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Jan Kalbitzer

Diskurs über #allesdichtmachen Moralische Panik

Jan Kalbitzer
Ein Gastkommentar von Jan Kalbitzer
Die Schauspielerkampagne #allesdichtmachen hätte ein guter Anstoß für die Debatte darüber sein können, welche Rolle Ängste, Verzicht und Kontrolle in Coronazeiten spielen. Leider ist sie misslungen.

Einige bekannte deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler haben unter dem Titel #allesdichtmachen eine Reihe kleiner Filme produziert, in denen sie die mediale Berichterstattung über und die Maßnahmen zum Schutz vor Corona kritisieren. Für die Form und auch die Kooperationspartner dieser Aktion gibt es in den klassischen und sozialen Medien Kritik, die teilweise berechtigt ist. Die Aktion wäre besser geglückt, wenn sie künstlerisch durchdachter und nicht in Zusammenarbeit mit Leugnern der Gefahren durch Covid-19 entstanden wäre. Ungeachtet dieser Fehler rückt sie aber Aspekte in den Vordergrund der gesellschaftlichen Debatte, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.

Zum einen die offenkundige Verbitterung der Beteiligten, allesamt Künstler, einer Berufsgruppe also, die besonders hart von den Einschränkungen betroffen ist. Eine Verbitterung darüber, dass es zu viel um Angst und Kontrolle geht und zu wenig um die differenzierte Frage: Was wollen wir eigentlich bewahren? Verlieren wir aufgrund des starren Blicks auf nackte Zahlen vielleicht manchmal den Blick dafür, dass es nicht nur darum geht, Menschenleben zu retten – sondern auch das, was uns als Menschen ausmacht? Kunst und Kultur etwa. Rituale, bei denen es Menschen nicht um sich selbst geht, sondern darum, dass in der Gemeinschaft etwas entsteht. Etwas, das über das reine biologische Existieren hinausgeht.

Zum anderen wird durch diese Aktion wieder deutlich, wie starr und erbarmungslos einige Menschen geworden sind. Und wie sehr man das allenthalben spürt. Sieht man einmal von den offenkundigen Fehlern der #allesdichtmachen-Aktion  ab, dann richtet sie sich in ihrer Stoßrichtung nicht nur gegen die coronabedingten Einschränkungen selbst, sondern gegen genau die Entwicklung, dass Kritik an diesen Maßnahmen nach Ansicht der Diskurswächter nur mit einer Klausel versehen geübt werden darf, einem Bekenntnis also, dass man Corona für eine ernste Gefahr halte und mit Nazis und »Querdenkern« nichts zu tun haben will.

Warum scheint so ein Disclaimer für einige Menschen notwendig zu sein? Wissenschaftlich könnte man von einer »moral panic«, also einer moralischen Panik sprechen. Ein Phänomen, das sich durch den Versuch auszeichnet, persönliche Wertvorstellungen durchzusetzen, indem man soziale Gruppen und Verhaltensweisen, die den eigenen Werten nicht entsprechen, pauschal verurteilt. Und eindringlich vor ihnen warnt, am besten auf der Grundlage vermeintlicher Fakten und mit Unterstützung durch bekannte Persönlichkeiten und Medien.

Der Beginn der Aids-Pandemie ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie etwa wissenschaftliche Erkenntnisse über die vermehrte Verbreitung dieser Erkrankung unter homosexuellen Männern von einigen zu ihrer moralischen Verurteilung missbraucht wurde. Von einer »Schwulenpest« war die Rede, und der SPIEGEL schrieb 1984: »Die Seuche bricht aus dem Schwulen-Getto aus. Auch Frauen sind gefährdet.« Viele Diskussionen der heutigen Zeit sind leider von genau dieser moralischen Panik geprägt. Etwa jene über die Gefahren des Internets, besonders all die Warnungen vor den Gefahren »für unsere Kinder«. Auch hier wird gern auf Zahlen verwiesen – und dabei unterschlagen, dass vermeintlich objektive Studien manchmal so ausgewählt wurden, dass sie den eigenen Überzeugungen entsprechen.

Die #allesdichtmachen-Aktion hätte die Frage aufwerfen können, inwiefern die Debatte über gesellschaftliche Einschränkungen zur Abwehr von Corona von moralischer Panik geprägt ist. Ob man einigen jener, die besonders unermüdlich vor Gefahren warnen und sich für härtere Maßnahmen einsetzen, unterstellen muss, dass sie die Krise zur Durchsetzung ihrer privaten Wertvorstellungen nutzen. Und dass es ihnen nicht, wie behauptet, darum geht, möglichst viele Menschen vor einem unnötig frühen Tod oder schweren Krankheitsfolgen zu bewahren. Ich würde das bezweifeln, finde die Diskussion darüber aber an einigen Stellen berechtigt.

Vielleicht wäre die #allesdichtmachen-Aktion erfolgreicher gewesen, wenn sie sich weniger gegen Politiker, Wissenschaftler und Medien gerichtet und dafür künstlerisch noch etwas differenzierter damit auseinandergesetzt hätte, weshalb Ängste unsere Gesellschaft derzeit so stark prägen und wie diese Ängste zu dem Schluss führen können, dass es mehr Verzicht und mehr Kontrolle braucht. Sie hätte einen positiven Anfang machen können, wenn sie Kunst stärker in ihrer konstruktiven Kraft genutzt hätte und weniger in ihrer destruierenden.

Aber auch wenn man Menschen, die aus Dummheit die gesundheitlichen Gefahren von Covid-19 verleugnen und sich aus Trotz gegen die Gemeinschaft richten, den Triumph nicht gönnen mag: Die Aktion ist ein Anlass, genau solche Diskussionen zu führen. Selbst dann, wenn einige der Beteiligten ihre Argumente momentan nur einseitig, verbittert und unzureichend durchdacht vorbringen können.

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