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FILM Alles wird immer besser

In der Welt des amerikanischen Talkshow-Stars Oprah Winfrey gilt die optimistische Devise: Alles wird immer besser. Sogar die Sklaverei wird von Oprah in »Menschenkind«, ihrem ersten selbstproduzierten Kinofilm, zu einer Etappe auf dem Weg in die Selbstverwirklichung verklärt.
aus DER SPIEGEL 15/1999

Wenn Oprah Winfrey etwas will, ruht sie erst wieder, nachdem sie es gekriegt hat. An einem Samstagnachmittag des Jahres 1987 wollte sie die Filmrechte an dem Sklaverei-Roman »Menschenkind« der amerikanischen Autorin Toni Morrison, der sie gerade beeindruckt hatte. An jedem Werktag hätte Winfrey einfach beim Verlag nachfragen können. Aber es war Samstag. Darum rief die Talkshow-Moderatorin zuerst eine Reihe von Bekannten an, von denen sie dachte, sie hätten vielleicht Morrisons Nummer. Keiner hatte sie.

Schließlich läutete Winfrey bei der Feuerwehr in Morrisons Heimatort an und bat darum, sie sollte der Schriftstellerin mitteilen, daß Oprah Winfrey sie zu erreichen versuche. Die Löschbrigade rief selbstredend zurück - mit Morrisons Telefonnummer. Winfrey klemmte sich an den Apparat, beschwatzte die überraschte Autorin - und unterzeichnete kurz darauf einen Scheck mit der Summe, die Morrison für die Filmrechte gefordert hatte.

Elf Jahre hat es danach gedauert, bis aus Winfreys Telefon-Recherche tatsächlich ein Film wurde: »Menschenkind«, der diese Woche auf 120 deutschen Leinwänden anläuft, ein halbes Jahr später als in den USA.

Dort hatte die verehrte schwarze Fernsehdiva (in Deutschland fünfmal pro Woche gegen Mitternacht auf TM 3 zu bewundern) bereits im vorigen Herbst ihr Werk vorgestellt: ein 2 Stunden und 51 Minuten langes Geschichtsdrama, hergestellt von Winfreys Firma »Harpo« (der Name »Oprah«, von hinten gelesen) und gedreht von einem handverlesenen Regiestar, der sich einverstanden erklärt hatte, daß Win-

* 1995 mit Hillary Clinton.

frey - als Darstellerin ziemlich unerfahren - die Hauptrolle übernahm.

Winfrey, 45, warb für »Menschenkind« in ihrer eigenen und in anderen Talkshows, ließ sich für ein knappes Dutzend Zeitschriftencover fotografieren (darunter für die amerikanische »Vogue«, die verlangte, daß sie 20 Pfund abspeckte) und gab in Amerika und Europa herzzerreißende Interviews, in denen die fast eine Milliarde Dollar schwere Entertainerin schwärmerisch darlegte, wie dramatisch ausgerechnet die Geschichte der entlaufenen Sklavin Sethe ihr Leben verändert hätte.

Die Botschaft, die der geneigten Öffentlichkeit eingehämmert werden sollte, war immer dieselbe: Dies ist mehr als ein Film, dies ist Oprahs Cri de coeur, für den sie Blut und Schweiß (und Dollar) gelassen hat; dies ist ein Muß für alle Oprah-Liebhaber. Und deren gibt es zuhauf in den USA. Ihre Sendung hat durchschnittlich 7,5 Millionen Zuschauer, und diesen Erfolg hält Winfrey seit fast zehn Jahren, eine Ewigkeit in der freien Wildbahn des Talk-Geschäfts, wie Margarethe Schreinemakers bezeugen kann. Es kursieren mindestens 20 Oprah-Biographien, und das Brevier »Oprah Winfrey Speaks« versammelt seelenkräftigende Worte der angeblich »einflußreichsten Stimme der Welt«. Laut Umfragen würde knapp ein Drittel aller Amerikaner die TV-Predigerin zur Präsidentin wählen. Gegen Oprahs Vertrauensbonus kann Hillary einpacken.

Dann aber, nach wochenlangen PR-Salutschüssen, geschah das einzig Unerwartete: »Menschenkind« wurde ein Flop. Die US-Kritiker verhielten sich dem Werk gegenüber zwar weitgehend so wohlwollend, wie sie es bei heiklen historischen Stoffen zu tun pflegen, die Zuschauer aber blieben weg. Sie rochen wohl, daß die Berichterstattung immer ein Hauch von Lebertran durchwehte: Dieser Film ist gut für euch. »Menschenkind«, 53 Millionen Dollar teuer, spielte in den USA höchstens die Hälfte seiner Kosten wieder ein. Damit hatte die erfolgsgewohnte Winfrey nicht gerechnet. Ausgerechnet mit ihrem Herzenswerk war sie gescheitert.

»Ob ich enttäuscht war? Enttäuscht ist gar kein Ausdruck!« sagt sie mit überschnappender Stimme noch Monate später in London. »Ich war völlig perplex! Bis zu dem Tag, an dem der Film anlief, hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, auf wie vielen Leinwänden er zu sehen sein würde und mit welcher Konkurrenz wir rechnen mußten. Als ich am Tag nach dem Start erfuhr, daß wir von einem Gruselfilmchen namens ,Bride of Chucky'' an der Kasse geschlagen worden waren, sagte ich nur: Wer zum Teufel ist Chucky?«

Aber an Chucky war das anspruchsbeladene Historiendrama nicht gescheitert. In Internet-Chats mußte Oprah erfahren, daß Zuschauer, die den Roman vorab nicht gelesen hatten, den mit Flashbacks und magischen Vorfällen gespickten Film schlicht nicht begriffen. »Hättet ihr gern am Ende eine schriftliche Erläuterung auf der Leinwand gehabt, wie alles zu verstehen war?« fragte Winfrey pikiert die Zuschauer. Und die ließen sie per Internet unbekümmert wissen: »Ja, hätten wir.«

»Menschenkind« ist Winfreys erster Ausflug in die klassische Hochkultur. Der Verfilmung (Regie: Jonathan Demme) ist in nahezu jeder Szene die Anstrengung anzusehen, mit der sie jene Tragik und erzählerische Kraft herbeizwingen will, die der Roman mit Leichtigkeit entfaltet. Der Film mußte partout ein Meisterwerk werden. An dieser Vorgabe sind schon größere Talente gescheitert.

Was Winfrey vorher angepackt hatte, war stets gelungen - aber eben in der Populär-, nicht in der Hochkultur. Außer ihrer Talkshow hat Winfrey in den letzten Jahren bloß ein paar mittelprächtige TV-Filme produziert, in denen sie teilweise auch auftrat. Sicher, es gab noch das Kochbuch zu ihrer Dauerdiät und ihren Trimm-dich-Ratgeber, die jeweils in den USA zu Bestsellern wurden. Aber das Heimatmedium TV hat sie nie wirklich verlassen.

Im Gegenteil: Was immer Winfrey begeisterte, das hat sie auf TV-Format gestutzt. Als die enthusiastische Leserin im Herbst 1996 begann, alle sechs Wochen Literatur in ihrer Talkshow vorzustellen, waren die Medienfachleute skeptisch. Ein Fernsehstar sollte an seine Zuschauer appellieren, das Fernsehen abzustellen und ein Buch aufzuschlagen? Paradox. Aber die Romane, die Winfrey in »Oprah''s Book Club« empfahl, wurden regelmäßig Bestseller. Zwischen 500 000 und 700 000 Exemplare werden heute von einem Buch, das der Fürsprache von Queen Oprah teilhaftig wird, zusätzlich verkauft. Vor kurzem ereilte dieser Geldsegen erstmals ein deutsches Werk, den »Vorleser« von Bernhard Schlink (SPIEGEL 13/1999).

Oprah hat es geschafft, Literatur fernsehkompatibel zu machen. Anders als das »Literarische Quartett« in Deutschland, das mit seiner Runde schlecht frisierter Redehäuptlinge auskommt und auf die Kraft des gestotterten Wortes vertraut, verwandelt Oprah das Buch in eine Show: Der Autor oder - häufiger - die Autorin werden geladen, befragt und beklatscht, Leserinnen tauschen sich vor der Kamera über ihre belletristischen Erfahrungen aus, und Oprah jubelt über die literarischen Weisheiten, die sie freigebig unter die Zuschauer streut.

Die schlichte Auffassung, daß Literatur etwas Wunderbares sei, weil sie die Seele erfrische und Lebenshilfe leiste, paßt bestens in Winfreys sehr amerikanisches Hilfdir-selbst-dann-hilft-dir-Gott-Weltbild. Die Vorplaudererin, die bereits als Kind in Baptistenkirchen als begabte Rednerin auffiel, macht Fernsehen mit pädagogischem Impuls. War ihre Sendung zuvor fast zur Freakshow mutiert, so verbreitet Winfrey seit einigen Jahren geläutert das große gesellschaftliche Versprechen, daß jede Schwierigkeit zu bewältigen, jede Verletzung zu heilen und jeder Mangel zu beheben sei - wenn die Betreffenden nur ihr Leben mutig in die Hand nehmen.

Winfrey hat sich selbst zur Psychotherapeutin Amerikas erklärt, und ihre Allheilsbotschaft heißt »Liebe dich selbst«. Das Leben ist ein Zehn-Schritte-Selbstverbesserungsprogramm, und am Ende steht, was sonst: »Happiness«. Dieses Therapieversprechen wird von Oprah selbst dadurch beglaubigt, daß sie es aus eigener Kraft geschafft hat, alle Widrigkeiten ihres Lebens hinter sich zu lassen und zu einer der reichsten Frauen der USA aufzusteigen.

Ihr Leben hat sie längst in die klassische Form der Erfolgserzählung gegossen: geboren als Kind unverheirateter Teenagereltern in den Südstaaten; aufgewachsen in bitterer Armut, abwechselnd bei den Großeltern, der als Putzfrau schuftenden Mutter und dem strengen Vater; sexueller Mißbrauch durch mehrere Verwandte; wilde Pubertätsjahre mit Drogenmißbrauch und einer ungeplanten Schwangerschaft; dann die große Kehrtwende: Erfolg durch Fleiß, Ehrgeiz, Talent und immerwährende Disziplin. Karriere im Fernsehen, erst auf lokalen Sendern, dann auch national. Seit 1985 ist ihre Sendung nach ihr benannt.

Daß Winfrey sich in jahrelanger Willensanstrengung ihr Übergewicht abgehungert hat, ist der dramatischste Aspekt ihrer Erfolgsstory. Ihr Triumph über den Speck, die schlimmste Geißel der amerikanischen Frau, bestätigte - für alle sichtbar - den Wahrheitsgehalt ihrer Behauptung, daß jedes Ziel erreichbar sei.

Mit »Menschenkind« hat Winfrey jetzt die vertraute Arena ihrer Popularität verlassen, ihre Botschaft der spirituellen Stärkung aber im Reisegepäck mitgenommen. Wie im Buchclub schlachtet sie auch im Film die literarische Vorlage vor allem als Rohmaterial für ihre therapeutische Weltsicht aus. »You your best thing«, einen Satz vom Ende des Romans, der ungefähr besagt, daß jeder das Beste an seinem eigenen Leben sei, liest die Selfmade-Frau als quasi-religiöse Losung: Der Satz sei ihr »Lebensmotto«, schreibt Winfrey in einem Begleitband zum Film, und er sei »die Botschaft, die ich täglich allen Zuschauern meiner Show zu vermitteln versuche«.

Mit einem solchen Optimismus läßt sich sogar aus den Schrecken der Sklaverei ein Halleluja für die Nachfahren gewinnen: »Wenn du von den Sklaven dieses Landes abstammst«, behauptet Winfrey, »dann sollte dich nichts mehr irre machen können, denn den Wahnsinn der Sklaverei hast du schon überstanden.« Der unbeirrbare Fortschrittsglaube, der aus solchen Sätzen spricht, ist in seiner Naivität fast perfide: Danach läßt sich alles, auch die größte Menschheitskatastrophe, als Etappe auf dem Weg ins individuelle Heil begreifen.

Dazu paßt, daß Winfrey, um sich auf ihren Part der Ex-Sklavin Sethe vorzubereiten, speziell eine nachgestellte Sklavenflucht arrangieren ließ: Sie wurde an einem Ort ausgesetzt, der wie eine Plantage aus dem 19. Jahrhundert ausstaffiert war, schuftete einen Tag lang auf den Feldern, ließ sich von einem Vorarbeiter anschreien und floh nachts mit anderen »Sklaven« in die Wälder. Winfrey hatte genug von dem ebenso lächerlichen wie perversen Spielchen, als sie in einer Kiste über einen Fluß verschifft werden sollte. Sie brach ihre Exklusiv-Versklavung ab - und glaubte tatsächlich, in weniger als 24 Stunden hätte sie, eine privilegierte Unternehmerin des späten 20. Jahrhunderts, begriffen, was es bedeutet, als Sklavin zu leben. Die Erfahrung habe sie »empowered«, gestärkt und ermutigt, sagt Winfrey weihevoll.

Aber die Geschichte von »Menschenkind« sträubt sich dagegen, zur moralischen Erbauung instrumentalisiert zu werden. Denn sie kreist um ein Dilemma, das seinen Schrecken einfach nicht verlieren will: Der Sklavin Sethe gelingt Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihren vier Kindern die Flucht in die Freiheit. Als sie von ihrem Sklavenhalter aufgestöbert wird, beschließt sie, ihre Kinder lieber zu töten, als ihnen ein Leben in Sklaverei zuzumuten. Eine Tochter verblutet wirklich. Hat eine Mutter das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden? Wie groß muß die Verzweiflung eines Menschen sein, der so handelt?

Die tote Tochter kehrt wieder als Gespenst, das grausamen Spuk in Sethes Haus treibt. Erst 18 Jahre nach der Tat gelingt es einem Besucher, diesen Poltergeist zu bannen. Aber an seiner Statt taucht eine rätselhafte junge Frau auf, die sich wie ein Kleinkind gebärdet, kaum sprechen, gehen oder essen kann. Sethe nimmt sie auf, und als sie in der Fremden ihre ermordete Tochter erkennt, läßt sie sich schuldbewußt von dem ungebetenen Gast tyrannisieren, bis ihr Leben im Chaos versinkt.

Hätte die Verfilmung sich dem unfaßbaren Schrecken dieser Geschichte gestellt, dann wäre sie vielleicht wirklich das Meisterwerk geworden, das Winfrey so sehnlichst schaffen wollte. Dazu aber hätte sie sich dem Schattenreich des Irrealen und Geisterhaften ausliefern müssen. »Menschenkind« hätte irrwitzige, taumelnde, fiebrige Bilder gebraucht, Bilder aus einem Reich hinter den Spiegeln. In einzelnen Augenblicken treibt Regisseur Demme seinen Film in einen solchen Exzeß, meist aber weicht er davor zurück. Denn sein Drama hat ja einen Auftrag zu erfüllen, und der lautet, nicht menschliche Zweifel und Schwäche zu zeigen, sondern menschliche Größe. Nicht Schrecken, sondern Trost. »Menschenkind« ist »The Oprah Winfrey Show«, auf Hochkultur getrimmt. SUSANNE WEINGARTEN

* 1995 mit Hillary Clinton.

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