Hip-Hop-Serien »Almost Fly« und »Hype« Generation Walkman versus Generation Insta

Zwei neue Serien verhandeln ein ähnliches Thema mit unterschiedlichen Ansätzen: In »Almost Fly« geht es um die Anfänge des Hip-Hop, in »Hype« um die Gegenwart. Wo gelingt was besser?
Szene aus »Almost Fly«: Ben (Andrew Porfitz) und Walter (Samuel Benito) während ihres Auftritts im California

Szene aus »Almost Fly«: Ben (Andrew Porfitz) und Walter (Samuel Benito) während ihres Auftritts im California

Foto: Gordon Timpen / Gordon Timpen / Warner TV Serie

Die Storys

Die Serie »Almost Fly« (übersetzt: »Fast oder beinahe cool«) erzählt von drei Außenseitern in dem fiktiven Örtchen Eichwald, irgendwo in den Neunzigerjahren der westdeutschen Provinz. Schwarze Breakbeats und Graffitis sind hier genauso exotisch wie die ersten DDR-Bürger, die nach dem Mauerfall zur Jobsuche kommen. Hier wachsen Walter (Samuel Benito), Ben (Andrew Porfitz) und Nik (Simon Fabian) auf, drei 17-jährige, nerdige Realschüler. So hat Nik zum Beispiel keinen guten Lauf bei den Mädchen, kann aber aus Lego ein Mischpult bauen. Als ein Cadillac mit schwarzen GIs der nahen US-Base um die Ecke biegt, verändern ein aus den Boxen wummernder Beat und eine anschließende Party ihr Leben. Von nun an wollen sie nur noch eins: rappen. Doch wie kommt man in Eichfeld eigentlich an einen verdammten Beat? Und es gibt noch mehr Probleme: ihr Englisch ist zu räudig. Auch deshalb landen sie beim Deutschrap.

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Die Serie »Hype« dagegen zeigt die Rap-Gegenwart in der Großstadt. Die Absoluten Beginner wollten Hamburg 2016 wieder auf die Karte packen. Die Macher von »Hype« versuchen es mit Köln-Porz. Genauer gesagt mit dem Stadtteil Finkenberg, der zu Köln-Porz gehört. Die Serie erzählt eine Geschichte der Jetztzeit rund um junge Erwachsene in einem sogenannten sozialen Brennpunktviertel.

Die Hauptfigur ist Musa (Soufiane El Mesaudi). Er hat sich vorher mit Zeitarbeitsjobs durchgeschlagen. Als ihm sein Chef den versprochenen Festvertrag verweigert, reicht es ihm. Er wirft hin, beginnt wieder zu rappen und macht sich auf die Suche nach seinem Hype. Den hat die Influencerin Naila (Nora Henes) schon bekommen. Naila stammt auch aus Porz, hat es aber mittlerweile bis auf die andere Rheinseite geschafft.

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Die Story von »Almost Fly« beleuchtet in einer Retrospektive die Zeit der Walkmans und der Mixtapes, also die Zeit, lange bevor Hip-Hop Mainstream war. »Hype« die Gegenwart. Was beide Serien eint: Es geht um junge Menschen, die von mehr träumen, als ihnen Eichwald oder Köln-Porz zu bieten haben. Und Menschen mit Träumen sind immer unbedingt erzählenswert.

Drehstartfoto von »Hype«: v.l.n.r.: Soufiane El Mesaudi, Valentina Leone, Nora Henes, Leonidas Emre Pakkan, Chris Gabriel Oliviera. Vorn: Patrick Phul und Esra Phul

Drehstartfoto von »Hype«: v.l.n.r.: Soufiane El Mesaudi, Valentina Leone, Nora Henes, Leonidas Emre Pakkan, Chris Gabriel Oliviera. Vorn: Patrick Phul und Esra Phul

Foto: WDR/eitelsonnenschein/PictureMeR

Die Macher

Hinter »Almost Fly« steckt das Produktionsteam um Quirin Berg und Max Wiedemann, die mit »4 Blocks« und »Para – Wir sind King« bereits bewiesen haben, was sie im Serienbusiness draufhaben. Regie und Drehbuch macht Florian Gaag, der mit »Wholetrain« bereits eine Doku über die Graffitiszene verantwortete, die einen Grimmepreis erhielt.

Hinter »Hype« steht das Ehepaar Esra und Patrick Phul, die vor zwei Jahren eine eigene Produktionsfirma gegründet haben – im Filmbusiness aber noch ziemliche Newcomer sind. »Hype« ist ihr erstes Fiction-Projekt. Vorher hat Patrick Phul lange selbst Musik gemacht und in der Hip-Hop-Formation Deadline Porz gerappt. Das Video »Immigranten Muzik« von ihr hatte mittlerweile über 1,3 Millionen Aufrufe. Es scheint, als verstehe Patrick Phul etwas von Hypes, Esra Phul auch. Sie hat vorher als Medienberaterin gearbeitet und unter anderem auch das Künstlermanagement von Influencern gemacht. Patrick Phul ist selbst in Köln-Porz groß geworden, Esra Phul in Rösrath.

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Was funktioniert gut, was nicht?

»Hype« wird als »erste deutsche Rap-Musical-Serie« verkauft, was zunächst irritiert. Denn was hat Rapmusik mit »König der Löwen« zu tun? Tatsächlich funktioniert die Hybridform aus Gesang, Tanz und Schauspielszenen dann aber überraschend gut. Die Übergänge sind organisch, das Gespür der Künstler für Timing beeindruckend. Oft sind die Rapteile gesungene und getanzte Monologe, die Vorangegangenes reflektieren – und den Szenen eine berührende Metaebene hinzufügen. Auch die Beats sind toll, was sicher daran liegt, dass sie Frio produziert hat, der unter anderem auch für und mit Shirin David arbeitet.

Sehnsucht nach Fame und Geld: Musa (Soufiane El Mesaudi, l.) und Luis (Chris Gabriel de Oliveira, r.) machen auf Social Media Welle für ihr neues Musikvideo

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Foto: Taimas Ahangari / WDR

Die Regisseurinnen Esra und Patrick Phul von »Hype« haben die Serie vor allem mit Laienschauspielerinnen und -schauspielern besetzt, um eine größere Authentizität herzustellen. Auch das ist eigentlich eine gute Idee, bei Filmen wie »City of God« zum Beispiel hat das auch grandios funktioniert. Leider bekommt man beim Gucken von »Hype« in den geschauspielerten Teilen häufig den Eindruck, die Darsteller würden so spielen, wie sie glauben, dass Schauspieler spielen müssten. Und dadurch verlieren sie manchmal ihre eigene Magie.

Zudem wird der Konflikt »In Köln-Porz-Finkenberg bleiben oder gehen« etwas übererzählt. Generell ist toll, mal einen anderen Stadtteil als Berlin-Mitte – und das auch noch aus der Perspektive derer, die dort aufgewachsen sind – zu erzählen. Beim Zuschauer bleibt am Ende aber leider der Eindruck, dass man dem Ort über das Klischee hinaus (Hochhäuser, Drogen, Armut, Hoffnungslosigkeit) auch in »Hype« nicht viel andere Facetten hinzugefügt hat. Aber vielleicht geht es in »Hype« auch einfach um den letzten gerappten Satz, der lautet: »Wir teilen diesen Schmerz, du bist nicht allein.«

Ben (Andrew Porfitz), DJ Nasty (David Mayonga), Alex (Laurids Schürmann), Denise (Paula Hartmann)

Ben (Andrew Porfitz), DJ Nasty (David Mayonga), Alex (Laurids Schürmann), Denise (Paula Hartmann)

Foto: Gordon Timpen / Warner TV Serie

In »Almost Fly« könnte man bemängeln, dass manchmal die Dialoge nicht ganz zeitgemäß sind (manchmal werden Begriffe verwendet, die in den Neunzigern definitiv nicht en vogue waren), aber das größte Problem von »Almost Fly« ist, dass die Geschichte extrem langsam in die Gänge kommt. Die Erzählart ist leider stellenweise so träge, dass sie sich gefährlich nahe dem Bereich der Langeweile annähert. Wer durchhält, entdeckt aber viel Schönes (zum Beispiel zärtlich erzählte Liebesgeschichten und Familienkonstellationen). Zudem findet jeder, der in den Neunzigern erwachsen wurde und seine Zeit bei Battleraps in Jugendklubs in der Provinz verbrachte, ein Stück von sich wieder.

Man kann sagen: »Hype« ist schneller und innovativer, aber »Almost Fly« ist tiefgründiger und in der Ausstattung und Schauspielleistung wertiger. Zudem lernt man mehr über Hip-Hop als bei »Hype«. Beide Produktionen haben aber ihre Berechtigung. Bleibt zu hoffen, dass sie – anders als zum Beispiel die Netflix-Produktion »Skylines« – über eine erste Staffel hinauskommen.

»Almost Fly«: sechs Folgen, seit dem 2. Mai auf Warner TV Serie (im Streaming über Sky und Magenta TV)

»Hype«: fünf Folgen, seit dem 6. Mai in der ARD-Mediathek und im YouTube-Kanal von WDR Cosmo