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CRONIN Alles eigenes Erlebnis

aus DER SPIEGEL 15/1952

Archibald Joseph Cronin, der schriftstellernde schottische Arzt, Verfasser von so beachtlichen Bestsellern wie »Die Zitadelle« und »Die Schlüssel zum Königreich«, hat sein Publikum wieder mit einer Novität überrascht. In einer Autobiographie mit dem anspruchsvollen Titel »Abenteuer in zwei Welten"*) erzählt er jetzt sein Leben nicht in der üblichen Art eines Rückblicks, sondern in der Form von Kurzgeschichten, mit einem Bekenntnis zur Religiosität als Nachwort.

Die Novelle als Kunstform liegt Cronin, der heute - im Alter von 55 - zum »blassen, aber legitimen Erben der viktorianischen Geschichten-Erzähler« abgestempelt ist, obwohl ihn voreilige Kritiker einst mit Charles Dickens verglichen. Aber Cronin versteht sich auf sein Metier und sein Publikum, das sich in erster Linie aus den Lesern gepflegter Unterhaltungszeitschriften auf beiden Seiten des Atlantik zusammensetzt.

Auf sie berechnet, ist jede Kurzgeschichte in dem neuen Band gut konstruiert, mit der rechten Mischung von Witz, Pathos und Moral geschrieben, gescheit pointiert, erbaulich, mit vielen vertrauten Klischees geschmückt. »Alles eigenes Erlebnis«, versichert Cronin.

Aber diese Form, so wirkungsvoll sie zuerst erscheint, hat schwere Nachteile: Ein Menschenleben besteht nicht aus Kurzgeschichten. Selbst die wohlwollendsten Kritiker, die Cronin Ehrlichkeit attestieren, bedauern im gleichen Atem, daß diese literarisch zugespitzte Form den dokumentarischen Wert des Buches herabsetzt.

Schriftsteller Cronin, ein hochgewachseher, breitschultriger Mann mit dem Gesicht eines »überdimensionalen Schuljungen«, der statt seiner klingenden Vornamen nur die Initialen A.J. verwendet, erzählt von dem mittellosen Studenten der Medizin, der sich durch die Universität Glasgow hungerte, eine Prüfung nach der anderen glänzend bestand, seine Lehrjahre in einem einsamen Tal des schottischen Hochlands und in dem düsteren Bergwerkgebiet von Wales verbrachte, dann nach London übersiedelte und sich dort, von Skrupeln unbeschwert, durch einen glücklichen Zufall eine blendende Praxis aufbauen konnte.

Nachdem er Zugang zur reichen Gesellschaft gefunden hatte, »erfand ich sogar eine neue Krankheit für sie, die Asthenie. Das Wort, das nicht mehr als Schwäche bedeutet, wurde eine Art Talisman«.

Cronin: »Nachdem ich eine Krankheit geschaffen hatte, war es wesentlich, ein Heilmittel zu finden.« Er ersann eine harmlose Injektion, »und immer wieder stach meine scharfe, glitzernde Nadel in hochelegante Gesäße, entblößt auf feinstem Leinenlaken. Ich wurde Fachmann, ich wurde großartig in der Kunst, in das schlechteste Ende der besten Gesellschaft einzudringen.

»Das Ergebnis dieses komplexen Vorgangs von Hokuspokus - und ich war, das kann ich Ihnen versichern, zu dieser Zeit ein großer Schuft, allerdings vielleicht nicht schlimmer als viele meiner Kollegen - war überraschend, oft erstaunlich erfolgreich. Asthenie gab diesen gelangweilten, müßigen Frauen ein neues Interesse.«

Mit solchen Kuren verdiente der Arzt Cronin sich ein Vermögen. Dann zwang ein Magengeschwür plötzlich den 34jährigen, eine lange Erholungspause einzulegen. Einer alten Neigung folgend, beschloß Cronin, sich als Schriftsteller zu versuchen.

*) A. J. Cronin: »Adventures in two Worlds«, Verlag Gollancz, London, 16 sh. Die Aerzteschaft hat in den letzten Jahrzehnten viele gute Schriftsteller und Dichter gestellt; Carossa und Gottfried Benn in Deutschland, Duhamel in Frankreich, Somerset Maugham in England. Was den Publikumserfolg betrifft, schien der Schotte Cronin es weiter zu bringen als sie alle. Innerhalb von drei Monaten hatte er seinen »Hutmacher und sein Schloß« geschrieben, der mit einer Gesamtauflage von 3 Millionen und Uebersetzungen in 22 Sprachen ein Welterfolg sondergleichen wurde. Diesem Bestseller sind unterdessen acht weitere Romane und ein Theaterstück gefolgt, über die Cronin aber in seiner Autobiographie nicht ein Wort verliert. Nicht einmal die Buchtitel führt er an.

Er gibt nur zu, daß ihm eine Zeitlang der Erfolg zu Kopfe gestiegen war. Plötzlich berühmt, mußte er Vorträge halten und Wohltätigkeitsfeste eröffnen. Man schlug ihm vor, für das Unterhaus zu kandidieren.

In der Guildhall, dem Inbegriff des Reichtums der Londoner City, hielt er nach einem Bankett von acht Gängen eine Rede, »die mit Banalitäten angefüllt, mit lustigen Anekdoten gewürzt war, berechnet, dicke Bäuche vor Heiterkeit wackeln zu lasssen, und die mit hochtrabenden Schlußworten über Patriotismus, Religion und Mutterschaft endete, welche die Versammlung in Beifall ausbrechen ließ.

»Ich wußte nur zu gut, daß ich mich wie ein Hochstapler aufführte. Mit einem düsteren inneren Auge sah ich mich als völlig unaufrichtig, als Verräter an einem Prinzip, das ich davor niemals anerkannt hatte.«

Dies Prinzip hieß: Rückkehr zu Gott. Bestärkt wurde er durch ein »übersinnliches Erlebnis« im Kirchli von Arosa in der Schweiz: ohne ein Wort deutsch zu verstehen, begriff er die gesamte Predigt.

Archibald J. Cronin, von seinem irischen Vater her Katholik und jetzt tief gläubig, besteht nicht auf irgendeiner alleinseligmachenden Religion. »Glaube ist ein solcher Zufall von Geburt, Rasse und früherem Geschehen, ja sogar von Längen- und Breitengrad, daß er gewiß nicht der einzige entscheidende Faktor unserer Erlösung sein kann.«

Viele von seinen Erlebnissen, über die man jetzt liest, hat Cronin schon früher in seinen Werken verarbeitet. Für seinen ersten Roman gilt das allerdings nicht. Worin der Zauber lag, durch den Cronin 1931 mit seinem »Hutmacher« das Lesepublikum einfing, läßt sich heute kaum mehr begreifen: Der schottische Hutmacher James Brodie redet sich ein, adlige Verwandtschaft zu besitzen. Er will hoch hinaus, baut sich als Wahrzeichen seines Ehrgeizes ein verrücktes Schloß, geht schließlich an seinem Größenwahn zugrunde. Nur durch Frische heben sich die 250 000 Wörter dieses Werkes von anderen Kolportage-Romanen ab.

Erst in dem sozialkritischen Bergarbeiter-Roman »Die Sterne blicken herab« (später vom »Dritten-Mann«-Regisseur Carol Reed verfilmt) benutzte Dr. med. Cronin wuchtig seine eigenen Erlebnisse. Noch mehr trifft das auf seinen einzigen wirklich wertvollen Roman zu, »Die Zitadelle«, dessen Held, der schottische Arzt Dr. Andrew Manson, ähnlichen Versuchungen unterliegt wie Dr. Cronin mit seiner Asthenie. Erst Tragödien lassen Dr. Manson den Weg zurück zu ehrlicher Arbeit finden. Das Buch, das in England allein bereits dreißig Auflagen erlebt hat, schockierte mit seinen Enthüllungen über die kommerziellen Praktiken der Aerzte die englische Oeffentlichkeit.

Was später folgte, war schwächer: das mißglückte Aerztestück »Jupiter lacht« zum Beispiel, das in New York und London durchfiel; der Missionar-Roman »Die Schlüssel zum Königreich« und der Jünglings-Roman »Die grünen Jahre«, die beide von Hollywood verfilmt wurden, und der gekünstelte, an Mittelmeergestaden spielende Roman »Der spanische Gärtner«.

Die Autobiographie gibt keine Auskunft über die Kernfrage des Phänomens Cronin: wie konnte ein Mann ohne jede literarische Vorbildung und Erfahrung, ohne Rat und Hilfe einen Roman schreiben, der sofort Weltruhm einbrachte? Cronin gesteht nur, mitten in der Arbeit sei er so mutlos geworden, daß er die ersten Kapitel auf den Müllhaufen geworfen habe. Erst das gute Zureden eines alten Bauern habe ihn dazu gebracht, sein halb durchweichtes Manuskript zu retten und das Werk zu vollenden.

»Schreiben«, hat Cronin einmal in einem Interview gesagt, »ist für mich eine fürchterliche Qual. Wenn ich einmal verdammt werden sollte, was Gott verhüten möge, werden sie für mich keine Höllenfeuer brauchen. Es wird durchaus genug sein, mich in der ewigen Dunkelheit schreiben, immer schreiben zu lassen.«

Aehnlich schweigsam wie über seine Romane ist Cronin auch über sein Verhalten im Kriege. Viele Briten verübeln es ihm. Wer seine »Abenteuer in zwei Welten« liest, möchte annehmen, daß er die schlimmen sechs Jahre in England unter deutschen Bomben durchgehalten hat. In Wirklichkeit reiste er im Sommer 1939 mit Frau und drei Söhnen nach Amerika, und dort ist er, von einigen Nachkriegsjahren abgesehen, auch geblieben. Er bewirtschaftet einen kleinen Besitz in New Canaan, achtzig Kilometer von New York entfernt.

Seine Anhänglichkeit zu seiner neuen Heimat äußert sich noch übertriebener als das bei Neo-Amerikanern üblich ist. Vater Cronin, ein Ire, hatte eigentlich kurz vor der Geburt von Archibald Joseph nach den USA auswandern wollen und war nur durch Krankheit daran gehindert worden. Hierauf gestützt, motiviert A. J. Cronin seine Niederlassung in den USA mit »Heimweh, das sich vielleicht auf vorgeburtliche Einflüsse gründete«.

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