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STARS Aids an der Backe

Mit einem spektakulären Fernsehauftritt versuchte der französische Filmstar Isabelle Adjani eine Rufmord-Kampagne zu beenden. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Zwanzig Millionen Franzosen erblickten am vorletzten Sonntag ein Phantom aus Fleisch und Blut, als in den Acht-Uhr-Nachrichten des TV-Kanals »TF1« das Antlitz der Schauspielerin Isabelle Adjani auf dem Bildschirm erschien.

»Ich bin kerngesund«, meldete der Filmstar, und der Präsident des französischen Ärzteverbandes sekundierte: »Ihr Gesundheitszustand ist in Ordnung.«

Der ungewöhnliche Live-Auftritt war das Lebenszeichen einer Totgesagten. Mit ihrer Präsenz vor den TV-Kameras versuchte die Kino-Diva Gerüchte um ihre Person zu stoppen, die seit mehr als einem Jahr im Umlauf sind und ihr zuletzt den Tod angedichtet hatten.

So hatte die Pariser Tratschpresse verbreitet, die Künstlerin sei an Aids erkrankt. Immer abenteuerlichere Berichte angeblicher Augenzeugen über den angeblichen physischen Verfall der Adjani machten die Runde, und kurz nach Weihnachten war es dann soweit: Tout Paris flüsterte, der Star sei dem Leiden erlegen - »ein symbolischer Ritualmord«, empörte sich die Pariser Zeitschrift »L'evenement du jeudi«.

»Bitte, sprechen Sie, Isabelle!« flehte das Boulevard-Blatt »Le Parisien« vorletzte Woche, vom Gram über einen frühen Adjani-Tod erschüttert. »Das Gerücht ist ernst«, schrieb die Zeitung, »es wird zum wahren Nationalsport.«

Schon längst hatten sich die üblen Nachreden von dem realen Objekt ihrer perversen Begierden entfernt. Denn die vielseitige Schauspielerin war in der Zeit ihrer angeblichen Aids-Agonie keineswegs

von der Bildfläche verschwunden sondern in der Öffentlichkeit aktiv.

Für den »Figaro Madame« hatte sie den Premier Jacques Chirac interviewt und für Aufnahmen des »Figaro Magazine« posiert. Sie war in der Fernsehshow »Champs-Elysees« aufgetreten und hatte mit ihrem Sohn Ferien in Biarritz gemacht. Und in der vorletzten Woche speiste die Verblichene mit dem französischen Kulturminister Francois Leotard, der ihr den Vorsitz von Frankreichs Filmförderung angetragen hat.

Wie kaum eine andere Berühmtheit taugt die schöne Filmgöttin Adjani, 31, als Hauptdarstellerin für makabre Gerüchte und aggressive Phantasien. Ihr Kinopublikum hatte die Schauspielerin oft in der Rolle einer geheimnisvollen, unnahbaren Femme fatale fasziniert.

Es war kaum Zufall, daß die Aids-Gerüchte vor allem im vergangenen Oktober kräftig hochkochten: Da hatte sich die Tochter eines Algeriers und einer Deutschen für die Antirassismus-Bewegung »SOS Racisme« stark gemacht und sich zusammen mit deren Anführer, dem Antillen-Franzosen Harlem Desir, photographieren lassen.

Offenbar war dies ein Signal fürs rechte Milieu, das Kesseltreiben zu intensivieren. »Wenn man nicht sagt, daß man kein Rassist ist«, erklärte Isabelle Adjani nun im Fernsehen, »unterstützt man den Rassismus mit allem, was heute so passiert.«

Ihr Versuch, den Rufmördern das Handwerk zu legen und das Gerüchtekarussell anzuhalten, scheint vorerst gescheitert zu sein. Weil sie in der TV-Sendung den Kopf in die Hand stützte und ihre Wange verdeckt hielt, rätseln Franzosen nun dumpf über diese Geste. Hat sie doch Aids an der Backe?

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