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BÜCHER Alle sind wir, niemand ist ich

Cora Stephan über Michael Rutschky: »Wartezeit. Ein Sittenbild« Cora Stephan, 32, ist promovierte Politologin und ständige Mitarbeiterin der Sponti-Zeitschrift »Pflasterstrand«. - Der Publizist Michael Rutschky, 40, war zuletzt Redakteur der Zeitschrift »Transatlantik«. *
Von Cora Stephan
aus DER SPIEGEL 11/1984

Da sind Sie aber zu bewundern, daß Sie das durchgehalten haben! 242 Seiten Rutschky lesen - alle Achtung, das nenne ich Probehandeln für den Verteidigungsfall. Ich meine, stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen im Bunker, haben den Simmel vergessen und da liegt nur ein Buch: »Wartezeit. Ein Sittenbild« - der Schrecken könnte keinen passenderen Ausdruck haben ...

Heute, hatte Rutschky gesagt, hat die Wartezeit jeden Augenblick besetzt. Selbst die Arbeit, hatte Rutschky gesagt (das heißt geschrieben, was von Oktober 1980 bis zum Februar 1983 gedauert haben soll, wobei der Zeitraum auf Arbeit schließen läßt), selbst die Arbeit also, hatte Rutschky gesagt, liegt nicht mehr als Betäubungsmittel parat. Aber, hatte Rutschky ein paar Seiten später gesagt, das Schauen also während des Wartens beendet, hatte Rutschky gesagt, wenn das Angeschaute das Warten vollkommen formuliert, das Warten selbst.

»Blödes Schwein!« brüllst du in deinem Arbeitszimmer, weil du plötzlich dich furchtbar hast ärgern müssen: Ohne auf den Leser zu achten, sei hier wieder ein furchtbar schlechtes Buch auf den Markt geworfen worden. Noch zweihundert Seiten müssest du aushalten. Aber du brauchest das Buch gar nicht zu lesen, du habest schon in der Karl-Marx-Buchhandlung gesehen, daß es darin nicht speziell um Sexualität der Männer in der Bundesrepublik gehe. Aber du willst nicht ablenken von der Hauptperson, von Rutschky: Ein Drittel seines neuesten Buches werdest du vielleicht verstehen - wie du dich stets überanstrengt habest, ihm das Verständnis und die Bewunderung seiner Bücher zu demonstrieren!

Hast du natürlich nicht. Du würdest dir nie anmaßen, beurteilen zu wollen, in welchem Ausmaß Rutschkys Bücher für ihren Autor Verständnis und Bewunderung hegen. Du erträgst nur gequält diese ungemein dynamischen kleinen Einschübe »hatte XY gesagt«, die banalen Sätzen Bedeutungsschwere verleihen, die erbarmungslosen Konjunktivierungen, das ganze verquaste Gemurmel, und wärest unendlich dankbar, würde man dir Höhepunkte der Stilbildung ersparen wie die »glänzenden Augen«, die ein »Mißlingen darstellen«.

Also gut. Sie werden mittlerweile gemerkt haben, daß Ihnen soeben nur ein Bruchteil des wunderbaren Stilpotentials zuteil wurde, das Rutschkys Buch für Sie bereithält. So fange keine richtige Buchrezension an? Da mögen Sie recht haben. Bedenken Sie jedoch folgendes Dilemma: Ein Autor teilt in einem Buch mit, daß nichts mitzuteilen sei. Wie aber ist etwas mitzuteilen über ein Buch, das die Mitteilungsverweigerung mitteilt, ohne daß sich der mitteilende Rezensent dem Vorwurf aussetzt, er habe die zentrale message nicht verstanden?

Sehen Sie! Das spricht doch heute für ein Buch, wenn es den Leser zwingt, seinen Kommentar ausführlicher werden zu lassen als: »Wichtigtuerisches Intellektuellengeraune! Und noch nicht einmal gut geschrieben!«

Versuchen wir es also. »Michael Rutschky, durch den Essay 'Erfahrungshunger' als scharfsinniger Diagnostiker der siebziger Jahre bekannt geworden, macht sich in 'Wartezeit' erneut zum 'Ethnologen', der die Symptomatik unserer Kultur, diesmal des Zustands der beginnenden achtziger Jahre, im Detail erfaßt. In den Stücken des vorliegenden Bandes reflektiert er mit ironischer Brillanz die Situation des Wartens, der ziellosen Suche nach Evidenz in einem durch keine Überzeugungen mehr zusammengehaltenen Alltag.«

Mein Alltag ist noch stets durch die Überzeugung zusammengehalten, daß solche Klappentexte, Etikettenschwindel, selbsternannte Chronisten und symptomatische Ethnologen gegeißelt gehören. Und doch: »Wartezeit« meint es ernst mit dem Symptomatischen. Die Hypothese lautet, daß »intensive, innehaltende Selbstbeobachtung« womöglich die einzige Instanz sei, »vor der noch Evidenzen aufgehen mögen«. Doch: »Ob wir es aushalten, daß solche in Selbstbeobachtung gewonnenen Evidenzen nicht ohne weiteres verallgemeinerungsfähig sind, daß sie vielleicht nur in einem Selbstgespräch begründet werden können ...«

Wie Rutschky unser Aushaltevermögen testen will, sei an einem Beispiel demonstriert, sagen wir, der Sittengeschichte des Nasepopelns. M., Kind der achtziger Jahre, weiß nichts über das Symptomatische des Nasepopelns, weil er noch nicht einmal merkt, daß er es tut. Daß er das nicht merken muß, ist eine Errungenschaft der historischen Kämpfe meiner Generation. Wir haben 1968ff. das Recht auf ungehemmtes Nasepopeln durchgesetzt, theoretisch abgeleitet als subversive Regelverletzung im niedergehenden Spätimperialismus.

Die praktische Exekution fiel uns dennoch schwer, bis wir in den Siebzigern die Lust am Körper entdeckten. Nasepopeln hatte Spaß zu machen. Die verordnete Spontaneität war natürlich auch wieder ein Zwang, was wir dann mit der Jugendkultur der Achtziger schnallten: Lust ist genauso dada wie Jeans und Parkas. Schon faszinierte uns das subversive Element in der rückhaltlosen Bejahung von Neon und Plastik. Diese ungeheure Kritik, die in diesem Hang zum Cleanen, Kalten, Sezieren steckt!

Heute bohren wir nur noch aufgeklärt in der Nase, mit Rutschky: »... die Stelle ist rauh und bietet dem Fingernagel eine indifferente Anzahl von Ansatzpunkten, Stoppeln gleichsam. Er muß die Indifferenz beseitigen, die Stoppeln verstärken, indem er sie sozusagen noch tiefer aus dem Grund zupft. Das geschieht in einem raschen Auf- und Niederfahren ... dessen Ergebnis schließlich in einer Art Kerbe besteht.« Nun »sucht der Fingernagel die Kerbe zu einer Falte auszuarbeiten, unter die er seine äußere Kante zu schieben vermöchte. Was er hier abzuheben wünscht, ist ... ein Ausriß oder Fetzen ... Zeigefinger und Daumen mögen den Ausriß zu einem Kügelchen rollen, das fortgeworfen sogar ein leichtes Geräusch erzeugen mag ...«

Vollkrass. Das ist echte Ratgeber-Literatur, denn unser Jugendlicher würde

sich nach fünfmaligem Vorlesen dieses Kapitels »Die notwendige Arbeit« (Seiten 23 bis 37) erschüttert des Nasepopelns fürderhin enthalten - so eklig wirkt diese Vorgangsbeschreibung, weil sie sich jeder Lust und jeden Ekels enthält.

Das also ist der Zustand der Achtziger, der hier seinen adäquaten Ausdruck hat: Daß die kalte Distanz so eklig ist, das ist es ja gerade! Man muß den Schrecken vorführen, indem man ihn sprechen läßt.

Sie sagen, das sei langweilig? Daß die Langeweile so langweilig ist, das ist es ja gerade! Würde die Langeweile nicht langweilig beschrieben, wäre sie ja für kurze Zeit suspendiert, was aber nicht geht, da sie ja ein Symptom unserer Zeit ist.

Sie beklagen sich, daß nach Herrn Rutschky auch ich noch Ihre Zeit stehle? Das ist es ja! Wie kann ich Ihnen Zeit stehlen, so Sie doch mehr als genug davon haben und noch nicht mal etwas Sinnvolles damit anfangen können! Na sehen Sie. Das Buch »Wartezeit«, unter dem Namen »Michael Rutschky« erschienen, ist rundum geglückt. Auf jeden Einwand findet sich hier irgend eine Antwort.

Jetzt fragen Sie mich bitte, warum ich Sie dennoch mit einem Buch belästige, über das man ebensogut schweigen könnte. Danke. Antwort: Weil ich es symptomatisch finde.

Das Buch ist eine perfekte Falle. Ein Endzeitbuch. Es funktioniert nach dem Prinzip: Sie finden meinen Stil schrecklich? Nun - es ist der wirkliche Schrecken, der hier lediglich seinen Ausdruck gefunden hat. Anders gesagt: Wir stellen eine These auf, und die Ausführung ist ihr Beweis. So Michael Rutschky: 's herrscht Wartezeit, behauptet er, und so kritisch das auch gemeint sein mag - er beweist es ja.

Was soll schon sein? Nix ist. Das paßt in die herrschende Bombenstimmung. Da wird keine Pershing in ihrem gemütlichen Bunker gelassen, sie werden uns vielmehr so richtig ins Herz gepflanzt. Bei mir jedenfalls treffen sie dort auf den warmen Wunsch, sie möchten doch endlich ein Ende machen mit dieser endzeitlichen Literatur, mit diesem Platzkonzert im Abgestorbensein. Wenn die antizipierte Apokalypse dazu führt, daß sich niemand mit dem Leben (wozu auch die Literatur gehört) mehr Mühe gibt, dann komme sie lieber früher denn später.

Oder liegt sie vielleicht schon hinter uns? Hat die Versaftung schon stattgefunden, sind all die kleinen Ichs schon ausgelöscht? Daß es sich bei »Wartezeit« um Nachendzeitliteratur handeln könnte, legt der entscheidende Kunstgriff in diesem Buch nahe: die Unterscheidung zwischen Autor, Erzähler und Held. Das geschickteste Kapitel des Buchs ist der Fiktion des Authentischen im Medium Fernsehen gewidmet. Der Autor läßt den Erzähler einem Du zustimmen (man bedenke die Konstruktion), das die These aufstellt: Der Zivilisationsprozeß erheische für seine Fortsetzung immer mehr Menschen, die sich auskennen in den Problemen, die entstehen, wenn man 'ich' oder gar 'ich selbst' sage.

Wohl wahr. Vielleicht sind solche literarischen Selbstbegräbnisse doch immerhin ehrlicher als die 2495. authentische Lebensbeichte »Ich war ein 68er«. Womöglich war das »Ich« in der Selbstbespiegelungsliteratur der siebziger Jahre noch verlogener als die vorausgegangene Einbettung des Individuums in den allgemeinen Unterdrückungszusammenhang.

Rutschky hingegen kennt sich in der Problematisierung des Ichsagens so supergut aus, daß sich sein »Sittenbild« schon gar nicht mehr kritisieren läßt: Was weiß ich, ob ich nicht dem Autor eine Meinung unterstelle, die womöglich die eines Erzählers oder eines Helden ist? Michael Rutschky ist nicht zu fassen.

Natürlich ist das Werk nicht die Emanation des Lebensstils eines Autors. Sicher kann man sich verwahren gegen den Anspruch des »totalen Lebens«, in allen Lebensäußerungen »identisch« zu sein. Doch wo es keinen Urheber mehr gibt, da ist auch persönliche Verantwortung, sind Meinungen, Haltungen, ist das Recht auf Fehler suspendiert: perfekte Konfliktvermeidung durch ersatzlose Streichung des Auseinandersetzung provozierenden Ich. Das reicht von »In diesem unserem Lande« über »Kampf

dem Personenkult« bis »Vor der Bombe sind alle gleich«. Eine Pazifizierung, die den Übergang vom Nahkampf zum Flächenbombardement spiegelt.

Die praktische Nutzanwendung: Es muß uns niemand mehr böse sein, wenn er, Sie oder du sowohl das Buch von Herrn Rutschky als auch meine Rezension für mißlungen halten. Denn in Wirklichkeit ist es doch »es«, der Zeitgeist, der aus uns spricht, und wir sind eigentlich gar nicht da. Niemand muß mehr was persönlich nehmen, alles bleibt schön friedlich, keiner meint es schlecht. Wir. In trauter Unterschiedslosigkeit. Frieden auf Erden. Das gefällt mir nicht.

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