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Jazz Alles hin

Wandel in der Jazz-Szene: Flaute in traditionellen Klubs, Massenandrang auf neuen Tanzflächen.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Dizzy Gillespie stand auf der Bühne des Frankfurter Jazzkellers, setzte die geknickte Trompete an und blähte seine legendären Ochsenfroschbacken auf. Drei Konzerte gab der Pionier des Bop an diesem kalten Dezemberabend des Jahres 1988 im traditionsreichsten Jazzklub Europas, das letzte bis in die frostigen Morgenstunden.

Nach dieser Ausnahmenacht legte Keller-Chef Eugen Hahn, 51, »nur die Hotelkosten drauf«. Heute muß er sich, wie die meisten seiner Klubbesitzer-Kollegen in Hamburg, Düsseldorf, Köln oder München, auch an der Gage beteiligen.

Den westdeutschen Jazzklubs geht es schlecht. Berühmte Etablissements wie das Düsseldorfer Downbeat oder das Domicile in München existieren nicht mehr. Gerry Hayes, Chef des Münchner Allotria, mußte vor einigen Tagen aufgeben und seinen Klub veräußern. »Ich verkaufe«, trauerte er, »auch meine Seele.«

Ulli Blobel, 43, früher ausschließlich Jazz-Tourneeveranstalter, heute Chef der Wuppertaler Schallplattenfirma ITM Media, sieht den Niedergang kontinental: »Symptomatisch war die Schließung des Bazillus in Zürich; alteingesessene Klubs wie das Montmartre in Kopenhagen oder das Paradiso in Amsterdam bieten heute keinen Jazz mehr - alles ist hin!«

Selbst wenn, immer seltener, internationale Größen auftreten, herrscht in den Klubs häufig gähnende Leere. Kam der Frankfurter Jazz-Kneipier Hahn beim Quartett des Vibraphonisten Fritz Hartschuh noch mit 80 Mark Miesen davon, mußte er bei der Viererformation des Blechbläser-Stars Woody Shaw mehr als das Zehnfache drauflegen. Ein Konzert des international renommierten Trompeters Tomasz Stanko (Honorar: 800 Mark) lockte nur sieben zahlende Gäste an und hinterließ lediglich 112 Mark in der Abendkasse.

In der Szene vollzieht sich ein Wandel. Zwar sind Lebensgefühl, Mode und Sprache des Jazz in der deutschen Jugendkultur wieder populär, seit der Jazz Verbindung mit anderen Musikgenres wie Hip Hop, House und Funk (SPIEGEL 30/1993) eingegangen ist. Im Hamburger Mojo-Club, im Münchner Park-Cafe, im Berliner Boogaloo und im Frankfurter Cookys tobt an Jazz-Abenden die Tanzwut. »An Wochenenden schwitzen bei uns 300 Menschen«, sagt der Betreiber des Hamburger Mojo-Clubs Oliver Korthals, 27. »Und 200 andere müssen draußen warten, weil sonst der Laden auseinanderkracht.«

Doch auf der Strecke bleiben dabei die zwanglosen Jam-Sessions in den Traditionslokalen. Wie selbstverständlich trafen sich früher Größen wie Chet Baker, Freddie Hubbard oder Max Roach nach ihren Gigs mit lokalen Musikern, um den Abend nicht nur mit dem Geklapper von Biergläsern ausklingen zu lassen.

Die Mischung aus Profis und Amateuren, amerikanischen und britischen Soldaten ergab jenen Humus, auf dem der deutsche Jazz gedieh: Emil und Albert Mangelsdorff, Klaus Doldinger, Manfred Schoof und Volker Kriegel starteten in spontan zusammengewürfelten Klub-Bands ihre Karrieren.

Der Spaß ist vorbei, aus dem Vergnügen am Swingen ist ein Geschäft geworden. Schon in den siebziger Jahren stiegen, weiß Impresario Blobel, »die Gagen für normale Quintette auf 1500 Mark; heute liegen sie bei 800 Mark. Selbst die sind für einen kleinen Laden kaum zu verkraften«.

Blobel veranstaltet deshalb nur noch große Jazzkonzerte, etwa im Berliner Schauspielhaus, bei denen er für seine Musiker Abendgagen bis zu 70 000 Mark hereinholt. Ihm ist klar: »Das bedeutet mindestens 50 Mark Eintritt oder Zuschüsse.« Der Manager sieht es kraß: »Ohne Subventionen kann sich die deutsche Klubszene demnächst völlig verabschieden.«

Zwar beziehen manche Klubs staatliche Zuschüsse, aber konkurrierende Auftrittsstätten erhalten noch mehr: Auch Kulturvereine, Veranstaltungszentren, Theater und selbst Opernhäuser organisieren inzwischen regelmäßig Jazzkonzerte.

Hinzu kommen die Vorstöße kommerzieller Konzertmanager aus der Rock- und Unterhaltungsszene, die auf ihrer Suche nach neuen Zugnummern jeden erfolgreichen Jazzer sogleich durch große Hallen schicken wie zuletzt Wynton Marsalis (SPIEGEL 17/1993), der sogar open air auftrat.

Das Darmstädter Jazz-Institut zählt in einer jetzt veröffentlichten Dokumentation bereits mehr als 400 Spielstätten in Deutschland auf, die dem Publikum innerhalb eines gemischten Programms auch Jazz veranstalten. Daneben kümmern sich fast 100 regionale Initiativen um eine Belebung der Livemusik-Szene in Theatercafes und Stadtparks, Kneipensälen und Turnhallen.

Fast alle zahlen höhere Gagen als die traditionellen Klubs. Dort gelten Extreme: Entweder werden Nachwuchsgruppen engagiert, die sich mit dem Inhalt der Abendkasse begnügen, oder Weltstars, für die der Wirt ins Risiko geht und das Publikum bis zu 100 Mark Eintritt bezahlt, nur um sie einmal hautnah zu erleben.

Die inzwischen arrivierte Avantgarde steigt kaum mehr in die Niederungen der Keller-Kultur hinab. Sie spielt längst in Palästen wie der Berliner Akademie der Künste, der Kölner Philharmonie oder Frankfurts Alter Oper, wo öffentliche Zuschüsse üppige Gagen garantieren. Auch Jazzkeller-Chef Eugen Hahn erhält »zur Verwirklichung der Konzerte« kommunale Zuschüsse. Für 1993 waren ihm 60 000 Mark zugesagt worden; im Juli wurden ihm plötzlich zehn Prozent der versprochenen Summe gestrichen. Das entspricht knapp den monatlichen »Grundkosten zum Öffnen der Türen«. Jetzt muß er »noch härter kalkulieren«.

Ähnlich geht es seinen Kollegen vom Birdland in Hamburg, vom Düsseldorfer Cape Coast oder von der Unterfahrt in München. Nur noch dort, wo viel Laufkundschaft den Umsatz hebt, wie im Berliner Quasimodo, oder wo eine fanatische Jazzgemeinde besteht, wie im Kölner Stadtgarten, gehen die Geschäfte etwas besser.

Eingefleischte Jazzer und romantische Puristen haben es schwer in solchen Zeiten. »Früher«, sagt Saxophonist Emil Mangelsdorff sei er »nie ohne Saxophon« in einen Jazzklub gegangen. Heute geht er »kaum mehr hin«. Y

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