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SEEKRIEG Alle guten Geister

aus DER SPIEGEL 31/1960

Das Handelsschiff, das querab vom britischen Frachtdampfer »Abdullah« an einem Tag des Jahres 1940 durch den Indischen Ozean stampft, fährt unter japanischer Flagge. An Bord des Japaners sind adrett gekleidete Geishas deutlich auszumachen. Doch plötzlich entschlüpfen den Kimonos muskulöse Männer. In Sekundenschnelle reißen sie vermeintliche Deckaufbauten beiseite. Geschütze werden sichtbar. Während das Schiff die deutsche Kriegsflagge hißt, fegt der erste Warnschuß vor den Bug der »Abdullah«. Der Hilfskreuzer »Atlantis« befiehlt: »Sofort stoppen.«

Dieses authentische Piratenstück des Seekriegs flimmert seit Ende vergangener Woche in der Bundesrepublik über die Kinoleinwände. Die Ufa hielt für tunlich, dem Publikum einen Film zu präsentieren, den sie als Dokument »ungewöhnlicher menschlicher Haltung« empfindet: das in Italien verfertigte Lichtspiel »Unter zehn Flaggen«.

Mit der Übernahme dieses Films in ihr Verleih-Programm tastet sich die Ufa in ein Genre zurück, in dem sie vor 1945 ausgiebig Erfahrungen gesammelt hat. Zwar hat die Firma bislang davon abgesehen, die Reihe der Helden-Epen ("Kampfgeschwader Lützow«, »Stukas«, »U-Boote westwärts") mit eigenen Neuproduktionen fortzusetzen. Doch erst kürzlich bekundete der neuerstandene Konzern: »Das Kriegsgeschehen der Jahre 1939-45, ist so reich an dramatischen und packenden Ereignissen, daß die geistige Auseinandersetzung mit dieser Zeit im Film noch lange ihren Niederschlag finden wird. Je weiter der Abstand von dieser Epoche ist, desto bedeutender werden die Werke.«

»Unter zehn Flaggen« erschien der traditionseifrigen Firma so »bedeutend«, daß sie sich erneut dem Kriegsfilmgeschäft widmete. Der Entschluß, den Film ins Verleihprogramm zu übernehmen, mochte den Ufa-Leuten um so leichter gefallen sein, als sie in dem Helden des maritimen Lichtspiels vorteilhafte Charakterzüge entdeckten. »Der Kommandant«, so fanden sie, »ist ein Ehrenmann, der Krieg führen will, ohne Blut zu vergießen.«

Bei dem Ehrenmann handelt es sich um Kapitän zur See Bernhard Rogge, heute Konteradmiral der Bundeswehr, Befehlshaber des Wehrbereichs I und Neusiedler in Kampen. Rogge selbst hat die Vorlage zu dem Kriegsopus geliefert. In seinem Seekriegsbuch »Schiff 16« schildert er die Unternehmungen der von ihm befehligten »Atlantis«, die im März 1940 zum Kaperkrieg in den Indischen Ozean ausgelaufen war. Als der Hilfskreuzer am 22. November 1941 im Südatlantik von dem britischen Kreuzer »Devonshire« versenkt wurde, hatte Rogge 22 Schiffe mit insgesamt 146 000 BRT vernichtet oder erbeutet. Adolf Hitler bedachte ihn dafür mit dem Eichenlaub.

Rogges Kaperfahrt schien dem italienischen Monumentalflim-Fabrikanten Dino De Laurentiis ("Krieg und Frieden") einen Großfilm wert. Um die Rollen wirklichkeitsnah zu besetzen, verpflichtete er renommierte Darsteller aus fünf Ländern, so den Engländer Charles Laughton als englischen Admiral, die Französin Mylene Demongeot als französische Tänzerin, den Italiener Folco Lulli als südamerikanischen Seemann, den deutschen »08/15«-Komiker Peter Carsten als »Atlantis«-Offizier. Für die Rolle Rogges engagierte er den Amerikaner Van Heflin, der über eigene See-Erfahrungen verfügt: Er hatte es Anfang der dreißiger Jahre in der christlichen Seefahrt bis zum Dritten Maat gebracht.

Das Ergebnis der aufwendigen Bemühungen (Kosten des Films: 2,5 Millionen Dollar) beurteilte »Die Welt« so: »Eine hanebüchene Mischung von Sex, Blut, Krieg, fröhlicher Seefahrt und treudeutschem Edelmut.«

In der Tat hat De Laurentiis die Fahrt der »Atlantis« mit Zutaten aufbereitet, die das kriegerische Unternehmen als ritterlichen Sport und erfrischendes Abenteuer erscheinen lassen. Zu diesen Beigaben zählt eine französische Tänzerin, die der »Atlantis« so rechtzeitig zur Beute fällt, daß sie fast den ganzen Film hindurch - oft nur mit dem Zensurminimum bekleidet - vor den Seehelden promenieren kann. Die Filmleute versagten sich auch nicht, die chevalereske Liebenswürdigkeit der deutschen Offiziere auszumalen. Die besondere Fürsorglichkeit der Seekavaliere gilt einer schwangeren Jüdin.

Das italienische Filmauswahl-Komitee erachtete das solcherart mit Feingefühl hergerichtete Seekriegsabenteuer als würdigen Festspielbeitrag für die Berlinale. Die Italiener meinten offenbar, daß ein Film, der den militärischen Tugenden des Festspiel-Gastlandes schmeichelt, des Anklangs gewiß sein dürfe.

Bundes-Seemann Rogge fand den Film zwar »fair, sauber und spannend«, doch die Berlinale-Kritiker verrissen das Werk nahezu einmütig. »Italien muß von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als es den Film zu den Festspielen anmeldete«, höhnte der Berliner »Tagesspiegel«. Rezensent Hebecker entsetzte sich: »Das Schicksal von jüdischen Flüchtlingen wird ohne Scham mit den Schenkeln der Mylène Demongeot vermischt.« Das »Film -Telegramm« stellte fest: »Ein Reklame - Streifen für die Deutsche Kriegsmarine.« Und selbst das »Hamburger Abendblatt« argwöhnte anzüglich, »Unter zehn Flaggen"' sei von der Bundesmarine in Auftrag gegeben worden.

Besonders ereiferten sich die Kritiker über eine Szene, die

als Anspielung auf die Nato-Karriere Rogges verstanden werden kann. Inmitten bedrohlichen Kampfgetümmels beschwört ein gefangengenommener feindlicher Kapitän den deutschen Kommandanten: »Retten Sie sich, Kapitän Rogge! Solche Männer wie Sie brauchen wir nach dem Krieg!«

Rogge-Darsteller Van Heflin, Kaperkrieger Rogge: »Retten Sie sich, Kapitän!«

Sex-Star Mylène Demongeot in »Unter zehn Flaggen": Juden an Bord

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