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KUNST /HAPPENINGS Allzu unermüdlich

magazin der spiegel mit vorhängeschloß verschließen -- schlüssel am fenster herauswerten. Happening-Vorschrift von Wolf Vostell
aus DER SPIEGEL 47/1970

Sie haben »Straßen« aus Brotscheiben gebaut, öffentlich Federvieh zerrissen und ahnungslose Theaterbesucher zu Mitwirkenden improvisierter Schock-Spiele gemacht, die sie »Happenings« nannten. Sie galten jahrelang als Verrückte.

Doch die Happenisten, eine international gemischte Gesellschaft von Malern, Schauspielern, Kunsthistorikern und Musikanten, waren durch öffentlichen Protest nicht einzuschüchtern. In Hunderten von Happening-Veranstaltungen (auch »Aktionen«, »Situationen«, »Events« genannt) fuhren sie fort, die Bürger zu erschrecken und Ihr absonderliches Treiben als progressive Kunstpraxis zu rechtfertigen: Sie wollten den alten Gegensatz von Kunst und Leben verwischen und erfanden künstliche Ausnahme-Situationen (etwa eine Straßensperre zur Rush-hour), um zum Nachdenken über banale Alltags-Vorgänge zu zwingen.

Schon ein Jahrzehnt nach dem vom Amerikaner Allan Kaprow 1959 inszenierten Ur-Happening waren die von Futurismus und Dada-Bewegung inspirierten Eulenspiegeleien so berühmt, daß eine große historische Retrospektive fällig wurde.

Der Kölner Kunstverein hat sie jetzt in Form einer »Dokumentationsstraße« zusammengestellt. Auf riesigen Stellwänden exponiert darin der Schweizer Ausstellungsfachmann Harald Szeemann -- er Ist auch Generalsekretär der fünften, für 1972 geplanten »Documenta« -- rund 800 Plakate, Photos, Manifeste, Einladungskarten und Zeitungsausschnitte aus den Pionierjahren der Happening-Bewegung und der gleichen Zielen verpflichteten Künstlergruppe »Fluxus«.

Unter Glas Ist noch einmal die von Bazon Brock edierte »Bloom-Zeitung« zu sehen -- ein Raubdruck der »Bild-Zeitung« vom 8. April 1963, in dem der »Beweger« alle Eigennamen durch den Namen des Joyce-Helden Leopold Bloom ersetzt hatte. Auf alten Photos schabt die Cellistin Charlotte Moorman noch einmal topless ihr Instrument, wird an eine Aktion des alten »Fluxus« -Kämpfers Joseph Beuys aus dem Jahre 1964 erinnert: In der Berliner Galerie Block lag er damals acht Stunden in einen Teppich gerollt auf dem Fußboden und informierte die im Nebenraum harrenden Galeriebesucher fernmündlich über sein Befinden.

Szeemann dokumentiert auch die Schwarzen Messen jener Wiener Meister, die sich Aktionisten nennen und dadurch berühmt wurden, daß sie Lämmer ans Kreuz schlugen (Hermann Nitsch) oder die erogenen Zonen weiblicher Mit-Akteure mit Nahrungsmitteln panierten (Otto Muehl9.

Und natürlich ist Europas agilster Kaprow-Epigone, »der meist allzu unermüdliche Wolf Vostell« (Szeemann), auf der Dokumentations-Straße anzutreffen. Er hatte im November 1964 »In Ulm, um Ulm und um Ulm herum« Deutschlands bisher größtes Happening realisiert -- eine Omnibus-Odyssee mit 200 Teilnehmern und 24 Stationen, darunter ein Bundeswehrflugplatz und ein Stall, in dem vor aller Augen eine Kuh kalben sollte.

Noch sinnvoller als dieser Kölner Rückblick wäre allerdings eine Darstellung der Happening-Einflüsse auf Kunst und Leben gewesen. Sie sind beträchtlich: Das Happening, mittlerweile ein Alltagsbegriff« der Snackbars als Aushängeschild und Warenhäusern als Reklame nützt ("Happening der Mode"), hat nicht nur die objektlose »Konzept-Kunst« und die modischen »Mixed Media« vorbereitet -- Happening-Elemente haben auch neue Theaterformen (Straßentheater, »Living Theatre") ermöglicht. Selbst der Auftritt des Kommunarden Karl-Heinz Pawla vor einem Moabiter Gericht wäre ohne das Happening-Vorbild kaum denkbar.

Doch statt sein Ausstellungsthema derart zu erweitern, hat sich Szeemann damit begnügt, verdiente Happening-Veteranen zur Selbstdarstellung nach Köln einzuladen. Sie boten meist Reprisen früherer Veranstaltungen und offenbarten damit: Der alte Schwung ist hin.

Charlotte Moorman etwa -- den Busen diesmal mit zwei Miniatur-Fernsehschirmen verhüllt, fiedelte Bach; Nitsch kreuzigte Lämmer; Vostell karrte, wie einst in Ulm, eine trächtige Kuh herbei; Beuys verteilte ein Manifest ("Wahlverweigerung"); Bazon Broch, mittlerweile Ästhetik-Professor in Hamburg, propagierte, wie seit Jahren schon, in seiner Koje die »Abschaffung des Todes«, Nur Otto Muehl hat sich, wenngleich kaum zu seinem Vorteil, weiterentwickelt: Sein »mano-psychotisches Ballett« degoutierte mit exhibitionistischen Turnübungen (siehe Kasten Seite 254).

Doch das Kölner Publikum ertrug auch diese Eröffnungs-Eskapaden mit Toleranz. Allein die städtischen Dienststellen riskierten eine Art »Law and Order« -Happening: »Aufgrund der §§ 4, 5, 17 und 18 des Gesetzes über Aufbau und Befugnisse der Ordnungsbehörden« (so der amtliche Bescheid) entfernten sie Vostells Kuh und holten auch andere Happening-Requisiten aus dem Kunstverein: einen Hasen, ein Schwein sowie einen von Nitsch in Verwesung zurückgelassenen Schafskadaver.

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