Sibylle Berg

Alice Schwarzer über Transsexualität Die große Kränkung

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Unserer Kolumnistin ist es ein Rätsel, warum ein Mensch die lang erarbeitete Macht, gehört zu werden, dazu nutzt, gegen eine Minderheit zu polemisieren, die Repressalien ausgesetzt ist.
Dazulernen hilft uns allen. Und das passiert nicht durch Hass und Verachtung, Ageism, Beleidigungen und Geschrei.

Dazulernen hilft uns allen. Und das passiert nicht durch Hass und Verachtung, Ageism, Beleidigungen und Geschrei.

Foto:

Constantine Johnny / Getty Images

Die Zeit ist die größte Albernheit-Erzeugungsmaschine im menschlichen Dasein.

Wie muss das sein, für die Kämpfer:innen, die Jahrzehntelang aktiv waren – eben noch saßen sie mit wichtigem Gesicht an einem Holztisch, Rotweinflecken und so weiter, draußen waren die Sechzigerjahre, und alles wurde neu erfunden. Frauen galten plötzlich als eigenständige Personen, also fast Menschen, und Kapitalisten wurden nicht mehr als gute Onkels gesehen, sondern als Ausbeuter.

Man wollte die Welt retten und wusste, dass man als Erste auf diese Idee kam – und nun ist über Nacht das Leben fast zu Ende, und neue Revolutionärinnen haben neue Schlachtfelder. Sie reden schon wieder von Gerechtigkeit und Sichtbarkeit und wollen alles neu erfinden, ehe sie übermorgen alt sein werden. Also alles wie immer, nur hätte man nie gedacht, dass angeregtes Streiten der Erwachsenen an blöden Tischen einmal der Inbegriff einer intakten demokratischen Gesellschaft sein würde. Die Suche nach Gemeinsamkeiten, nach Klarheit der eignen Position und dem Wunsch nach Einigkeit scheint in den Jahren der Erregungskrankheit utopisch. Heute, da jede Haltung so feindselig verteidigt wird, als gäbe sie einen Halt in der Überforderung. Als würde das die Welt retten.

Der Zustand des Planeten scheint gerade aus einem globalen Konflikt zu bestehen, der heißt: aussterben oder weitermachen. Und als ob der Einzelne seine Machtlosigkeit ahnte, wird diese große Frage auf Millionen kleine Einzelschlachten heruntergebrochen. Ja oder nein. Dafür oder dagegen. Was nicht klar dem eignen Meinungslager angehört, wird bekämpft. Also so etwas wie diktatorisch. Oder autokratisch. Nur in gut. Vollkommen austauschbar die Themen. Immer kleiner die feindlichen Gruppierungen, immer verwässerter die Anliegen, zerrieben im Straßenkampf der sozialen Medien, begierig unterstützt von Zeitungen, dem Trash-TV, den Gossip-Blättern, den Podcasts. Nehmt mich wahr, nehmt mich wahr in meiner Unfehlbarkeit, rufen sie, lasst mich auf der richtigen Seite stehen, wenn wir schon untergehen.

Der Aufreger der letzten Tage, der vermutlich bei Erscheinen des Textes schon wieder von einer anderen Stellvertreterschlacht abgelöst wurde, zu dem wieder Millionen Tweets, Videos und Kolumnen vergessen sein werden, ist ein Buch, das Feminismus-Erfinderin (gefühlte Selbstzuschreibung) Alice Schwarzer über Transsexualität herausgegeben hat. Und dessen Inhalt sich mit der gesammelten Hilflosigkeit über die Beschleunigung der Zeit und wachsender Irrelevanz dank Neugierstopp übersichtlich zusammenfassen lässt .

Man könnte nun höflich darüber hinweggehen, sich denken, vielleicht wäre es zwar besser gewesen, als Intellektuelle fundiertere Forschung zu betreiben, die Betroffenen nützt und Erregte aufklärt, aber aus Schwarzers Verteidigung der Schrift klingt so viel Entsetzen über das Verschwinden der Deutungshoheit und die große Kränkung der Veränderung der Zeit, dass man sie fast verstehen kann. Fast, denn warum ein Mensch die Macht, gehört zu werden, die er sich lange erarbeitet hat, dazu nutzt, gegen eine Repressalien ausgesetzte Minderheit zu polemisieren, ist ein Rätsel.

Ich werde nie verstehen, warum man seine Zeit und Kraft nicht dazu verwendet, gegen den Abbau von Geldern für die Bildung vorzugehen, gegen Steuerbetrug, gegen Klimaverbrechen oder bis heute anhaltende Kolonialisierung (um mal ein paar zu nennen), sondern sich Leni Riefenstahl und Minderheitenuntersuchungen zu widmen, aber es ist jede:r überlassen, für oder gegen das anzugehen, was ihr wichtig scheint.

»Eine Streitschrift« ist der Subtitel des Werkes und wohlan, könnte man sagen, streiten wir. Was einfach wäre, denn argumentativ ist das Buch so schnell an die Wand zu klatschen, dass man keinen Shitstorm benötigen würde. Alle die in den Ablenkungswaffen der sozialen Medien hochgekauten, immer gleichen Kritikpunkte an Selbstzuschreibung, am Transsein oder in Transition befindlich (Toiletten, Sport, Gefängnisstrafen), an einem hoffentlich bald kommenden Selbstbestimmungsgesetz, können mit ein wenig Sorgfalt beschwichtigt werden.

So wie es Elizabeth Duval tut. Eine der Menschen, die mich in letzter Zeit so sehr an die Welt haben glauben lassen, dass ich sie unbedingt mit Ihnen teilen will. Nehmen Sie sich die Zeit, selbst wenn Sie an allen Themen, die ein Trans-Adjektiv beinhalten, nicht interessiert sind. Hier lernt man alles, was man für den Erhalt eines demokratischen Diskurses wissen muss. Bei jedem Thema.

Zuhören, freundlich bleiben, abwägen, informieren, nicht schreien, nicht beleidigen . Oder hier .

Sicher wäre es auch für die Trans-Minorität hilfreich gewesen, Frau Schwarzer hätte vor dem Verfassen ihrer Schrift mit einem Menschen wie Frau Duval geredet. Hätte, könnte. Neues Dazulernen hilft uns allen. Und das passiert nicht durch Hass und Verachtung, Ageism, Beleidigungen und Geschrei. Sondern an realen oder inneren blöden Holztischen, an denen man einander zuhört und sich freut, wieder etwas Neues erfahren zu haben. Denn mal ehrlich – so schlau sind wir alle nicht. Und – die verdammte Welt rettet man nicht mit Shitstorms.