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AUTOREN Alles über den G.-G.-Punkt

Weihrauchwolken überm deutschen Literaturbetrieb: Günter Grass wurde 70. Zehn Tage, die die Welt erschütterten.
Von Willi Winkler
aus DER SPIEGEL 43/1997

Es begab sich aber, daß im nördlichen Deutschland, zum Baltischen Meere hin, ein verdienter Sänger des Volkes die 70. Wiederkehr seines Geburtstags feiern sollte. Dunkel war seine Herkunft, aus dem raunenden Osten soll er stammen, und noch immer zeugt sein martialischer Schnurrbart vom wilden Grimm seiner Vorfahren. Nach allerlei Wechselfällen verschlug es den Ostmenschen in westliche Provinzen, wo er immer lauter die Stimme erhob und mit schönen Worten seine Geschichte erzählte: vom Rauch des Kartoffelfeuers im Herbst, von den übereinandergetragenen Röcken seiner Großmutter, unter denen mordsmäßig gezeugt wurde, vom großen Krieg und arg viel Liebesleid.

Gar mächtig schwoll des Sängers Stimme, und bald schwang sie sich noch höher, um künftighin das Lob einer ganzen Horde zu singen, die sich die »Es-Pe-De« nannte. Vom vielen Singen wurde die Stimme des Sängers endlich heiser, er krächzte und raspelte, aber er hörte nicht auf zu singen, erkor sich bald jedes Thema unter der Sonne zum Lied.

Über alles konnte der Sänger singen, über alles in der Welt: die Nachrüstung, das Waldsterben, über den Nord-Süd-Konflikt sowieso und auf Zuruf auch über die Unterdrückung der Frauen.

Endlich war die Zeit gekommen, den verdienten Sänger des Volkes zu ehren. »Nach 40 Jahren Tätigkeit in der deutschen Literatur« habe Günter Grass ein Recht darauf, meinte sein Herausgeber Volker Neuhaus. Weil er gleichzeitig Professor ist in Köln, veranstaltete Neuhaus ein internationales Germanistensymposium. Zwei Tage lang wurde bei verstocktem Desinteresse der außeruniversitären Öffentlichkeit die »spezifische Reibung« zwischen Form und Inhalt sowie die »Vergegenkunft« als »vierte Zeitform« im Gesamtwerk von Günter Grass erforscht.

Der »Kongraß«, wie sich Neuhaus sinnig versprach, endete mit einem »geselligen Beisammensein« in einer Galerie, die der Gattin des Professors gehört und Zeichnungen und Aquarelle von Günter Grass verkauft.

Derlei Synergie-Effekte verstand man auch andernorts zu nutzen. Der verdiente Sänger des Volkes schreibt ja nicht bloß, er radiert, zeichnet, malt, gießt, töpfert und steinmetzt auch noch. Zur weiteren Erforschung des G.-G.-Punktes sind derzeit reichlich Grass-Werke in Göttingen und in Lübeck, in Aachen und in Neustadt an der Weinstraße zu betrachten.

Beim Steidl-Verlag in Göttingen erscheint derweil eine neue Ausgabe der Werke von Grass; 16 Bände in einer »Traggriff-Box«. Außerdem liest Grass auf 23 CDs 27 Stunden, 58 Minuten und 21 Sekunden lang (nach anderen Angaben sind es sogar 27 Sekunden) die gesamte »Blechtrommel«. Hinzugekommen sind die »Fundsachen für Nichtleser«. Im Göttinger Rathaus eröffnet der Oberbürgermeister eine Ausstellung mit diesen »Aquadichten« und betont die »Gemeinsamkeit der beiden Meister«, nämlich die von Goethe und von Grass. Eine Kapelle zigeunert dazu, der Abgeordnete Wolfgang Thierse applaudiert, und Grass bedankt sich artig.

Gelegentlich wurde bei der Ehrung des Sängers ein bißchen übertrieben: Frank Schirrmacher malte in der »Frankfurter Allgemeinen« ein Selbstbildnis als Größenwahnsinniger und nannte es dann doch »Günter Grass«. Und die »Zeit« räumte ihm die erste Seite frei und erhoffte sich mit dieser Demutsgeste den Nobelpreis für Grass.

Der ging dann doch lieber an einen italienischen Kasperlkopf, aber Grass bekam immerhin eine Geburtstagsfeier im Hamburger Thalia Theater spendiert, zu der als Überraschungsgast Salman Rushdie erschien. Das Bühnenbild zum »Fest mit Texten, Theater und Musik« war natürlich eine Grass-Radierung. Im Selbstporträt schaute er dieser ganzen Feierei ziemlich grämlich zu: einem altbackenen Grass-Dramolett namens »Noch 10 Minuten bis Buffalo«. Christa Wolf, die aus den »Fundsachen für Nichtleser« liest und erklärt, sie verstehe den Titel nicht. Nadine Gordimer, die ihn zum »Renaissance-Menschen« ernennt. Dem Abgeordneten Freimut Duve, der im Foyer einer Kamera die literarische und politische Bedeutung von Grass erläutert.

In den Tagesthemen nach der Feier kommt Grass schon wieder, und Ulrich Wickert interviewt Salman Rushdie. Am nächsten Abend läuft in arte die Grass-Verfilmung »Die Rättin«, die am Tag darauf in der ARD wiederholt wird. Anschließend interviewt Uli Wickert Günter Grass.

Im ZDF beklagt Grass, daß man in Deutschland die Schriftsteller nicht zu feiern verstehe. Woanders sei das ganz anders, da würden sie »operettenhaft zelebriert«.

Da ist auch der Standhafteste süchtig. Er braucht mehr, mehr Stoff, immer noch mehr Grass. Es ist deshalb wieder einmal Zeit für einen Ruck: Es muß endlich der ganze Grass gefeiert werden. Dauer-Fernsehen gut und schön, aber noch fehlt ein Inventar der Pinsel, die Grass verbraucht hat, ein Museum für seine vielbrüstigen Terrakotta-Figuren, ein Kabinett mit seinen ausgeglühten Streichhölzern. Und »Die Rättin«, soviel sind wir dem größten Sänger unseres Volkes schuldig, »Die Rättin« muß ab jetzt jeden Abend in einem anderen Programm wiederholt werden. »Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir ... Ein sauberes Tier.«

»Konrad Adenauer ist tot«, schrieb Grass 1967 in einem Gedicht. »Welchen Hering wird man nach ihm benennen?« Welche Ratte hätten S' denn gern, Herr Grass? Willi Winkler

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