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Schach Alle verrückt

Größenwahn oder Nerventerror, der zum Sieg führt -- das war die Frage bei dem Auftakt zur Schachweltmeisterschaft zwischen Fischer und Spasski in Reykjavik.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Unverhofft schob Herausforderer Bobby Fischer, 29, den Läufer über die ganze Diagonale -- Läufer d 6 schlägt Bauer h 2. Es war der 29. Zug. Der Bauer war ungedeckt.

Sekundenlang, so will ein Zuschauer durchs Opernglas gesehen haben, huschte da ein Ausdruck »ungläubigen Erstauflens« über das Gesicht des Gegners: Boris Spasski, 35, konnte es nicht fassen, daß sein Kontrahent in die Falle tappte -- denn der Bauer war »vergiftet«. Fischer verlor den Läufer und die Partie.

Schachjargon und die geheimnisvollen Brettspiel-Kürzel füllten letzte Woche nicht nur die Sport-, sondern gar die Frontseiten der internationalen Presse. Zug um Zug telegraphierte die (einzig autorisierte) Nachrichtenagentur AP das erste Spiel zwischen Spasski und Fischer um die Welt.

Von Moskau bis New York, überall simulierten und analysierten Schachfreunde die Eröffnungspartie von Reykjavik, wo sich die Exzentriker zum großen Showdown endlich zusammengefunden hatten. Endlos quälten sich die Experten mit der Frage, ob Fischer im Ansturm auf die russische Schachfestung, mit jenem fragwürdigen 29. Zug dem bis dahin glanzlosen Spiel hatte »Leben einhauchen«, ob er den Gegner wohlüberlegt aus der Reserve hatte locken wollen -- oder ob der große Bobby einfach einen Fehler gemacht hatte.

»Blutdürstig«, mutmaßte die »New York Times«, werde er anderntags, nach dem verlorenen ersten Spiel, ans Brett zurückkehren. Doch daraus wurde nichts. »Ganz Deutschland spielte Schach«, meldete »Bild«, »nur Bobby nicht.« Aus Ärger über Kameras, die ihm zu laut surrten, war Fischer dem zweiten Spiel ferngeblieben.

Eine Stunde tickte die Kontrolluhr, während Spasski allein am Brett saß. Dann befand, regelgemäß. Schiedsrichter (und Karl-May-Verleger) Lothar Schmid aus Bamberg: Das Spiel gilt für Bobby als verloren -- 2:0 für den Russen.

Für Sonntag war das nächste Treffen anberaumt. Doch Ende letzter Woche rätselte die Schachwelt noch, ob Bobby Fischer, der »Schachspieler mit Killerinstinkt«, wie AP-Korrespondent Stephens Broening ihn nannte, das Jahrhundert-Match wohl fortsetzen werde: War alles nur Poker -- oder war der Herausforderer schon ausgeflippt?

Die Nerven, nicht nur seines Gegners, hatte Fischer, in der Sowjet-Union vielleicht »noch bekannter als der Pianist Van Cliburn« (so das US-Magazin »Harper's«), schon im vorhinein fast bis zur Sollbruchstelle strapaziert.

Tag um Tag hatte er seine Ankunft in Reykjavik hinausgezögert -- bis dem Londoner Bankmillionär und Schach-Fan James Slater der Faden riß: »Geld ist das Problem? Komm raus, Feigling -- hier ist es.« Mit Slaters Zugabe von 125.000 Dollar wurde die Börse verdoppelt, auf 250.000 Dollar -- zwanzigmal so hoch wie je zuvor in der Schachgeschichte.

»Wie Ikarus«, schrieb die »Sunday Times«, würde nun wohl der Cassius Clay der Schachwelt »vom Himmel fallen« oder »als König der Dämonen aus einem Schwefelschlund emporsteigen« -- wenn er noch käme.

Er kam, nicht ohne daß gleichzeitig sein Dreh- und Wippstuhl (eine Charles-Eames-Schöpfung), ein Mercedes mit Chauffeur und etliche Dutzend Reserve-Schachbretter eingeflogen wurden. Denn der Schachtisch mit eingelegten schwarzen und weißen Marmorfeldern hatte schon den Unmut der Champions erregt: Die Felder waren zuerst nicht ganz blendfrei (das gab sich nach einer Säurebehandlung), dann je neun Millimeter größer als normal -- »als wenn ein Pianist ein wenig breitere Tasten vorfände als sonst«, erläuterte der amerikanische Schach- und Musikkritiker Harold C. Schonberg.

Bei der üblichen Auslosung, wer im Eröffnungsspiel Weiß zöge, erschien Bobby dann wieder nicht, er schickte einen Vertreter.

Grimm ward da Spasski, der Herausgeforderte. Er verließ den Saal und forderte Genugtuung; der Amerikaner müsse sich entschuldigen.

Und wie das Eichhörnchen der nordischen Mythologie, das in der Weltesche Yggdrasil zwischen Wipfel und Wurzeln hin und her saust, um die Beschimpfungen titanischer Mächte zu überbringen, sah sich nun Oberschiedsrichter und Schachverbandspräsident Max Euwe ratlos: »Ich verstehe nichts mehr -- wenn Spasski hier ist« kommt Fischer nicht« und sobald Fischer kommt, rennt Spasski davon.«

Fischer, die Primadonna, war auf einmal bereit, sich zu entschuldigen -- auf eigene Art. Morgens um vier erschien er im abgedunkelten Saga-Hotel, wo sein Kontrahent abgestiegen war. »Ich möchte Boris Spasski sprechen«, raunzte er den Portier an, und als der sich weigerte, den Russen zu wecken, schlich der Großmeister auf Zehenspitzen in dessen Zimmer, um den mit Anwaltshilfe formulierten Entschuldigungsbrief neben dem Schlafenden auf dem Nachttisch zu deponieren. Fischer was here.

Einen »kollektiven Seufzer der Erleichterung« vernahm die »International Herald Tribune« aus dem Publikum, als die beiden Schachriesen am Dienstag nachmittag schließlich antraten.

»Sorry«, sagte Fischer anderntags, als das erste Spiel verloren war, zu seinem alten Lehrmeister John Collins, der (weil gelähmt) samt Rollstuhl nach Reykjavik gekommen war. »Sorry, aber das gibt sich.«

Nichts gab sich. Am nächsten Tag fuchste Bobby nicht nur seinen Gegner und die Veranstalter, sondern »die ganze Schachwelt« (so der frühere britische Schachmeister Harry Golombek), als er zum Terror zurückkehrte -- zur großen Verweigerung.

Verborgen hinter Wänden oder 50 Meter weit weg, unsichtbar und -- eilends veranstalteten Tests zufolge -auch unhörbar waren die Kameras aufgebaut, für deren (Exklusiv-)Zulassung die US-Firma Chess Network Inc. viele tausend Dollar gezahlt hatte und deren Verschwinden Bobby nun forderte.

Zwei Viertelstunden tickte die Uhr im zweiten Spiel, dem Match ohne Partner, dann war Chester Fox, Chef des Chess Network, weich. »Nur für dies eine Spiel« könnten die Kameras schließlich auch wegbleiben. Aber der Champion blieb unversöhnt. Die Uhr müsse auf Null zurück. Schiedsrichter Schmid lehnte ab. Fischer auch.

Schach, hatte der Big Shot aus Amerika einmal gesagt, sei »eine Kombination von Kunst und Wissenschaft«. Das königliche Spiel folge stets gewissen Grundprinzipien, »ehernen Gesetzen« -soweit Wissenschaft. Und wenn der Gegner einen Fehler mache, »dann zieht man daraus seinen Vorteil, auf artistische Weise« -- soweit Kunst.

Doch die in Reykjavik Versammelten sahen es anders, so beispielsweise Bill Wheeler, 29, Computer-Operator und Schachmeister aus Corpus Christi im US-Staat Texas. Er hatte seinen Job aufgegeben, die Ersparnisse eines Jahres genommen und davon die Flugkarte nach Reykjavik gekauft.

Als er am Ziel und drei Tage dabei war, dämmerte es ihm. »Schachspieler«, sagte Bill Wheeler, »sind alle verrückt.«

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