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»Alle sind gut drauf«

aus DER SPIEGEL 2/1995

Einen »medienpolitischen Urknall« versprach sich die CDU vom Start des Kommerzfunks Mitte der achtziger Jahre. Tatsächlich begann damals der Abstieg des deutschen Radios ins Neandertal der Sprachlosigkeit.

»Wir labern nicht grundlos«, so hieß die flotte Devise der ersten landesweiten deutschen Privatstation: Radio Schleswig-Holstein (RSH) kündigte 1986 ein »lebensbejahendes, gutgelauntes« Rock- und Pop-Programm an, für Hörer zwischen 15 und 45. Vergnügungssüchtige Senioren mit Neigungen zu Egerländer Musikanten fanden keinen Pflegeplatz auf RSH.

Der neue Sender florierte rasch. Massenhaft entfloh dem öffentlichrechtlichen NDR die Kundschaft. In den Hamburger Anstaltsbüros hockte verdrießlich die Hörfunkbelegschaft, verfluchte den Nord-Ostsee-Kanal und träumte von den glorreichen Zeiten, als der Rundfunk noch ein Buntfunk war, mit Hörspiel und »Kulturellem Wort«, Oper und Jazz.

Schon bald aber debattierten die Programmstrategen über Abwehrmittel gegen die Plagegeister der neuen Konkurrenz. Das Quoten-Heil erhofften auch sie sich nun vom »easy listening« - poppigen Klangfluten, dargeboten von ewig blödelnden Moderatoren.

Der quirlige Kommerz rüstete derweil mächtig auf. 270 Privatsender, meist im Besitz von Medienkonzernen und Zeitungsverlagen, berieseln inzwischen die Republik. Die ARD hält mit insgesamt 51 Hörfunkprogrammen dagegen. Massenkanäle indes sind allein die populären Musik- und Small-talk-Wellen wie NDR 2 und Bayern 3. Das kulturelle Wort darbt nur noch geduldet in Äther-Reservaten wie Bremen 2, NDR 4 oder Hessen 2.

Das Zauberwort des modernen Rundfunks heißt »Formatradio« - Spartensender mit einem durchgängig gestylten Programm und nur einer Musikfarbe, die auf eine Zielgruppe zugeschnitten ist. Die Hit-Wünsche dieser Klientel werden in Umfragen von Marktforschern ermittelt und im Planungscomputer gespeichert. Die Elektronik bestimmt den Abspielzyklus der einzelnen Titel und sorgt dafür, daß die Hörer-Lieblinge gleichmäßig über den Sendetag verteilt werden. Nach diesem Muster funkt beispielsweise der Hamburger »Fun-Sender« OK Radio (Motto: »Hier sind alle gut drauf"), der jugendliche Rap- und Technofreaks beglückt.

Im Drang, abgewanderte Junghörer zurückzugewinnen, setzt auch die ARD zunehmend auf solche computergesteuerten Demoskopie-Programme. So hat der NDR kürzlich das N-Joy Radio gegründet, für Teenies zwischen 14 und 19. ORB und SFB betreiben gemeinsam das Jugendformat »Fritz«; der Mitteldeutsche Rundfunk hegt auf dem Kids-Kanal »Sputnik« den »kantigen Rock-Sound«.

Den »Rausschmiß der Wörter und Gedanken« aus dem Radio hat der Schriftsteller Jurek Becker, 57, jüngst bei den Münchner Medientagen beklagt. Beckers für den SPIEGEL bearbeiteter Vortrag erinnert an ein literarisches Motiv aus seinem ersten Roman »Jakob der Lügner« (1969): Der Held der Geschichte, der polnische Jude Jakob Heym, tröstete seine Leidensgefährten im Ghetto während des Zweiten Weltkriegs mit angeblichen Radio-Meldungen über den Vormarsch der Sowjets. Heyms Radio allerdings gab es gar nicht, die Nachrichten entsprangen nur seiner Phantasie.

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