Kulturverbände zu #allesdichtmachen-Videos »Sie machen uns das Leben sehr, sehr schwer«
Schauspieler Richy Müller in seinem Clip für die Aktion #allesdichtmachen
Foto: #allesdichtmachen / picture alliance / dpaDie Bundesregierung hält sich mit Bewertungen zu den viel diskutierten Videos prominenter Schauspielerinnen und Schauspieler über die Coronapolitik zurück. »Die Bundesregierung hat diese Aktion zur Kenntnis genommen, und unsere Haltung ist bekannt: Wir arbeiten daran, dass Deutschland die Pandemie schnell überwinden kann. Darauf sind unsere Entscheidungen ausgerichtet«, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Martina Fietz. Es gelte natürlich auch in diesem Fall die Meinungsfreiheit.
Für Dienstag kündigte die Sprecherin ein Gespräch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit 14 Kunst- und Kulturschaffenden an. Die Onlinediskussion ist Teil der Reihe »die Bundeskanzlerin im Gespräch«. Merkel hatte sich bereits mit Eltern, Studenten, Azubis, Ausbildern und anderen Gruppen über deren Lage in der Pandemie unterhalten. Die Teilnehmer am kommenden Dienstag wurden von Kulturverbänden wie dem Bundesverband Schauspiel und dem Deutschen Musikrat ausgewählt. Ob auch Schauspieler darunter sind, die sich an der aktuellen Videoaktion beteiligt haben, blieb zunächst unklar.
Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) machte ein Dialogangebot. Er könne sich ein Gespräch gut vorstellen, sagte er. »Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert.« Er könne gut verstehen, dass es wehtue, den Schauspielberuf über Monate nicht ausüben zu können.
»Die, die da sprechen, sind ja nicht die Notleidenden«
Der Deutsche Kulturrat, der Dachverband der Bundeskulturverbände, hatte sich im Gesetzgebungsverfahren darum bemüht, »in das Infektionsschutzgesetz eine Passage hereinzubekommen, dass auch bei einem Inzidenzwert über 100 Kulturveranstaltungen möglich sein können – natürlich nur unter freiem Himmel und mit strengen Hygienebedingungen.« Das sei leider nicht gelungen, räumte der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann ein. »Aber jetzt sind wir dran an der nächsten Runde.« Das Gesetz sei bis zum 30. Juni befristet und werde dann neu verhandelt.
Doch die Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihren Videos »machen uns jetzt das Leben sehr, sehr schwer«, so Zimmermann weiter: »Sie lassen unsere Forderungen übertrieben und verrückt erscheinen. Das ist nicht hilfreich.« Es habe ihn überrascht, dass die Aussagen der Clips alle in die gleiche Richtung gingen: »Wenn es dahinter ein gemeinsames Drehbuch gäbe, wäre das schon sehr problematisch, dann wäre es eine unschöne Kampagne.«
Natürlich dürften die Schauspielerinnen und Schauspieler sich so äußern, »und wir würden auch immer dafür kämpfen, dass sie es dürfen – aber deshalb muss es ja trotzdem nicht intelligent sein.« Die, die da sprächen, seien nicht die Notleidenden. »Andere im Kulturbereich haben seit 13 Monaten nicht arbeiten können.«
»Ironie und Sarkasmus lösen keine Widersprüche«
Ebenfalls kritisch äußerte sich der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda. Die Aktion #allesdichtmachen zeige, »wie zunehmend fragil die Lage in unserer Gesellschaft ist«, sagte der SPD-Politiker. »Sie zeigt auch, dass wir uns kümmern müssen und die Widersprüche unserer Zeit aussprechen und diskutieren müssen. Aber bitte konstruktiv und nicht bloß sarkastisch«, wandte Brosda ein.
Brosda wies darauf hin, dass die Kultur gerade überproportional getroffen sei. »Ironie und Sarkasmus aber lösen diese aktuellen Widersprüche in die falsche Richtung auf und drohen zynisch zu wirken. Bei allem Frust kann Zynismus nicht die richtige Haltung sein.«
Ok Leute, eine Stunde shitstorm ist mir persönlich genug. Geh dann mal in mich. Ich lösche die letzten Tweets, bin aber sicher, dass es möglich sein wird, eine gute und nachdenkliche Debatte über #allesdichtmachen zu führen; auch ohne Nazi-Vergleiche.
— Garrelt Duin (@GarreltDuin) April 23, 2021
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Der SPD-Politiker und WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin forderte am Freitagvormittag via Twitter die ARD-Gremien dazu auf, die Zusammenarbeit mit Schauspielern wie den »Tatort«-Stars Jan Josef Liefers und Ulrich Tukur zu beenden. Er löschte den Tweet allerdings nach kurzer Zeit wieder: »Gehe mal in mich«, schrieb er in einer neuen Nachricht.