Initiatorin über Aktion gegen Penisbilder »Dickpics sind eine Art Steuer, die Frauen zahlen, wenn sie im Internet eine Meinung haben«

Es gibt Männer, die verschicken immer wieder ungefragt Fotos von ihrem Penis. Eine Londoner Unternehmerin wehrt sich dagegen – indem sie Dickpics für immer im Internet verewigen will.
Ein Interview von Carola Padtberg
Die Aubergine: semantisch aufgeladenes Emoji

Die Aubergine: semantisch aufgeladenes Emoji

Foto: iStockphoto / Getty Images

SPIEGEL: Frau Scaman, wie häufig bekommen Sie ohne Vorwarnung Penisbilder geschickt?

Scaman: Leider zu häufig. Seitdem ich mehr als 8000 Follower habe, bekomme ich viele unerwünschte Direktnachrichten, viele davon sind Penisbilder. Ich habe das gemeldet, Twitter geschrieben, meinem Publikum davon erzählt. Doch nichts wird getan. Ich bin mittlerweile echt sauer.

SPIEGEL: Was ärgert Sie am meisten?

Scaman: Dickpics sind sexuelle Belästigung, sie sind Gewalt an Frauen – aber nicht illegal. Männer, die sie schicken, verletzen jedes Mal die persönliche Grenze einer Frau. Das hat aber nie Konsequenzen. Frauen sind dem ausgesetzt. Dickpics sind eine Art Steuer, die du zahlen musst, wenn du als Frau im Internet eine Meinung hast. Du bist dann eine Zielscheibe.

Zur Person
Foto: privat

Die Engländerin Zoe Scaman (36) ist Gründerin einer Londoner Unternehmensberatung und berät Firmen in den Bereichen Unterhaltung, Gaming und Internetkultur. Zuvor arbeitete sie 15 Jahre in der Werbebranche in den USA, Australien und Äthiopien.

SPIEGEL: Worum geht es den Einsendern? Sex kann wohl nicht das Ziel sein.

Scaman: Männer senden diese Fotos, weil sie dir Angst machen wollen. Sie wollen, dass du die Klappe hältst. Sie möchten daran erinnern, wer die mächtigere Person ist. Und die überwiegende Mehrheit der Frauen, die dies erlebt haben, schweigt einfach.

SPIEGEL: Sie haben nun eine radikale Idee gegen unerwünschte Bilder ins Spiel gebracht: Frauen sollen die Dickpics im Internet veröffentlichen und zum Verkauf anbieten.

Scaman: Jeder redet ja momentan von Non Fungible Token (NFT). Das sind Daten auf der Blockchain, die als Echtheitszertifikate für digitale Bilder genutzt werden. Damit kann man etwa digitale Kunst über spezielle Marktplätze gegen Kryptowährungen verkaufen. Ich habe vorgeschlagen, dass Frauen die Dickpics als NFT-Kunst anlegen und mit dem Namen und Twitter-Handle des Erstellers versehen. Die Bilder wären für immer in die Blockchain eingeschrieben. Und die Frauen könnten die NFTs an die Männer verkaufen, die die Rechte an ihrem Bild zurückhaben möchten.

SPIEGEL: Sie haben dazu die Website NFTtheDP.com  gelauncht. Hat schon ein Mann seinen Penis zurückgekauft?

Scaman: Ich habe selbst noch keines hochgeladen. Aber allein die Tatsache, dass ich eine Anleitung veröffentlicht habe, wie das technisch ablaufen würde, hat einiges ausgelöst. Ein NFT zu erstellen und zum Kauf anzubieten, ist nämlich sehr einfach, jede Frau kann das. Mein Ziel ist nicht, dass überall Penisbilder auf der Blockchain herumliegen. NFTtheDP.com ist ein Debattenbeitrag. Das schon ließ viele Männer ausflippen.

SPIEGEL: Sind diese Penis-NFTs eigentlich legal?

Scaman: Nein. Es ist empörend: Ein Dickpic ungefragt zu versenden, ist nicht illegal. Aber wenn ich aus dem Dickpic tatsächlich ein NFT machen würde, könnte ich wegen Rachepornos strafrechtlich verfolgt werden.

SPIEGEL: Moment – jetzt sind Männer wütend?

Scaman: Ja, denn mit einem NFT hätte plötzlich die Empfängerin Macht und Kontrolle. Das ist nicht vorgesehen, wenn man eigentlich eine Frau klein machen will. Männer fingen an, mich zu beschimpfen oder pochten auf Urheberrechte. Statt darüber nachzudenken, diese Bilder erst gar nicht zu schicken, konzentrieren sich die Männer auf ihre eigenen Gefühle. Gleichzeitig sagen diese Männer: Oh, ist doch nur ein Penis, stell dich nicht so an! Sie sehen nicht, dass ein Dickpic für eine Frau kein einmaliger Nervenkitzel ist, sondern sie sich oft massiv belästigt und gestalkt fühlt.

SPIEGEL: Haben Sie auch Zuspruch bekommen?

Scaman: Ja, von Frauen. Viele waren begeistert und fanden den Gedanken witzig. Solche mit größeren Followerzahlen haben mir natürlich auch von Belästigungen erzählt. Eine Frau schrieb mir etwa, ein Mann habe ihr Profilbild ausgedruckt, darauf ejakuliert und ihr davon ein Foto geschickt. Natürlich blockiert man diese Leute, aber die legen sich einfach neue Profile an und machen weiter. Sie melden das Twitter, gehen zur Polizei, aber niemand tut was. Die Frauen leiden allein. Es ist ein ständiger Stress im Hintergrund, der depressiv machen kann.

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