#allesdichtmachen Ein deutsches Debattendesaster

Irgendwie ging es um die Coronapolitik, irgendwie auch um die Medien – aber was genau sollte die #allesdichtmachen-Aktion nun eigentlich erreichen? Und was folgte seitdem? Chronik einer Nichtdebatte.

#allesdichtmachen-Screenshots: Um was geht's eigentlich?

#allesdichtmachen-Screenshots: Um was geht's eigentlich?

Foto: dpa

Vielleicht kommt da ja noch was, ganz am Ende. Ein spektakulärer Spin, eine überraschende Wendung – oder, und das wäre vielleicht am wünschenswertesten: eine wirklich nachvollziehbare Erklärung. Die nämlich fehlt bislang. Oder haben Sie verstanden, worum genau es in der Debatte über die #allesdichtmachen-Aktion Dutzender Schauspielerinnen und Schauspieler geht? Und ob es überhaupt eine Debatte gibt?

Wagen wir also einen Versuch, das inzwischen unüberschaubare Durcheinander aus Videoschnipseln, »Querdenker«-Verweisen und empörten Gegenreden zu sortieren.

Der Auslöser

Unter dem Hasthag #allesdichtmachen tauchen am Donnerstagabend im Internet 53 Videos auf, in denen 53 verschiedene Schauspielerinnen und Schauspieler auftreten – viele davon sind bekannt, sehr bekannt sogar. Es kommt selten genug vor, dass »Tatort«-Ermittler gemeinsam in einem Film auftreten, insofern ist schon die Liste der Mitmachenden bemerkenswert: Ulrich Tukur und Meret Becker sind dabei. Jan Josef Liefers und Heike Makatsch, Wotan Wilke Möhring und Nadja Uhl.

Die Videos eint eines: Es geht in ihnen um die Coronakrise – und sie triefen vor Ironie, Sarkasmus, Zynismus. So fordert Ulrich Tukur die Schließung ausnahmslos aller Lebensmittelgeschäfte, Meret Becker betet von einem überdimensionalen Zettel einen ironischen Text über Schutzmasken vor, Richy Müller atmet abwechselnd in zwei Tüten.

Unklar bleibt zunächst, was genau Motivation und Zielrichtung der Kampagne ist, wer sie initiiert und koordiniert hat. Das Impressum der Homepage nennt eine Münchner Firma namens Wunder Am Werk GmbH, dessen Geschäftsführer sagt dem SPIEGEL einen kurzen Satz: »Das ist Kunst.«

Die Reaktionen

Die Frage, ob das wirklich Kunst ist, scheint schon am Freitagmorgen kaum noch jemanden zu interessieren. Stattdessen: Euphorie hier, Empörung da. Auffällig viele freundliche Kommentare kommen aus dem rechten Lager. Hans-Georg Maaßen etwa, Ex-Präsident des Bundesverfassungsschutzes und CDU-Rechtsaußen, bezeichnet die Aktion als »großartig«. Und die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twittert, sie feiere Jan Josef Liefers für dessen Medienkritik: »Das ist intelligenter Protest.«

Andere zeigen sich fassungslos. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, so formuliert es der Moderator und Notfallsanitäter Tobias Schlegl, »können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben«. Der Pianist Igor Levit attestiert der Aktion »schlechten, bornierten Schrumpfsarkasmus«. Und der Medienjournalist Stefan Niggemeier schreibt von einem »Dammbruch«, der zugleich der bislang »größte Erfolg der Querdenkerszene« sei.

Kritik entzündet sich auch daran, dass die diffuse Kritik ausgerechnet von privilegierten Stars kommt. So äußert sich etwa der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, des Dachverbandes der Bundeskulturverbände: Die, die in den #allesdichtmachen-Videos sprächen, seien nicht die Notleidenden, sagt Olaf Zimmermann. »Andere im Kulturbereich haben seit 13 Monaten nicht arbeiten können.«

Als einer der ersten prominenten Vertreter der Filmbranche kritisiert Oliver Berben die Aktion. Sollte es darum gegangen sein, einen Diskurs zu starten, könne er das nicht nachvollziehen, wie er dem SPIEGEL sagt: »Den gibt es doch schon. Jede Zeitung, jede Talkshow führt ihn.« Und Satire, so Berben, »sollte man den Menschen überlassen, die das auch können.«

Die Rückzieher

Es sind genau diese Schlagwörter, Diskurs und Satire, die am Freitagvormittag im ersten Distanzierungsstatement auftauchen: Heike Makatsch will mit »rechtem Gedankengut« nichts zu tun haben und schreibt: »Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst.« Wenn, nicht dass.

Wenig später machen auch Meret Becker und Ken Duken einen Rückzieher. Die Aktion sei nach hinten losgegangen, vielleicht zu zynisch gewesen, sagt Becker. Duken äußert sich ähnlich und bittet um Entschuldigung »für jegliche Missverständnisse«. Der womöglich entscheidende Satz kommt indes von Becker: »Wir hätten vielleicht mehr das sagen sollen, was eigentlich gemeint ist.«

Auch Ulrike Folkerts äußert sich kleinlaut. »Ich habe einen Fehler gemacht, ich war naiv genug zu glauben, mit meinen Kollegen*innen ein gewinnbringendes Gespräch in Gang zu bringen«, schreibt sie auf Instagram. Wie viele andere aus den #allesdichtmachen-Videos beteuert auch sie, die Coronaregeln für »absolut richtig« zu halten. Worum aber ging es dann bei der Aktion?

Im Laufe des Freitags wird klar, dass sie womöglich nicht sonderlich koordiniert zustande kam – oder dass sie nur zustande kam, weil einige gar nicht wissen wollten, worum genau es ging und mit wem sie es zu tun haben. Richy Müller räumt in einem Interview mit NTV  ein, er habe wenig über die Aktion gewusst und auch nicht nachgeschaut, mit wem er zusammen auftritt. Auch habe er weder geahnt, dass die Wunder am Werk GmbH hinter der Aktion steckt, noch habe er sich seinen Text selbst ausgedacht.

Warum er trotzdem mitmachte? »Gereizt hat mich auch der Ansatz, mit Satire auf Probleme der Coronamaßnahmen aufmerksam zu machen«, sagt Müller. Er könne die Kritik verstehen, glaube aber nicht, sogenannten »Querdenkern« zu einem Erfolg verholfen zu haben: »Deshalb distanziere ich mich ja auch, damit es keiner wird.«

Die Rechtfertigung

Zu denjenigen, die weiterhin an der Aktion festhalten, gehört Jan Josef Liefers. Der distanziert sich zwar explizit von »Querdenkern« und der AfD, verteidigt aber die Aktion: In den Medien kämen zu selten Regierungskritiker zu Wort, behauptet er in der »Aktuellen Stunde« des WDR . Und in der Radio-Bremen-Talkshow »3nach9« beklagt er »so framingartige Situationen«, durch die man »sofort ziemlich radikal in so Ecken gepusht wird, in die man gar nicht reingehört«.

Liefers sieht in der Aktion augenscheinlich den Versuch, sich auf die Seite jener Betroffenen in der Pandemie zu stellen, die nicht direkt vom Virus betroffen sind: »Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten.«

Die Analysen

Was kann man aus all dem lernen? Es gibt inzwischen etliche Erklärungsversuche, einer stammt von der Psychologin Tabea Scheel: »Die Videos sind zynisch, und hinter Zynismus steht meistens Frust, Resignation und Verletzung«, sagt sie. »Diese Form des Humors enthält nichts Konstruktives. Sie provoziert, sie erzielt Aufmerksamkeit, aber die Sache, um die es eigentlich geht, gerät in den Hintergrund.«

Man kann die Sache freilich auch aus künstlerischer Sicht betrachten, so wie SPIEGEL-Kulturredakteur Wolfgang Höbel. Auch seine Analyse fällt allerdings nicht sonderlich schmeichelhaft aus: »Als Film«, sagt er, »müsste diese Kampagne ›Kleinhirnküken‹ heißen.«

Andere wiederum, etwa der Psychiater und Publizist Jan Kalbitzer, sehen in den #allesdichtmachen-Videos Hinweise auf ein grundsätzliches Problem der Debattenkultur. Die Aktion zeige trotz ihrer offenkundigen Fehler, »wie starr und erbarmungslos einige Menschen geworden sind« – und sie hätte, anders umgesetzt, durchaus wichtige Debatten in Gang setzen können.

Das hat allerdings nicht geklappt – und es spricht auch einiges dafür, dass die Aktion zum Scheitern verurteilt war. Weil einige der Schauspielerinnen und Schauspieler weder wussten, worum genau es gehen soll – noch, mit wem sie es zu tun hatten. Weil eine Mischung aus Sarkasmus und bitterer Ironie offenkundig ungeeignet ist, sachliche Debatten anzustoßen. Weil viele aus dem #allesdichtmachen-Kreis nun beteuern, die Coronaregeln ganz toll zu finden, genau diese aber ja im Mittelpunkt ihrer zynischen Videos stehen.

So bleibt erst mal unklar, was das alles sollte und wohin das alles noch führen kann. Klar ist wenige Tage nach Beginn der #allesdichtmachen-Debatte wohl nur eines: dass sie vorerst gescheitert ist.

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