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FILM »Alles dreht sich um Woody«

Die US-Dokumentarfilmerin Barbara Kopple über ihr Woody-Allen-Porträt »Wild Man Blues«, das von dieser Woche an in deutschen Kinos zu sehen ist
aus DER SPIEGEL 25/1998

SPIEGEL: Frau Kopple, Sie haben zwei Oscars gewonnen für große sozialkritische Dokumentationen über die US-Arbeiterklasse, »Harlan County, USA« und »American Dream«. Was brachte Sie dazu, jetzt einen Film über eine Konzerttournee Woody Allens zu machen?

Kopple: Ich krieche Leuten gerne unter die Haut. Meine Filme sollen hinter die Schutzwälle schauen, die jemand normalerweise um sich herum errichtet. Und da war Woody Allen eine besondere Herausforderung. Niemand hatte je einen Dokumentarfilm über ihn gedreht, kaum jemand kennt den privaten Woody, schon gar nicht in seiner Beziehung mit Soon-Yi.

SPIEGEL: Muß die Welt diesen Privatmann denn kennenlernen?

Kopple: Ich denke schon. Schließlich hat Allen als Regisseur, Autor und Schauspieler großen Einfluß auf die amerikanische Kultur der letzten Jahrzehnte gehabt. Ich jedenfalls finde seine Filme großartig, und darum war ich hingerissen von der Gelegenheit, ihn 1996 mehr als drei Wochen lang jeweils 16 bis 18 Stunden am Tag mit der Kamera zu beobachten: im Konzert, beim Frühstück, im Schwimmbad, sogar krank im Bett mit Soon-Yi, die ihn umsorgt. Das war eine Chance, die ich mir nie und nimmer entgehen lassen konnte.

SPIEGEL: »Wild Man Blues« zeigt Allen nicht in seiner vertrauten New Yorker Umgebung, sondern unterwegs in Europa, häufig in luxuriösen Hotelzimmern, in denen er sich vor seinen Fans verkriecht. Vermittelt das ein akkurates Bild von seinem Leben?

Kopple: Es gibt einen Eindruck von Allen zur Zeit der Tournee. Er mußte dauernd fremden Leuten begegnen und in ungewohnten Umgebungen leben. Dadurch war er sehr viel verletzlicher, weil er die Lage nicht beherrschen konnte.

SPIEGEL: Der Woody Allen in »Wild Man Blues« ähnelt stark den Figuren seiner eigenen Filme: Er reißt ständig Witze, wird seekrank beim Gondelfahren, ist griesgrämig, neurotisch und hat Angst davor, seine Wäsche in Italien paniert vom Zimmerservice wiederzubekommen. Hatten Sie je das Gefühl, daß Woody Allen sozusagen für Ihre Kamera Woody Allen spielte?

Kopple: Eigentlich nicht. Das hält niemand durch, und außerdem glaube ich nicht, daß er sich die Mühe machen würde.

SPIEGEL: Die ungewöhnlichsten Szenen Ihres Films zeigen Allen dabei, wie er völlig entrückt seine Klarinette bläst und später erklärt, das Spielen sei für ihn »ein Bad in Honig«. Wie wichtig war Ihnen die Musik?

Kopple: Mir gar nicht, ihm vermutlich sehr. Ich wollte auf keinen Fall einen Konzertfilm drehen, sondern ein Porträt. Aber Woody sieht sich als Musiker, fast schon als Kreuzzügler für den New-Orleans-Jazz.

SPIEGEL: »Wild Man Blues« war nicht Ihre Idee, sondern wurde Ihnen von Allen angeboten. Warum wollte sich ein ansonsten so auf seine Privatsphäre versessener Mensch dem Streß einer solchen Dauerbeobachtung aussetzen?

Kopple: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht dachte er: Was kann schon so schlimm daran sein, wenn mich Barbara während der Tournee filmt? Er wußte ja nicht, daß meine Crew und ich ihm ständig auf den Fersen sein würden. Wir hatten nicht abgesprochen, wie ich den Film drehen würde. Ich hatte totalen Zugang zu seinem Leben.

SPIEGEL: Kannten Sie Allen vor der Tour?

Kopple: Nein, es gab ein einziges Vorbereitungstreffen, ungefähr eine halbe Stunde, und da habe ich Woody nur gefragt, ob er sich auf die Europareise freue. Er sagte: Nein. Er hätte nie gedacht, daß sie wirklich zustande komme, und er wolle nicht aus New York weg. Ihm war hundeelend.

SPIEGEL: Trotzdem wirkt es seltsam, daß Allen einen solchen Film in Auftrag gegeben und von seiner eigenen Produzentin hat ausführen lassen. Steckte da vielleicht die Absicht dahinter, seine heftig umstrittene Beziehung mit Soon-Yi, der Adoptivtochter seiner Ex-Lebensgefährtin Mia Farrow, vor der Welt in ein besseres Licht zu rücken?

Kopple: Ich glaube nicht, daß Woody Allen so tickt. Die Meinung der Öffentlichkeit interessiert ihn einfach nicht. Er lebt in einer Welt, in der er tun und lassen kann, was immer er will. Er muß nie um irgend etwas kämpfen. Wenn Woody es sich in den Kopf setzt, mit seiner Band auf Tournee zu gehen, dann kann er problemlos die Konzerthallen buchen, von denen andere Jazz-Orchester nur träumen können. In seinem eigenen Kosmos ist er praktisch allmächtig.

SPIEGEL: Mögen Sie ihn, nachdem Sie soviel Zeit mit ihm verbracht haben?

Kopple: Ja, er steckt so voller Witz und Überraschungen, daß ich häufig vor Lachen kaum noch mein Tongerät halten konnte. Außerdem habe ich ihn als sehr zuverlässig erlebt. Was er verspricht, das hält er. Und er ist erstaunlich bescheiden. Er putzt sich häufig selbst herunter, macht Scherze auf seine eigenen Kosten.

SPIEGEL: Halten Sie ihn auch für gütig?

Kopple: Nein, das ist er nicht. Alles dreht sich um Woody. Er ist äußerst intelligent, und auch wenn er nach außen nahezu lebensuntüchtig wirkt, so ist er eigentlich knallhart. Wenn Woody Allen die Kontrolle übernimmt, besteht nicht der geringste Zweifel daran, daß er der Boß ist. Auf der Tournee hat er jeden Abend die einzelnen Nummern angesagt - die Band wußte nicht mal, was sie als nächstes spielen würde.

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