Margarete Stokowski

Deutsche Trinkkultur Das Saufen der Anderen

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Warum müssen Leute, die auf Partys keinen Alkohol trinken, das allen Leuten erklären? Es gibt etliche gute Gründe für den Verzicht. Aber man muss darüber keine Rechenschaft ablegen.
Foto: Christian Ohde / imago images/Christian Ohde

Ein klassischer Neujahrsvorsatz lautet: weniger Alkohol. Das ist oft ein netter Versuch. Ein Versuch, ein besserer oder zumindest gesünderer Mensch zu werden, ein Mensch ohne Erinnerungslücken oder Bierbauch, whatever, meistens klappt es nicht. Besser wäre, realistische Vorsätze zu machen, die man auch wirklich einhalten kann, zum Beispiel: Weiter trinken – aber ohne dabei andere Leute mit der Frage zu penetrieren, warum sie nichts trinken.

Es gibt vermeintlich harmlose Fragen, die sich sehr schlecht für Small Talk eignen, oder sagen wir: für Small Talk, der für beide Seiten angenehm ist. Das sickert für die Frage »Woher kommst du denn nun wirklich?« an nicht weiße Menschen so langsam ins kollektive Bewusstsein, für die Frage »Warum bist du eine Frau über 30 und hast keine Kinder?« noch längst nicht, und für die Frage »Warum trinkst du keinen Alkohol?« ebenso wenig.

Um es gleich zu sagen, die Frage ist zwischen ernsthaft befreundeten Menschen in Ordnung. Das Problem ist, dass Leute sie auch in Zusammenhängen stellen, in denen man üblicherweise nicht über persönliche Abgründe, Darmkrankheiten oder Traumata redet.

Wer nicht trinken will, muss das nicht begründen

Unter meinen Freundinnen und Freunden, die nicht trinken, kenne ich einen, der auf Sektempfängen inzwischen trotzdem ein Glas Sekt nimmt, um es dann einfach nur in der Hand zu halten, und eine, die auf Partys für sich selbst Saftschorle mitbringt, in die ihr aber öfter schon einfach etwas Alkoholisches reingekippt wurde, damit sie »mal probiert«. Warum? Man zwingt Leute auch nicht, an einem Joint zu ziehen, obwohl es vielen wahrscheinlich mal guttun würde.

Man muss gar kein vor Empathie nur so übersprudelnder Brunnen sein, um zu verstehen, dass die Frage, warum jemand nüchtern bleiben will, in vielen Kontexten übergriffig sein kann. Es gibt natürlich Leute, die einfach keinen Alkohol trinken, weil er ihnen nicht schmeckt oder weil sie später noch Auto fahren müssen. Das ist relativ schnell geklärt. Es kann aber auch sein, dass die Person, die man fragt, Medikamente nimmt, zum Beispiel Psychopharmaka, Schmerzmittel oder Schlaftabletten, die sich mit Alkohol nicht vertragen. Es kann sein, dass sie eine Krankheit hat, über die sie nicht reden will oder zumindest nicht auf diesem eh schon bescheuerten Stehempfang, auf dem man sich gerade befindet.

Es kann auch sein, dass sie stillt. Oder schwanger ist und noch nicht sicher, ob sie abtreiben will. Oder schwanger, aber noch in den ersten Wochen der Schwangerschaft, in denen viele sich mit der Meldung an Dritte noch zurückhalten. Es kann sein, dass sie einfach gesund leben will. Es kann sein, dass sie – aus welchen Gründen auch immer – auf Diät ist. Es kann sein, dass sie Alkohol nicht verträgt. Dass sie erst kürzlich eine schlimme Alkoholvergiftung hatte. Oder dass sie Geld sparen will, aber auch nicht von nervigen Typen eingeladen werden möchte.

So viele gute Gründe für Abstinenz

Es kann sein, dass sie trockene Alkoholikerin ist und keine Lust hat, das zu erzählen. Oder es kann sein, dass in ihrem Umfeld jemand sich totgesoffen hat und sie das nicht auch erleben will. Es kann sein, dass sie Angst vor Kontrollverlust hat, weil ihr unter Alkoholeinfluss schon mal etwas sehr Unangenehmes passiert ist, und zwar nicht bloß peinliche Fotos, sondern ein Unfall oder eine Vergewaltigung.

Nicht zuletzt kann es religiöse Gründe geben. Das mag für christliche Menschen eher schräg sein, weil sie jemanden anbeten, der Wasser zu Wein gezaubert haben soll. Menschen, die als muslimisch gelesen werden und sagen, sie trinken nichts, kennen die skeptische Reaktion des Gegenübers, das sich fragt, ob es sich hier um einen religiösen Fundamentalisten handelt, aber ehrlicherweise muss man sagen, dass keinen Alkohol zu trinken so ungefähr die allerharmloseste Eigenschaft religiöser Menschen ist, die man sich vorstellen kann.  

Es gibt mindestens so viele Gründe fürs Nichttrinken wie fürs Trinken. Es gibt, in bestimmten Kreisen, diese sehr unangenehme Mischung aus Wut und Neid auf Menschen, die etwas objektiv Gesundes tun, ohne dabei irgendwem zu schaden, sei es Yoga oder gesunde Ernährung oder eben Alkoholverzicht. Wenn jemand nicht raucht, fragen die wenigsten, warum genau. Bei Alkohol ist es noch nicht so, dabei würde man Leuten, die keinen Alkohol trinken, das Feiern erheblich angenehmer gestalten, wenn man sie nicht ständig dazu interviewt.

Auch Leute, die mit ihrem Alkoholkonsum als Distinktionsmerkmal besonders zwanghaft kokettieren  und dann dementsprechend entsetzt sind, wenn jemand anders nicht trinkt, würden profitieren, wenn die Fragerei nach dem Grund des Nichttrinkens aufhören würde: Sie müssten sich nicht auf argumentativ dünnem Eis zurechtlegen, warum es so viel besser wäre, wenn ihr Gegenüber jetzt einen Gin Tonic im Glas hätte. Sie könnten einfach ihren eigenen Gin Tonic trinken und über irgendwas reden, worin sie sympathischer rüberkommen. 

Es wäre im Gegenteil oft wesentlich angebrachter, vor allem Männer zu fragen, warum sie trinken, obwohl man doch weiß, dass »Männer und Alkohol« oft eine schwierige Kombination ist, Stichwort aggressives Verhalten. Nüchterne Menschen auf Partys sind entgegen aller Klischees ziemlich selten Spaßbremsen, betrunkene hingegen können den Spaß für alle anderen ziemlich schnell beenden. Und damit einen guten Rutsch und Prost, egal womit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.