - durch die Prügel für die Kostenexplosionen beim Plenarsaal und beim Staatshotel auf dem Petersberg und die drohende Kostenlawine fürs einige Vaterland über die Maßen gereizt - machten nach wochenlanger Eierei um einen Kostenkompromiß bei 44 Millionen Mark kurzen Prozeß: Auer wurde aufgefordert, die Arbeit an dem Projekt einzustellen.

Gleichsam über Nacht förderten die Bonner jenen anderen Entwurf zutage, mit dem sich Deutschland in Sevilla nun »überzeugend präsentieren« soll: Lippsmeiers Ladenhüter von Neu-Delhi, ein transluzenter weißer Pneu, der wie eine riesige Luftmatratze über einem Terrassenhügel schwebt - 90 Meter lang, 40 Meter breit und 5 Meter dick, in 20 Metern Höhe getragen von einem 54 Meter aufragenden, 3 Meter mächtigen schrägstehenden Pylon.

Die Auslober hatten ihren eigenen Fachberater um einen »Alternativvorschlag« gebeten, vorbei an Öffentlichkeit, Architektenschaft und Wettbewerb. Innerhalb einer Woche lag die Alternative auf dem Tisch.

Selber realisieren kann Lippsmeier seinen Schubladenentwurf nicht, dazu ist er zu tief in das Verfahren verstrickt. Ausführungsplanung und Bauleitung wurden an die Ingenieurplanung Leichtbau GmbH in Radolfzell delegiert. Entscheidendes Merkmal der neuen nationalen Aha-Dominante: Sie läßt sich, laut Lippsmeier, für 27 Millionen Mark realisieren.

Ausgestanden ist der Ärger für die Bonner damit nicht. Deutschlands Architektenschaft wartet aufmerksam auf die Schlußabrechnung für den Lippsmeier-Pneu. Auer + Weber melden Schadensersatzansprüche »in beträchtlicher Höhe« an.

Letzte Woche war auch Lippsmeier mit seinem Ufo wieder am Ausgangspunkt. Erwartungsfroh hatte sich der kopfstarke Expo-Gesamtausschuß im Bonner Haus Drachenfels versammelt, um die Ausgestaltung des offen angelegten Pavillons durch Bühnenbildner Gruber zu begutachten.

Erschrocken ließen die Herren das modifizierte Modell von der Bildfläche verschwinden. Lippsmeiers Leute erkannten ihren Vorschlag nicht wieder: Der Theatermensch hatte den Terrassenhügel mit haushohen Bühnenbildern zugestellt.

Viel Zeit bleibt den Deutschland-Darstellern nicht: Die Gründung des Bauwerks soll in sechs Wochen beginnen.

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