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Am Rande Alarm der Alten

aus DER SPIEGEL 45/2000

Der Dichter, denkt man, ist habituell grauhaarig, raucht Pfeife, trägt Cordhosen und äußert sich mit sonorem Tremolo ungefragt, aber höchst besorgt zu allen drängenden Fragen der Zeit. Sein von Grübelfalten und Krähenfüßen zerfurchtes Antlitz erglänzt höchstens dann jugendfrisch, wenn ihn am Bahnhof die appetitlichste Nachwuchskraft der örtlichen Uni-Buchhandlung abholt, wo der Mann des Wortes abends vor elf interessierten Volkshochschul-Intellektuellen aus seinem neuen Werk vorliest.

Dieser wohlvertraut-verknautschte Dichter-Schlag soll nun, o je, vom Aussterben bedroht sein. Besorgt meldet jedenfalls die Vorsitzende des britischen Autorenverbandes skandalöse Praktiken von Shakespeares Insel. Deborah Moggach, zarte 52, wittert hemmungslosen Jugendwahn in heimischen Verlegerkontoren und schlägt Alarm im Namen der Alten. Geistesgröße habe als Maßstab ausgedient, nun werde alles verlegt, was »jung und schön« ist. Elfen statt Dickens - Beauty statt Brontë.

Ein Beispiel hat Ms. Moggach auch parat. Eine gewisse Amy Jenkins habe für ihr Debütstück zwei Millionen Mark Vorschuss kassiert, nur weil sie gerade mal Anfang 30 und eine Augenweide sei. Zwar waren die Kritiken verheerend, aber das tröstet die reife Kollegin auch nicht, denn Amys Roman wurde zigtausend Mal verkauft. Tja, was soll sein? Rosamunde Pilcher ist 76, hat mehr Falten als Trude Unruh von den Grauen Panthern, bekommt nie den Nobelpreis und bringt es dennoch locker auf eine Weltauflage von 18 Millionen.

Vielleicht, Ms. Moggach, sollte die englische Sprache außer »Kindergarten«, »Hinterland« und »Zeitgeist« noch ein anderes teutonisches Wort importieren. Wie wär's mit Neidgesellschaft?

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